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Wertingen

17.05.2019

Die Kitzfahnder aus Hirschbach

Mit Stangen und Stiefeln ausgerüstet, spüren sie von Rehgeißen abgelegte Kitze im hohen Gras auf und retten sie vor dem Mähtod. Die „Kitzfahnder“ sind unterwegs rund um Hirschbach – eine Initiative von Dorfbewohnern, Landwirten und Jägern.
Bild: Hertha Stauch

Landwirte, Jäger und Dorfbewohner ziehen an einem Strang und retten Rehe vor dem Mähtod. Sie würden sich wünschen, dass dies Schule macht

Es klingt nicht schön, was Josef Fischer da erzählt: „Jeder, der mäht, hat schon mal ein Kitz angefahren.“ Der Landwirt weiß: „Du hast keine Chance, wenn du oben auf dem Mäher sitzt, da kannst du nichts sehen.“ Die Maschine häckselt alles klein, es ist ein Vorgang von Sekunden, in denen auch das Kitz zerstückelt wird.

Die Landwirte wollen das nicht, denn es ist ja nicht so, dass so etwas spurlos an einem vorübergeht, gesteht Josef Fischer ein. So hatte er eine Idee – und die funktioniert inzwischen reibungslos im Dorf. Zusammen mit Ortsbäuerin Ingrid Kratzer, Jagdpächter Josef Schuster und Jägerin Sandra Endreß wurde eine Gruppe gegründet, die sich trifft, um die Kitze zu retten. 26 „Kitzfahnder“ sind es inzwischen, die mit Stock und Stiefeln die Wiesen durchstreifen, um Kitze aufzuspüren und vor dem Mähtod zu retten.

Sachverstand ist erforderlich

Doch das ist eine Sache, die mit Sachverstand angegangen werden muss und Organisationstalent erfordert. Die Hirschbacher Landwirte melden sich bei Ingrid Kratzer, wenn sie mähen wollen. Und die Ortsbäuerin trommelt dann per WhatsApp ihre Mannschaft, die hauptsächlich aus Frauen besteht, zusammen. Frühmorgens geht es auf die Wiesen, um das Gelände abzusuchen. In Reihen und mit langsamen Schritten tasten sich die Kitzfahnder vorwärts. „Ein Kitz kann leicht übersehen werden“, sagt Sandra Endreß. Die Jägerin kennt sich aus in der Hirschbacher Flur, weiß, wo sich Rehgeißen und Kitze aufhalten und hat einen Instinkt dafür entwickelt, wo die Geißen ihren Nachwuchs abgelegt haben könnten. Kitze drücken sich instinktiv ins hohe Gras, machen sich flach und klein, man kann leicht an ihnen vorbeigehen, ohne sie zu erkennen. So sind die Hirschbacher glücklich, dass sie am vergangenen Montag neun Kitze vorfanden, als sie sage und schreibe 26 Hektar Wiesen abgelaufen waren. Die jüngsten waren Zwillinge und erst einen Tag alt, das größte Kitz war bereits 14 Tage alt. Endreß wertet die Montags-Aktion als großen Erfolg. „Die Tiere machen sich im Gras fast unsichtbar, nur so können sie überleben. Für eine Flucht sind sie zu klein und zu langsam“, weiß die Expertin. Sieben Stunden Fußmarsch hatten die Kitzfahnder am Montag hinter sich – klar, dass es zum Schluss Kaffee und Kuchen auf dem Kratzerhof gab. Ein zweites Mal ging’s dann am Mittwoch raus auf die Wiesen. 25 Hektar waren es diesmal, und bis zum Abend wurden drei Rehkinder gerettet.

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Am Donnerstag war nochmals ein kleiner Einsatz, doch diesmal hatten von Jägern am Vorabend aufgestellte „Kitzretter“ schon ihre Wirkung gezeigt, denn es befanden sich keine Kitze mehr auf den Wiesen. Kitzretter sind technische Hilfen, die jedoch nicht immer funktionieren und die Hilfe durch den Menschen nicht ersetzen, meint Sandra Endreß. Das Aufspüren der Kitze sei eine diffizile Sache. Sind sie entdeckt, so dürfen sie auf keinen Fall angefasst werden – die Geiß würde den Menschen wittern und ihr Kind nicht mehr annehmen. Also muss das Kitz vom Helfer behutsam mit Handschuhen, die Hände außerdem umwickelt mit Grasbüscheln, getragen werden. Die Hirschbacher tragen das Tier in einer Schachtel an einen sicheren Ort in der Nähe und legen es ab. Die Geiß findet ihr Kitz später wieder, da es sich mit besonderen Rufen – es fiept – bemerkbar macht, wenn die Mutter naht.

Sandra Endreß betont, dass man als Laie die Rehlein auf gar keinen Fall im Alleingang „retten“ darf, man sich schlimmstenfalls der Wilderei schuldig macht. Denn unsachgemäßes Handeln bedeute ebenso den Tod der Tiere wie das Mähen. Wer zufällig ein Kitz entdeckt, soll den Jäger rufen und das „Bambi“ auf keinen Fall anfassen.

Die Kitzfahnder in Hirschbach leisten nicht nur der Tierwelt einen Dienst, sondern auch den Landwirten. „Für die Landwirte ist es von großer Bedeutung, dass die Silage nicht durch verletzte oder getötete Tiere verunreinigt wird,“ berichtet Jägerin Endreß.

Der Jagdvorstand freut sich

Die Initiative stößt beim neu gewählten Jagdvorstand Robert Deuringer auf großes Wohlwollen: „Ich bin stolz auf die Hirschbacher“, freut er sich, „das ist sehr sinnvoll, was die hier leisten. Und sie opfern auch ihre Freizeit dafür.“ Im Gegensatz zur gelungenen Kitzfahndung gibt es vonseiten der Jäger in Hirschbach aber auch Trauriges zu berichten. So wurde vor Kurzem eine mit Zwillingen hochträchtige Rehgeiß von einem Hund gerissen und schwerstverletzt. Den Jägern blieb nur, das Tier zu erlösen – eine schwere Aufgabe, „zumal die Herzen der Ungeborenen noch geschlagen haben“, bedauert Sandra Endreß.

Sie und Deuringer appellieren deshalb an Hundebesitzer, ihre Vierbeiner unbedingt beim Spaziergang an die Leine zu nehmen: Grundsätzlich dürften Hunde in einem Jagdrevier nicht unbeaufsichtigt freigelassen werden.

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