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Kunst

04.04.2018

Falsche Berge und Papierflüsse

Die Dortmunder Künstlerin Anett Frontzek wurde für das Kunststipendium in Wertingen ausgewählt. Die 52-Jährige widmet sich in ihrer Kunst künstlichen und natürlichen Systemen. Etwa schneidet sie hier Flussläufe aus einer Karte und reißt das System so aus seinem natürlichen Zusammenhang. Von Wertingen ist die Frau aus dem „Pott“ beeindruckt.
Bild: Bärbel Schoen

Die Stipendiatin Anett Frontzek arbeitet vier Wochen in Wertingen. Die Zusamstadt verblüfft die Dortmunderin.

Die Sonne scheint durchs Fenster in die Galerieräume. Anett Frontzek sitzt am Tisch mit einem Skalpellmesser. Zwischen ihren Arbeiten genießt sie von hier aus immer wieder den Blick auf die Stadt, beobachtet den Nestbau eines Storchenpaares auf einem stillgelegten Kamin der Brauerei, hört die Kirchturmuhren schlagen. Störche habe sie in Dortmund noch nie erlebt, erzählt sie. In den nächsten Tagen will sie erkunden, wo die Weißstörche Futter finden. Denn dieser Aspekt könnte in ihre Arbeit fließen. Den Donauverlauf mit ihren Zuflüssen aufzuspüren, hat sie sich als Ziel auferlegt.

Anett Frontzek beschäftigt sich seit einigen Jahren intensiv mit dem Element Wasser in allen Erscheinungsformen. Ein Grund, warum sie damit bei den Wertingern Neugierde geweckt hat. Von 116 Bewerbern für ein Kunst-Stipendiat zählt sie zu den acht auserwählten. Die Dortmunder Künstlerin macht in diesem Jahr den Anfang.

Zurück zum Skalpell, das genau genommen ein Buchbindermesser ist: Was seziert um Gottes willen Anett Frontzek da? Vor ihr liegt eine Landkarte mit vielen topografischen Aufzeichnungen. Mit dem Messer schneidet sie Stunde um Stunde feinste Linien heraus. „Ich arbeite langsam und viel“, lacht sie und zeigt auf einen Berg Papierschnipsel. Ob sie daraus ein „Faked Mountains“ kreiert wie schon einmal 2015, als sie sich aus Schnipseln ihre eigene Schweiz baute?

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Bei genauerem Betrachten erkennt man Flüsse, Bäche und winzige Wasserläufe. Wie ein Netzgeflecht liegt der freigelegte Teil der Landkarte auf der blauen Unterlage. Die 1965 geborene Künstlerin könnte man wegen ihrer ungewöhnlichen Arbeitsweise als eine Forscherin in der Welt der Kartografie bezeichnen. Sie verändert mit ihrem Papierschnitt die Realitäten zwar nicht, erreicht aber einen neuen Blick auf gewohnte Strukturen.

Strukturen, die die Welt erklären, faszinieren die Kunstpreisträgerin von Dortmund und Nordhorn schon lang. „Mich interessieren Systeme, die sich Menschen ausdenken.“ So bedient sich die Künstlerin beispielsweise der Grundrisszeichnungen gotischer Backsteinkirchen, Stadtpläne oder Seekarten. Frontzek nimmt diese auseinander, zerlegt sie in ihre einzelnen Bestandteile, isoliert ihre Zeichen und Codes, spürt ihre grafischen Strukturen auf. Mit künstlerischen Mitteln wie Zeichnung, Skulptur, Papierschnitt oder Künstlerbuch macht sie die Konstruiertheit der untersuchten Systeme sichtbar.

Oftmals dienen kartografische Quellen als Ausgangsmaterial, und wissenschaftliches oder statistisches Material kennzeichnet den Ausgangspunkt ihrer thematischen Fragestellungen, die durch vor Ort geführte Recherchen konkretisiert werden. In den benachbarten Donaustädten Dillingen und Donauwörth war sie schon und hat dort erkannt, dass die Donau stadtprägend ist: „Der Reichtum der Klöster muss mit dem Fluss zusammenhängen.“ Frontzek interessiert neben abstrakten Karten vor allem das Alltagsleben der Menschen vor Ort. Dass die Donau Millionen von Menschen mit Trinkwasser versorgt, sieht sie als Politikum. „Das Thema ist hochkomplex und länderübergreifend – sowohl beim Trinkwasser als auch bei Hochwasser.“ Seit 1999 begleitet sie das Thema. Damals verbrachte sie neun Monate in Amsterdam und studierte die öffentlichen und privaten Wasserflächen. Das Ergebnis war eine 30-teilige Installation – Grafit auf Papier – und deckte die hinter den Häusern versteckten Grünflächen als Pendant auf. Über Wertingen will sie in den nächsten Tagen noch mehr erfahren. Ein Besuch im Stadtarchiv eingeschlossen.

Was sie bisher sah, habe sie beeindruckt. „Ein winzig kleines Städtchen, das alles hat – Optiker, Bioladen, Schuh- und Modeläden, sogar eine zertifizierte Kunstschule und eine Artothek.“ Das komme nicht von ungefähr. Hier scheint es Leute zu geben, die das wollen und fördern und damit ein besonderes Kleinklima schaffen. „Ich bin neugierig und fühle mich hier wohl“, blickt sie auf die zweite Hälfte ihres Stipendiums.

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