1. Startseite
  2. Lokales (Wertingen)
  3. „Hallo, ich lebe noch!“

Schicksal

30.06.2017

„Hallo, ich lebe noch!“

„Der Fall zeigt deutlich, dass Afghanistan kein sicheres Land mehr ist.“Der totgesagte Afghane Abdul Razaq Saber, der in Höchstädt gewohnt hatte, hat den Anschlag in Kabul überlebt. Der junge Mann erlitt dabei schwere Verletzungen.
Bild: Archivfoto: Habib Pupal

Der totgesagte Afghane Abdul Razaq Saber, der in Höchstädt gewohnt hatte, hat den Bombenanschlag in Kabul überlebt. Jetzt gab es ein Lebenszeichen

Mit Erleichterung haben Asylhelfer, Mitbewohner und Freunde auf die Nachricht reagiert, dass Abdul Razaq Saber noch lebt. Der 26-jährige Afghane wurde beim verheerenden Bombenanschlag im Diplomatenviertel in Kabul am 31. Mai nicht getötet, wie zunächst berichtet. Natalie Hoffmann, Asylsozialberaterin von der Diakonie Neu-Ulm, hat mit Abdul Razaq Saber jetzt selbst gesprochen. Es sei nicht leicht gewesen, einen Kontakt herzustellen. Letztendlich hatte ein Freund von Saber eine Telefonnummer des Bruders ausfindig gemacht. So ließ sich der Kontakt zu dem 26-Jährigen herstellen.

Hoffmann berichtet: „Hallo, ich lebe noch, waren seine ersten Worte.“ Dann habe Abdul Razaq Saber erzählt, was am Mittwoch, dem 31. Mai, in Kabul vorgefallen war. Auf dem Weg ins Krankenhaus, nur wenige Meter von der deutschen Botschaft entfernt, sei eine riesige Bombe explodiert. Um 8.25 Uhr, mitten im Berufsverkehr, hatte sich ein Selbstmordattentäter im hochgesicherten Botschaftsviertel in die Luft gesprengt. Behördenangaben zufolge explodierte ein mit 1500 Kilogramm Sprengstoff beladener Tanklaster. Der Angriff habe dem gesamten Diplomatenviertel gegolten. Es war einer der schwersten Anschläge in der afghanischen Hauptstadt seit Jahren.

Hoffmann informiert, dass Saber auf dem Weg in ein Krankenhaus gewesen sei, um seinen kranken Schwager und seine Ehefrau, die dort als Ärztin arbeitet, zu besuchen. Erst im April hatte Saber kurz nach seiner Rückkehr aus Deutschland in Afghanistan geheiratet. Saber wurde laut Hoffmann in der Nähe seines Zieles von Splittern getroffen. Dann lag er fünf Stunden lang auf der Straße, inmitten unzähliger Toter. „Da er bewusstlos war, fiel offenbar längere Zeit niemandem auf, dass er noch lebte“, teilt die Asylsozialberaterin mit.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.
Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Mindestens 150 Zivilisten starben bei dem Terroranschlag, zunächst war von rund 90 Toten die Rede. Mehr als 400 Menschen wurden wie Saber zum Teil schwer verwundet. Aufgrund der hohen Verletztenzahl sei das naheliegende Wazir-Akbarchon-Krankenhaus schnell überfüllt gewesen, sagt Hoffmann. „Abdul kam deshalb in das nächstgelegene Sama-Krankenhaus, wo er 20 Tage lang im Koma lag.“ Die Asylsozialberaterin, die auch für die Flüchtlingsunterkunft „An der Kohlplatte“ in Höchstädt zuständig ist, hat den jungen Afghanen in den Monaten vor seiner freiwilligen Rückkehr oft beraten: „ Er hatte wahnsinnige Angst davor, entführt oder bei einem Anschlag getötet zu werden.“ Da Saber aus einer relativ wohlhabenden Familie stammt, sei er in der Vergangenheit schon einmal entführt worden und erst nach Lösegeldzahlungen wieder freigekommen. Ein Grund, warum er 2015 nach Deutschland geflüchtet war.

Wolfgang Plarre, langjähriger Asylhelfer in Wertingen, sagte auf Nachfrage: „Der Fall zeigt deutlich, dass Afghanistan kein sicheres Land mehr ist.“ Plarre spricht von Glück, dass der junge Mann noch lebt, wenn auch schwer verletzt. Er setzt jetzt auf eine Neubewertung der Bundesregierung: „Ich hoffe, dass es einen generellen Abschiebestopp gibt.“ In den Flüchtlingsunterkünften in Wertingen und Zusamaltheim herrsche große Verunsicherung und Angst, gerade bei denen, die einen Abschiebebescheid erhalten haben. Erst am Mittwoch begleitete Wolfgang Plarre zwei junge Afghanen nach Augsburg in das ZAB (zentrale Ausländerbehörde), um eine Aufenthaltsgenehmigung oder Duldung zu erreichen. Problematisch sieht der Asylhelfer die Lage von jungen Flüchtlingen, die in ein Land abgeschoben werden sollen, in dem sie gar kein soziales Netzwerk und Familienangehörige haben. „Es gibt Afghanen, die im Iran geboren wurden, weil deren Eltern vor vielen Jahren dorthin geflohen sind, um Angriffen der Taliban zu entgehen.“

Saber selbst will jetzt vor allem eines: Wieder gesund werden, und dass seine Knochenbrüche ausheilen. Dann will er in Herat in der Firma seines Bruders arbeiten. Vorausgesetzt, er findet eine Wohnung ganz in der Nähe.„Er hat Angst, sich auf der Straße zu bewegen. Er will so wenig Angriffsfläche für Entführungen oder Anschläge bieten“, sagt Hoffmann. In Afghanistan zu leben, sei der reinste Horror, habe der Rückkehrer bedauert. „Am liebsten würde er wieder nach Deutschland kommen“, so Hoffmann. Doch hier hatte der gelernte Automechaniker wegen der Abschiebepraxis keine Perspektive gesehen. Am 9. März war er freiwillig in sein Heimatland zurückgekehrt.

Die Diskussion ist geschlossen.

Lesen Sie dazu auch
Copy%20of%20Werner_Filbrich.tif
Villenbach

Villenbachs Bürgermeister mit 60 Jahren voller Tatendrang

ad__pluspaket@940x235.jpg

Webseite und App freischalten!

Die schnellsten Lokalnachrichten - live, aktuell und multimedial.
Alle Online-Inhalte auf allen Endgeräten zu jeder Zeit, mtl. kündbar.
Damit sind Sie daheim und im Büro immer auf dem Laufenden.

Plus+ Paket ansehen