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06.07.2010

Häusliche Pflege braucht Zeit

Wertingen/Höchstädt Seelisches Wohl sei das A und O guter Betreuung heißt es in einer Studie des "Zentrums für Qualität in der Pflege" (ZQP). Nach Meinung der befragten Bundesbürger sei aber Vollzeitjob und häusliche Pflege nicht vereinbar. Abhilfe oder zumindest Erleichterung schaffen hier die ambulanten Pflegedienste. Eine Sozialstation im Landkreis Dillingen, ist die Arbeiterwohlfahrt (AWO).

Wolfgang Zimmer steht als Einrichtungsleiter den Büros der AWO in Wertingen und Höchstädt vor. Er spricht über das Dilemma der Pflegedienste: "Die Grundlage, auf der wir arbeiten, sind von den Krankenkassen festgelegte Vorgaben für jede einzelne Leistung, diese sind aber bei Weitem nicht ausreichend." Das bestätigt die Pflegedienstleiterin, Josefine Kotter: "Schließlich geht es ja auch um den sozialen Kontakt, den wir oft für die Menschen darstellen." Und der kostet Zeit. An einem Beispiel wird deutlich, was gemeint ist. Bei einer 85-jährigen allein lebenden Frau mit beginnender Demenz, kontrolliere man täglich, dass diese ihre Medikamente einnimmt. "Doch damit ist es nicht getan", sagt Kotter. Wenn wir dann bemerken, dass es im Kühlschrank schimmelt oder die Heizung im Bad defekt ist, kümmern wir uns auch darum." Diese "Leistung" aber, werde nicht vergütet, auch wenn es zeitaufwendig ist und den Tagesplan der Pflegekraft durcheinanderbringt.

91 Cent fürs Haare kämmen

Zimmer und Kotter sind der Überzeugung: "Für die Pflegekräfte und vor allem für die zu Pflegenden wäre es leichter, würde man nach Zeitaufwand bezahlen und nicht die einzelnen Handgriffe." So klingt es fast schon lächerlich, - vom medizinischen Dienst vorgegeben - dass die Pflegekräfte fürs Haare kämmen eine Minute brauchen dürfen, dafür vergütet werden exakt 91 Cent. "Was ist denn," wirft Josefine Kotter ein, "wenn eine alte Frau langes Haar hat, welches sie geflochten haben will, um einen Dutt stecken zu können?" Nicht nur, dass all diese Einzelleistungen auch protokolliert und "verwaltet" werden müssen und somit einen enormen Zeitaufwand darstellen, es sei auch zermürbend im täglichen Umgang mit den Patienten: Es herrscht Zeitdruck. Hinzu kommt, dass das, was die Kassen zahlen, bei weitem nicht reicht. Leicht vorzustellen, wenn man bedenkt, dass die Pflegekraft für eine "Ganzkörperwäsche" eines Patienten nicht länger als 25 Minuten brauchen darf und dafür mit 11,39 Euro bezahlt wird.

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Wolfgang Zimmer macht deutlich, wegen dieses Abrechnungssystems und der geringen Vergütung habe man massive finanzielle Probleme und stehe unter starkem wirtschaftlichem Druck. "Seit Jahren werden die Honorare nicht der tatsächlichen Kostenentwicklung angepasst", so Zimmer. Deshalb initiiere die AWO Bayern derzeit eine Aktion, um der "Rennpflege" zu Dumpingpreisen entgegenzutreten. Mit dieser Kampagne will man die Kostenträger sowie Politik und Öffentlichkeit auf die Situation der ambulanten Pflegestationen aufmerksam machen. (ulha)

WZ-Anmerkung

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