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Laugna

07.03.2019

Einzel-Frau unter vielen Männern

Marion Bussmann auf der Rathaustreppe in Laugna: Sie ist die einzige Frau dort im Gemeinderat. Spaß macht ihr die Arbeit trotzdem.

Plus In Laugna gibt es nur eine Gemeinderätin. Marion Bussmann hat dennoch Spaß in ihrem Amt. Wie sie damit umgeht und welche Initiative sie ergreift, um bei mehr Frauen Interesse zu wecken

Der internationale Frauentag wird am heutigen 8. März begangen. Er entstand in der Zeit um den Ersten Weltkrieg im Kampf um die Gleichberechtigung und das Wahlrecht für Frauen. Vor hundert Jahren durften Frauen auch in Bayern erstmals wählen und konnten gewählt werden. Welche Erfahrungen macht eine aktive Kommunalpolitikerin heute in einer Zeit, in der Frauen in Kommunalparlamenten immer noch mangelnd vertreten sind? Darüber sprachen wir mit Marion Bussmann, einzige amtierende Gemeinderätin in Laugna.

Frau Bussmann, im Gemeinderat Laugna sind Sie die einzige Frau. Wie geht es Ihnen damit?

Marion Bussmann: Das Amt macht mir sehr viel Spaß. Durch meinen Beruf als Bauingenieurin bin ich auch im Bauausschuss. Das ist sehr kreativ, wir sind ein tolles Team dort.

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Wenn es Ihnen so Spaß macht, warum, denken Sie, geht es dann anderen Frauen nicht auch so, warum stellen sich so wenige für ein kommunales Mandat zur Verfügung?

Bussmann: Meine Erfahrung ist, dass Frauen, gerade auf dem Land, immer noch denken, dass sie das nicht können. Es gibt zwar eine ganze Menge treibende Kräfte unter den Frauen im Vereinsleben, aber selten ganz an vorderster Stelle. Ich sehe vor allem, dass Frauen im Hintergrund mitwirken oder bei der praktischen Arbeit. Aber richtig mitreden, auch in einem Gemeinderat, das trauen sie sich nicht. Deshalb will ich versuchen, das Interesse für Kommunalpolitik zu wecken und einen Frauenstammtisch ins Leben rufen. Ich will das durchbrechen, als Ansprechpartnerin da sein, die Angst nehmen vor scheinbaren Schwierigkeiten im Amt. Ich will den Frauen aufzeigen, wie wertvoll sie sind für eine Gemeinde. Das wird sehr spannend. Frauen haben etwas dazu beizutragen. Ich glaube auf der anderen Seite auch, dass Erziehungsmuster eine Rolle spielen, aus denen Frauen nicht heraus kommen. Dass diese Muster immer noch wirken und weiter gepflegt werden. Zum Beispiel im Spielwarengeschäft. Da hab ich gesehen, dass es das immer noch gibt: rosarot für die Mädchen und hellblau für die Jungs. Die klassische Rollenverteilung ist also immer noch aktuell. Ich dachte, wir wären darüber hinweg.

Marion Bussmann glaubt, Dinge mehr zu hinterfragen

Wie ist es denn Ihnen ergangen, wie sind Sie in die Kommunalpolitik gekommen?

Bussmann: Bei mir war das anders, mein Vater ist früh verstorben, meine Mutter hat für unseren Lebensunterhalt gesorgt. So hatte ich schon eine arbeitende, aktive selbständige Frau zum Vorbild. Meine zwei Schwestern und ich bekamen das vorgelebt. So erfuhr ich ein anderes Rollenbild. Dann entschied ich mich für ein Ingenieurstudium und erlebte dort als einzelne Frau unter Männern eine ganz andere Welt. Und ich habe gesehen: Männer hinterfragen sich nicht so, wie es Frauen tun. Wenn ich so wenig gekonnt hätte, wie diese Männer, hätte ich nie gewagt, zu studieren. Es hat mich zutiefst beeindruckt, wie die Männer mit ihrem Selbstverständnis umgehen, das war mir eine große Lehre. Die machen einfach, ohne Vorbehalte. Und Frau fragt sich ständig: Mache ich das auch richtig?

Und haben Sie es richtig gemacht, Frau Bussmann?

Bussmann: Mein Mann und ich, wir sind während unserer Studienzeit in Berlin Eltern von drei Kindern geworden. Damals gab es nicht die Betreuungsmöglichkeiten wie heute, so habe ich mich zunächst auf Familie konzentriert und als Bauingenieurin auch von zu Hause aus gearbeitet. Damals hatte ich keine Chance, als Mutter von drei Kindern eine Anstellung zu bekommen. Dann begann ich, mich ehrenamtlich zu engagieren als Elternbeiratsvorsitzende im Kindergarten und später in der Schule. Ich schaffte es, eine Schulbusbetreuung aufzubauen. Dann hat mich der dritte Bürgermeister bei der Nominierungsversammlung in Laugna für eine Gemeinderats-Kandidatur vorgeschlagen. Die Leute kannten mich, also wurde ich gewählt. Dann war die Elternbeiratszeit zu Ende...

...und Sie wurden nach sechs Jahren ein zweites Mal nicht gewählt.

Bussmann: Das ist auch etwas, das man akzeptieren muss. Man kann auch nicht gewählt werden. Ich habe mich also weiter ehrenamtlich eingebracht – und das stark in Wertingen. In der Stadtkapelle wurde ich Präsidentin und in der Musikschule Vorsitzende. Das hat mir unheimlich viel an Erfahrung gebracht, das war unglaublich gewinnbringend für mich. Da bekam ich auch die Motivation, dass man Einfluss nehmen kann auf das Gemeindeleben. Und ich lernte, dass man Kompromisse schließen muss und dennoch auf lange Sicht etwas erreichen kann. Über mein Ehrenamt lernte ich auch den damaligen Leiter des Gymnasiums Wertingen kennen wurde, der mich als Lehrerin für Mathematik, Physik und Informatik am Gymnasium einstellte. Damals waren Leherer in diesen Fächern Mangelware und es wurden Leute aus entsprechenden Berufen für das Lehramt gesucht. Fünf Jahre unterrichtete ich am Gymnasium, dann bekam ich im Alter von 48 Jahren eine Chance, meinen eigentlichen Beruf auszuüben in der Baufirma Reitenberger in Asbach.

Bussmann arbeitet bei Reitenberger in Asbach

Wie geht es Ihnen dort als Frau?

Bussmann: Dort spielt es keine Rolle, ob man Mann oder Frau ist, es gibt viele Frauen und auch viele junge Leute, meinen Chef eingeschlossen. Dort fühle ich mich sehr wohl, weil die Firma sehr innovativ ist.

Seit 2014 sind sie wieder amtierende Gemeinderätin. Wie kam´s dazu?

Bussmann: Ich stand auf der Liste, bin aber nicht gewählt worden, sondern als Nachrückerin in den Gemeinderat gekommen. Als Nachrückerin für Josef Schrag, der sein Amt, nachdem er die Bürgermeisterwahl verloren hatte, nicht angetreten hat. Man muss wissen: In Laugna gibt es nur Ortsteillisten und in jedem Ortsteil eine öffentliche Nominierungsversammlung, in der man sich selbst vorschlagen kann oder vorgeschlagen wird. In geheimer Wahl wird dann von der Nominierungsversammlung die Liste aufgestellt. Das finde ich toll, das ist ein sehr basisdemokratisches Instrument, jeder hat eine Chance. Das ist sozusagen schon die erste Wahl vor der Wahl. Mir fehlten aber auch da die Frauen. Ich würde mir wünschen, dass mehr Frauen zur Nominierungsversammlung kommen.

Im Berufsleben machen Sie als Frau sehr positive Erfahrungen. Wenn Sie auf das Gemeindeleben schauen, in das Dorf Laugna, ist es da anders?

Bussmann: Im Gemeinderat rede ich relativ viel, hinterfrage ich viel, das geht vielleicht Manchem auf den Geist. Aber ich denke, ich bin als Gemeinderätin nicht für mich selber da, sondern für Entscheidungen, die im Sinne der Bevölkerung zu treffen sind.

Bleibt immer noch die Frage, warum sich Frauen das Amt offensichtlich nicht zutrauen?

Bussmann: Frauen haben ein anderes Selbstverständnis, sie denken anders als Männer, haben andere Erlebnisse. Aber gerade wegen der anderen Sichtweise wäre es wertvoll, wenn sich Frauen mehr einbringen würden. Es wäre eine Bereicherung für die Gesellschaft.

Lesen Sie dazu den Kommentar der Redakteurin: Ein Appell an die Frauen

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