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Wertingen

09.12.2019

Die Uhr tickt für eine Wertinger Uhrmacherin

Abschied nach 46 Jahren - Marianne Storr aus Zusamzell hat drei Generationen der Wertinger Familie Hirn als Chefs erlebt. Viele Kunden schätzten auch ihre einfühlsame Beratung.
Bild: Bärbel Schoen

Marianne Storr erlebte derzeit ihr letztes Weihnachtsgeschäft. Die 63-Jährige geht nach 46 Arbeitsjahren in Wertingen in Rente. Sie hat viele Wandlungen miterlebt. Was heute bei Uhren im Trend liegt.

Morgens um neun Uhr kommen schon die ersten Kunden. Es herrscht Hochbetrieb im Fachgeschäft für Uhren und Schmuck „Hirn“ in Wertingen. In der Vorweihnachtszeit wird hier derzeit jede Arbeitskraft benötigt. Für die Hegnenbacherin Marianne Storr nichts Neues. Es ist das 46. Weihnachtsgeschäft, das sie miterlebt. Es wird ihr letztes sein. Mit 63 Jahren verabschiedet sich die gelernte Uhrmacherin am Ende des Jahres aus dem Arbeitsleben – mit nur vier Fehltagen.

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Ein neuer Chef wächst schon heran

„Drei Chefs hatte ich in all den Jahren“, erzählt sie und blickt dabei auf den kleinen Vincent. „Da wächst schon ein neuer heran.“ Für Andreas Hirn und seine Frau Anina bedeutet der Weggang ihrer langjährigen Mitarbeiterin ein herber Verlust. Das gegenseitige Vertrauensverhältnis bezeichnen sie als außergewöhnlich. So führte Storr das Fachgeschäft während der Abwesenheit der Chefs in Urlaubszeiten zuverlässig weiter. Den Generalschlüssel bekam sie schon bald überreicht.

Viele der Stammkunden schätzen die Frau hinter dem Verkaufstisch und vertrauen auf ihre Beratung. So wie an diesem Dienstagmorgen. Eine Kundin hat nach zehn Minuten die richtigen Ohrringe gefunden, eine andere zeigt sich nach einer knappen Stunde zufrieden und lässt drei Schmuckteile – Halskette, Armband und Creolen – für Weihnachten reservieren. Eloquent führt Marianne Storr ihre Kundschaft zum Ziel. Manchmal überzeugt sie mit ihrem eigenen Schmuck, den sie trägt. „Das ist manchmal das beste Verkaufsargument“, sagt sie und freut sich.

Die Uhr tickt für eine Wertinger Uhrmacherin

Ein Glücksfall war das Schaufenster

Doch zurück zum Anfang: Der berufliche Werdegang beginnt vor über vier Jahrzehnten etwas holprig, die Lehre zur pharmazeutisch-technischen Assistentin bricht sie nach wenigen Wochen ab. Storr: „Ich merkte schnell, dass es mir nicht taugte.“ Als Glücksfall erweist sich dagegen die Wartezeit an der Bushaltestelle vor der Berufsschule in Pfersee. Täglich blickt sie dort in das Schaufenster eines Juweliergeschäftes. Da reift der Plan heran, Goldschmiedin zu werden. Doch daraus wird nichts. Lehrstellen sind um diese Zeit längst besetzt. Nur Simon Hirn, der Wertinger Seniorchef, bietet ihr spontan noch einen Lehrvertrag an. Jedoch nicht als Goldschmiedin, er braucht einen Uhrmacher. So steigt die damals 17-Jährige um und profitiert vom Wissen ihres Großvaters. „Er war Uhrmacher aus dem Sudetenland. Ich schaute immer zu, wenn er in der Küche in Zusamzell Großuhren und Wecker reparierte“, erinnert sich Marianne Storr. Von ihrem Opa hat sie offensichtlich das ruhige Händchen und das technische Verständnis geerbt. Am 1. Februar 1973 beginnt die Quereinsteigerin Marianne Storr die Uhrmacherlehre als einziges Mädchen in der Sparte. Am Ende der Lehrzeit schließt sie als drittbeste Landessiegerin in Bayern ab. Bei ihrem Lehrherrn Simon Hirn lernt sie alles über Chronographen und deren Innenleben, das aus über 250 Teilen besteht. Sie zerlegt Uhren, feilt, fräst und dreht millimetergenau kleinste Teile. Die schmerzenden Blasen an den Fingern hat sie bis heute nicht vergessen.

Große Umwälzungen in Wertingen erlebt

Marianne Storr erlebt in den 80er Jahren große Umwälzungen mit dem Aufkommen elektrischer Uhren. Das Reparieren und Instandsetzen von Uhren nimmt rapide ab. „Früher bekamen wir wöchentlich bis zu 30 Uhren zum Überholen, heute sind es nur noch ein bis zwei.“ Jetzt geht es hauptsächlich darum, Batterien einzusetzen, ein Glas auszuwechseln, Armbänder zu befestigen oder zu gravieren.

Auch in das digitale Zeitalter gerät sie während ihres Arbeitslebens hinein und braucht dabei „starke Nerven“. Sie lernt nicht nur den Umgang mit dem Online-Shop. „Die jungen Leute kommen oft mit einem Bild auf dem Handy zu uns ins Geschäft“, berichtet sie von verändertem Kaufverhalten. Da gilt es, im Internet zu recherchieren oder auf ähnliche Produkte im Laden zurückzugreifen.

Bereut hat die 63-Jährige bis heute nichts. Denn mechanische Uhren liegen wieder voll im Trend. Die Kunden legen Wert auf Handarbeit und Nachhaltigkeit. Die Wegwerfmentalität kommt immer mehr auf den Prüfstand. Die Fein-Handwerkerin, Kundenbetreuerin und Verkäuferin erklärt: „Uhren sind niemals out und bei Männern und Frauen ein beliebtes Accessoire wie bei Kleidung.“ Daran werde sich so schnell nichts ändern, glaubt sie.

Dem ursprünglichen Wunsch ganz nahe

Dass sie am Ende ihrer Berufstätigkeit doch noch ihrem ursprünglichen Wunsch ganz nahe kam, verdankt sie Andreas Hirn. Er wurde 2013 ihr neuer Chef. Und er beherrscht neben dem Uhrmacherhandwerk auch das Handwerk im Gold- und Silberschmieden meisterlich.

Der Beruf der Uhrmacherin ist für die 63-Jährige ein Traumjob geworden. Am 31. Dezember wird Marianne Storr ihm „adieu“ sagen.

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