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24.10.2007

Die Hotelmeile am Bahnhof ist passé

"Wann endlich erhält Augsburg eine Bahnhofstraße?" So fragte 1852 ein Bürger in einem offenen Brief in einer Tageszeitung an. Die Diskussion um eine verkehrsgerechte Verbindung zwischen der Innenstadt und dem 1846 eröffneten Bahnhof wurde vor 155 Jahren wieder einmal angefacht. Doch die Frage war zu diesem Zeitpunkt nicht zu beantworten.

Von Franz Häußler, Augsburg

"Wann endlich erhält Augsburg eine Bahnhofstraße?" So fragte 1852 ein Bürger in einem offenen Brief in einer Tageszeitung an. Die Diskussion um eine verkehrsgerechte Verbindung zwischen der Innenstadt und dem 1846 eröffneten Bahnhof wurde vor 155 Jahren wieder einmal angefacht.

Doch die Frage war zu diesem Zeitpunkt nicht zu beantworten. Augsburg ist nämlich anno 1852 immer noch von einem geschlossenen Mauerring umgeben, der nur durch die alten Stadttore zu passieren ist. Wo heute der Königsplatz liegt, steht das Gögginger Tor. Den Durchblick zum Bahnhof verhindert eine gewaltige Bastion. Das schmale "Pferseer Gäßchen" führt durch eine Gartenlandschaft zum Bahnhof. Die Situation vor 150 Jahren ist heute kaum mehr vorstellbar.

Erst nach dem Abbruch des Tores und der Einebnung von Wall und Graben (1862) kann an die Gestaltung des neuen "Göggingerthorplatzes" (er heißt seit 17. Juli 1869 Königsplatz) und die Anlegung eines "Boulevards" zum Bahnhof gegangen werden. Ein Bebauungsplan für das neue Viertel wird auf dem Reißbrett festgelegt, und als Erstes wird die Straßentrasse ausgeführt. Am 6. Mai 1866 weist eine kurze Zeitungsmeldung auf die Fertigstellung hin. "An der neuen Bahnhofstraße, die nunmehr dem Verkehr übergeben werden kann, sind die Gaslaternen bereits aufgestellt." Sie verlaufe "vom Bayerischen Hof bis zur Eisenbahn", heißt in einer Planbeschreibung.

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Das heißt im Klartext: Noch bevor die Straße fertig war, stand an der Ecke Bahnhofstraße/Schaezlerstraße das Hotel "Bayerischer Hof". Gastronomen und Hoteliers waren die Ersten, die zwischen dem neuen Bahnhof und der Stadt bauten. Drei große Café-Restaurants wurden zwischen 1865 und 1869 an der heutigen Kurzen Bahnhofstraße beim Königsplatz errichtet. Der "Bayerische Hof" war nur durch die Straße von der Königsplatz-Grünanlage getrennt. Er wurde mehrfach erneuert und fiel 1944 Bomben zum Opfer. Seinen Platz nimmt jetzt das LEW-Gebäude ein.

Schon um 1800 gab es weit vor der Stadt auf dem Weg nach Pfersee einen Gasthof mit 12 Fremdenzimmern. Er war hervorragend platziert, als in unmittelbarer Nähe 1845/46 der neue Bahnhof erstand. Er wurde vergrößert, bekam 1856 den Namen "Zu den drei Kronen" und wurde 1879 durch einen Hotelneubau mit 60 Betten ersetzt. Augsburger/innen im Seniorenalter kennen noch das 1929 modernisierte und auf 90 Zimmer mit 130 Betten erweiterte "Drei-Kronen"-Hotel, das den Zweiten Weltkrieg überstand. Es wurde nämlich erst 1970 geschlossen und im Jahr darauf abgebrochen. Ein Geschäftshaus steht jetzt auf dem Areal, auf dem sich früher das Hotel und der zur Bahnhofstraße hin offene Garten befanden.

Als weiteres Hotel im Bahnhofsbereich erstand an der Rückseite von "Drei Kronen" 1866/67 der "Bamberger Hof" (Halderstraße 16). Der vierstöckige Hotelbau mit Garten, Café und Restauration werde "dem hochverehrlichen hiesigen und auswärtigen Publikum durch elegante und comfortable innere Einrichtung sämtlicher Fremdenzimmer und der Gast-Salons, verbunden mit reellster Bedienung bestes Renommee zu erwerben und stetsfort zu erhalten suchen", heißt es in einem Inserat vom 7. Juni 1867, als zur Eröffnungsfeier eingeladen wurde. Den "Bamberger Hof" und seinen Ballsaal überliefern nur mehr alte Ansichtskarten.

Die Erinnerung daran ist verblasst, denn bereits kurz nach dem Ersten Weltkrieg endete der Hotelbetrieb. Der Konzert- und Ballsaal wurde zum Kino "Gloria-Palast" umfunktioniert.

Den Platz des um 1900 eingerichteten Bahnhof-Hotels "Viktoria" (Ecke Bahnhof-/Viktoriastraße) nimmt jetzt die Viktoria-Passage ein. Das im Krieg nur gering beschädigte Hotel mit den populären "Viktoria-Bierhallen" war bis 1949 von den Amerikanern beschlagnahmt. Um dem Mangel an Übernachtungsmöglichkeiten abzuhelfen, wurde unmittelbar daneben (Bahnhofstraße 28) 1946/47 das 60-Betten-Hotel "Union" errichtet.

Es fiel nach nur relativ kurzer Betriebszeit zusammen mit dem "Viktoria" der Abbruchbirne zum Opfer, um für einen gewaltigen neuen Baukomplex mit Wohnungen, Kanzleien, Büros und Geschäften Platz zu machen.

Zu den verschwundenen einstigen "Bahnhofshotels" zählt auch der 1971 abgebrochene "Kaiserhof" an der Ecke Halder-/Hermanstraße. Daran und am "Drei Kronen"-Garten hängen noch die meisten Erinnerungen jener, die in jungen Jahren die besondere Atmosphäre dieser beiden gastronomischen Betriebe genossen. Einige Hotelneubauten in unmittelbarer Bahnhofsnähe bieten zwar modernsten Komfort, wirken aber längst nicht mehr so markant wie die verschwundenen stilvollen Häuser.

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