1. Startseite
  2. Lokales (Wertingen)
  3. „Du – und so ein Auto?“

Zusamaltheim/Dillingen

07.11.2017

„Du – und so ein Auto?“

Außer dem Motor ist nur noch wenig so, wie es kurz vor der Wende in der DDR montiert wurde. Der Hobbyschrauber hat ihn im sogenannten „Ratlook“ umgebaut – wenn auch seiner Meinung nach vergleichsweise dezent. Die Reaktionen auf sein Gefährt sind durchweg positiv.
4 Bilder
Außer dem Motor ist nur noch wenig so, wie es kurz vor der Wende in der DDR montiert wurde. Der Hobbyschrauber hat ihn im sogenannten „Ratlook“ umgebaut – wenn auch seiner Meinung nach vergleichsweise dezent. Die Reaktionen auf sein Gefährt sind durchweg positiv.

Der Trabi wird 60. Bis heute gibt es begeisterte Trabi-Fahrer. Für einen Zusamaltheimer ist er gar ein Stück Heimat. Für jeden Nutzer hat das DDR-Auto seinen eigenen Reiz.

Spartanische Ausstattung, simple Technik und ein unverkennbares Design: Heute vor 60 Jahren lief der erste jemals produzierte Trabant vom Band. Produziert im VEB Automobilwerk Zwickau, wurde aus dem klobigen Auto schon bald ein Kultsymbol der DDR, das viel Stoff für Legenden bot.

Weiterlesen mit dem Plus+ Paket

Dieser Inhalt ist älter als 30 Tage und steht daher nur Abonnenten mit einem Plus+ Abo zur Verfügung.
Jetzt ab 0,99 € testen

Während es zur Zeit der DDR normal war, einen Trabi zu fahren, ist es im Jahr 2017 schon etwas Besonderes. Im alltäglichen Straßenverkehr sind die Kultautos kaum noch zu finden. Doch einer im Landkreis fährt den Trabi bis heute jeden Tag: der Dillinger Marian Kohler. Mit seinem hellblauen P601 legt er jede Strecke zurück. „Das ist mein Hauptwagen. Damit fahre ich alles“, sagt der 19-Jährige stolz. Einen anderen wolle er mittlerweile auch nicht mehr.

Ursprünglich, so sagt Kohler, wollte er einen Mercedes fahren. Doch dann kaufte sein Onkel vor ein paar Jahren ein DDR-Auto: einen Wartburg. „Damit war mein Interesse für solche Autos geweckt“, erzählt der 19-Jährige. Also kaufte er sich zum 18. Geburtstag einen Trabi. So wirklich erklären kann er seine Faszination nicht. „Das ist einfach voll mein Ding“, sagt er überzeugt. Da machen ihm die vielen Abstriche, die er mit so einem Fahrzeug machen muss, nichts aus. Denn sein P601 ist alles andere als luxuriös: Der Motor ist laut und das Auto fährt sich schwammig. Die einzige Anzeige im Auto ist ein Tacho. Den Drehzahlmesser hat der gelernte Landmaschinenmechaniker nachträglich selbst eingebaut. Wenn er die spärlichen 24 Liter im Tank aufgebraucht hat, kann er nicht wie jeder andere tanken: Denn der Tank versteckt sich unter der Motorhaube. Auch eine Tankanzeige sucht man im Trabi vergebens. Wer wissen will, wie viel Benzin er noch hat, der muss einen Stab in den Tank halten und so ablesen. Beim Fahren selbst gibt es dann noch mehr Eigenheiten: Berganfahren ist im Trabi eine Kunst für sich, über längere Strecken die Maximalgeschwindigkeit von 100 Stundenkilometer zu fahren, tut dem Auto auch nicht gut, und im Winter kann es schon mal vorkommen, dass der Vergaser einfriert und man an der Ampel plötzlich stehen bleibt. Und auch so falle er bei Polizeikontrollen immer wieder auf. „Oft halten mich die Polizisten aber nur auf, weil sie sich das Auto mal ansehen wollen“, erzählt Kohler lachend. Schief angeschaut werde man mit so einem Auto ohnehin ab und zu. Die meisten fänden den Trabant aber toll. „Viele Autofahrer grüßen mich, wenn ich in meinem Trabi vorbeifahre“, erzählt Kohler begeistert. Sein Alter erstaune da schon eher, schließlich fahren nicht viele 19-Jährige so ein Auto. In der Zulassungsstelle habe man sich zum Beispiel gewundert: „Was? Du – und so ein Auto?“

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.
Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Der 27-jährige Christian Dehmel aus Zusamaltheim hat schon unzählige Stunden Arbeit in seinen Trabi gesteckt, um ihm den sogenannten „Ratlook“ zu verpassen. Sein Fahrzeug ist eine außergewöhnliche Erscheinung, selbst für Autobastler-Verhältnisse. Der tiefergelegte Trabi ist komplett in einem rostbraunen Ton gehalten, tiefergelegt, vorne und hinten mit Mustern verziert und im Innenraum mit Plüschratten ausstaffiert. Auf dem Dach ist ein Fass angebracht, das Dehmel in mühevoller Kleinarbeit perfekt „alt“ aussehen ließ. „Eigentlich ist nur noch der Motor original“, sagt Dehmel. An Ersatzteilen mangelt es ihm nicht: Er hat noch andere Trabis, die er für Reparaturen ausschlachten kann.

Ursprünglich kommt Dehmel aus Sachsen, 2010 zog er nach Zusamaltheim. Von seinem Trabi sagt er: „Der ist ein Stück Heimat für mich“. In seinen Augen erlebt das Ostgefährt ein kleines Comeback unter Autofreunden. Nicht einmal einen Kilometer entfernt steht in der Garage von Elias Schmalz dessen Trabi. Einen besonderen Bezug zum Fahrzeug hat Schmalz nicht – er erwarb ihn günstig von einem Freund. Beim Komfort müsse man natürlich Abstriche machen, sagt der Zusamaltheimer und grinst. „Aber 100 km/h mit vier Leuten drin gehen schon.“ Quasi „stilecht“ baumelt im Innenraum noch eine Miniatur der DDR-Flagge mit Hammer, Zirkel und Ährenkranz vom Rückspiegel. Allerdings nicht als politisches Statement, sondern wegen des Gesamtbildes.

Christian Dehmel ist erfreut, wie viel positive Reaktionen er über die Jahre für sein Auto gekriegt hat. „Egal, wo ich hingekommen bin, habe ich immer Zuspruch bekommen. Die Leute winken, zeigen den Hochdaumen, geben Lichthupe – richtig gut.“

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren