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Buttenwiesen

08.08.2018

Dieses Naturschutzgebiet freut nicht jeden

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3 Bilder
Christian Fendt demonstriert den „Beetle“ – ein Gerät, das es erlaubt, besonders schonend an Pflanzensamen zu gelangen. Das Projekt habe durch die Teamarbeit von vielen Beteiligten geklappt, heißt es von der Regierung von Schwaben – etwa der Gebietsbetreuerin Michaela Schneller, Biodiversitätsbeauftragte Annika Sezi und Claudia Eglseer.
Bild: Benjamin Reif

Das Projekt „Ökoflächen Buttenwiesen“ war nur durch viele Jahre zäher Verhandlungen möglich. Jetzt sollen Moorböden und Wiesenbrüter geschützt und artenreiche Wiesen etabliert werden. Ein Aktivist hält das aber für Blendwerk

Anstrengende Jahre liegen hinter Anton Burnhauser. Er hält eine alte Karte in die Höhe. Da sind die früheren Flächen farbig hervorgehoben, die einst für ein Naturschutzvorhaben zur Verfügung gestanden haben. Es sieht aus, als hätte jemand wahllos kleine Farbkleckse auf die Karte gespritzt, die Gebiete sind klein und wild verteilt. Aus diesem Gewimmel sollte das Projekt „Ökoflächen Buttenwiesen“ entstehen, welches sich wiederum in das europaweite Projekt Natura 2000 einreiht und mit anderen Naturschutzflächen vernetzt ist.

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Auf Einladung der Regierung von Schwaben wollen sich rund 60 Gäste selbst ein Bild von dem neuen Vorzeigeprojekt machen, das im Thürheimer Ried zwischen Wertingen und Buttenwiesen entstanden ist. „Hier wird viel Pionierarbeit geleistet“, sagt Burnhauser, der – inzwischen pensioniert – bis Anfang des Jahres das Projekt bei der Regierung geleitet hat.

75 Hektar ist allein das Teilgebiet im Thürheimer Ried groß – gemeinsam mit den Flächen im Pfaffenhofener Ried und den Lauterbacher Ruten entstand ein zusammenhängendes Gebiet mit rund 350 Hektar Fläche, welches dem Naturschutz gewidmet ist. Die Ziele von „Ökoflächen Buttenwiesen“ sind ambitioniert und klar definiert. Früher waren weite Teile des Rieds Moorgebiete. Diesen „moorigen Charakter“ zu schützen, ist ein Ziel des Projekts, da die Böden unter anderem viel CO2 speichern. Außerdem soll das Gebiet wieder Lebensraum für Wiesenbrüter werden – allen voran für den Großen Brachvogel sowie den Kiebitz. Und drittens, vielleicht das laut Burnhauser ambitionierteste Ziel: Die Wiesenlandschaft soll, zumindest in Teilen, wieder so vielfältig blühen „wie früher, als man noch problemlos einen Blumenstrauß zum Muttertag pflücken konnte“. Das große, übergreifende Ziel heißt„Biodiversität“. Das Projekt befindet sich derzeit im zweiten Jahr – man sei mit der Entwicklung zufrieden und lerne konstant in verschiedensten Bereichen dazu, sagt Burnhauser.

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Vor der durchgeführten Flurneuordnung herrschte im Thürheimer Ried ein Flächenwirrwarr mit vielen Besitzern. Neben diversen Landwirten besaß dort vor allem die LEW/RWE große Flächen, da es früher Pläne gab, auf dem Gebiet ein Kernkraftwerk zu errichten. Aber auch die Naturschutzverbände Bund Naturschutz, Landesbund für Vogelschutz, Straßenbauamt, Wasserwirtschaft, die Stadt Gersthofen und nicht zuletzt die Gemeinde Buttenwiesen haben laut Burnhauser Flächenbesitz in die Flurneuordnung eingebracht und sind Partner des Projektes.

Etwa um das Jahr 2009 herum begannen die Verhandlungen, um die einzelnen Flächen zu einem stimmigen Ganzen zusammenzuführen. „Das war ein Kraftakt“, sagt Burnhauser. Der Landtagsabgeordnete Johann Häusler (Freie Wähler) bekam zu dieser Zeit viele Anfragen und Vermittlungsgesuche von privaten Grundbesitzern, wie er sagt – hauptsächlich Landwirten, die ihre Flurstücke unfair bewertet sahen. „Es gab Anliegen, die waren legitim, und solche, die waren es nicht“, sagt Häusler. Wie gut ein Grundstück bewertet wurde, konnte für den Eigentümer große finanzielle Unterschiede oder bessere Ausgleichsflächen bedeuten.

Klar wird aus den Ausführungen Burnhausers und Häuslers: Die Interessen der Landwirte waren und sind ein wesentlicher Faktor im Management der Flächen. Die Regierung von Schwaben berichtet, dass 50 Hektar des Gebiets „von Acker zu Wiese“ transformiert worden seien. Das Gebiet wird allerdings in Zukunft landwirtschaftlich genutzt – „extensive Nutzung“ heißt das Konzept. Dafür werden die Flächen nur ein- bis zweimal im Jahr gemäht, und große Teile zeitweise, allerdings nur in geringen Stückzahlen. Ab 2019 sollen die Tiere auf den Wiesen weiden. Dadurch soll ein Synergieeffekt greifen: Durch die Kühe sollen Raubtiere wie Füchse abgeschreckt und somit die Wiesenbrüter geschützt werden.

Kiebitz und großer Brachvogel benötigen eine Schutzzeit von April bis Mitte Juni – in dieser Zeit dürfen auf den Ökoflächen keine landwirtschaftlichen Arbeiten verrichtet werden. Bei dem Projekt kommt Agrarmanager Lothar Kempfle vom Regionalentwicklungsverein „Donautal Aktiv“ eine Schlüsselrolle zu. Dieser stellte dem Publikum seine Arbeit ebenfalls vor – er koordiniere die Arbeiten der Landwirte, sodass diese sich auch mit den Naturschutzauflagen vertragen.

Ein großes Problem stellt momentan die Wasserversorgung dar – der Boden ist aufgrund der geringen Regenfälle der vergangenen Monate ausgetrocknet. Flutmulden, an denen die Wiesenbrüter eigentlich nach Nahrung suchen sollten, führen kaum mehr Wasser. Dabei wurden im Rahmen des Projektes an zwei Gräben Wasserregler installiert, um überschüssiges Regenwasser zurückhalten zu können. Doch gerade ist keines da – die Dürre hinterlässt hier ihre Spuren.

Das Wasser ist das Stichwort, bei dem sich bei der Besichtigung eine Diskussion zwischen Burnhauser und dem Umweltaktivisten Josef Schrallhammer auftut. Denn Schrallhammer ist ein scharfer Kritiker des Biodiversitätsprojekts „Ökoflächen Buttenwiesen“ – in seinen Augen ist es „in der Fläche zu klein und in der Wirksamkeit zu gering“, wie er gegenüber unserer Zeitung sagt. Und in vielen Punkten sei das Konzept des Thürheimer Rieds als Naturschutzgebiet unausgereift.

Der Schutz der Wiesenbrüter ist ein Punkt, an dem Schrallhammer besonders heftige Kritik ansetzt. Er glaubt nicht, dass einige wenige Kühe einen Fuchs davon abhalten würden, Jagd auf Wiesenbrüter zu machen. Was dagegen in seinen Augen wirklich helfen würde, wäre ein drastischer Schritt: Die Rückkehr zu den ursprünglichen Feuchtwiesen, welche in seinen Augen auch eine Bedingung für die erhaltenen Fördergelder ein sowie festgeschriebenes Erhaltungsziel für das Natura-2000-Gebiet waren. Eine großflächige Wiedervernässung also.

Anton Burnhauser ist hier anderer Meinung. Ein solcher Schritt sei weder hilfreich für den Schutz der Wiesenbrüter, noch könne damit das Schutzziel „wertvolle Wiesen“ verwirklicht werden. „Man muss das große Ganze im Blick behalten“, sagt Burnhauser. „Es nützt unserem Anliegen nicht, wenn man sich nur auf die Moorgebiete konzentriert.“ Die Interessen der Landwirte zu beachten, sei ein wichtiger Baustein, um das Projekt zu einem Erfolg zu machen – diese befürchteten bei einer Wiedervernässung, dass ihre angrenzenden Ackerflächen durch den Anstieg des Grundwassers ebenfalls vernässt würden, was sie für den Anbau unbrauchbar machen würde.

Hinter der Mitwirkung der Landwirte vermutet Schrallhammer dagegen eher eine Maßnahme zur „Imagepflege“ als eine gewissenhafte Beteiligung am Naturschutz. Er stört sich außerdem daran, dass die Regierung über ihre Erfolge oder Misserfolge niemandem Rechenschaft ablegen muss. „Wer definiert denn, was eine erfolgreiche Arbeit zugunsten der Wiesenbrüter ist?“, fragt der Umweltaktivist. Es fehle hier an harten, verbindlichen Kriterien.

Umso mehr, da das Naturschutzgebiet nicht dafür ausgelegt sei, für die Menschen „erlebbar“ zu sein. Er sieht zwar, wie Burnhauser, Gefahren, die vom Menschen ausgehen. Doch nur, wenn die Leute Natur selbst erleben, könnten die Wichtigkeit der Arbeit und der Wert für die Natur im Bewusstsein der Bevölkerung verankert werden. Mit einer „intelligenten Wegeführung“ könnten Ausflügler an den sensiblen Bereichen der Brutgebiete vorbeigeführt werden. In diesem Punkt stimmt Anton Burnhauser den Ansichten Schrallhammers weitgehend zu. Er gibt aber zu bedenken, dass es eine schwierige Gratwanderung sei, das Naturschutzgebiet einerseits erlebbar zu machen. Andererseits wolle man auch nicht künstlich mehr Menschen in das Gebiet der Wiesenbrüter locken und diese bei ihrer Brut stören. Doch sei man für Gespräche über eine bessere Erlebbarkeit grundsätzlich offen, sagt Burnhauser.

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