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Wertingen

26.01.2019

Handball-Trainer: „Bald regiert wieder König Fußball“

Die Handball-Begeisterung während der WM in Deutschland war in den vergangenen Tagen riesig. Auf unserem Bild bejubeln die Fans den 31:30-Sieg der deutschen Mannschaft in der Hauptrunde gegen Spanien. Handball-Experten wie der Wertinger Nachwuchstrainer Sepp Schwabe glauben jedoch nicht, dass die Euphorie in der Region lange anhält.
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Die Handball-Begeisterung während der WM in Deutschland war in den vergangenen Tagen riesig. Auf unserem Bild bejubeln die Fans den 31:30-Sieg der deutschen Mannschaft in der Hauptrunde gegen Spanien. Handball-Experten wie der Wertinger Nachwuchstrainer Sepp Schwabe glauben jedoch nicht, dass die Euphorie in der Region lange anhält.
Bild: Federico Gambarini, dpa

Wie die Trainer-Ikone Sepp Schwab die Handball-WM in Deutschland verfolgt und welche Auswirkungen diese auf Vereine wie seinen TSV Wertingen haben könnte.

Beim TSV Wertingen ist er längst zu einer Ikone geworden. Obwohl schon 67 Jahre alt und seit 2016 in Murnau lebend, kann Sepp Schwab vom Handball nicht genug bekommen. Der rüstige Rentner engagiert sich bei seinem Heimatverein gemeinsam mit Anyu Braunmiller und Selina Resch weiterhin als Trainer der weiblichen A- und B-Jugend. Dabei spielt es für ihn keine Rolle, wenn er für eine Trainingseinheit mit seiner Mannschaft von Murnau nach Wertingen und zurück an die 300 Kilometer mit dem Auto auf der Straße unterwegs ist. Und das manchmal sogar zweimal pro Woche. Mit großem Interesse hat Sepp Schwab in den zurückliegenden Tagen die Weltmeisterschaft der Männer in Deutschland und Dänemark verfolgt. Bei einem Vorrunden-Spieltag mit Kroatien, Island, Spanien und drei weiteren Mannschaften weilte er persönlich in der Olympiahalle in München, die meisten Begegnungen hat er aber im TV verfolgt. Auch die gestrige Halbfinal-Begegnung zwischen Deutschland und Norwegen. Das folgende Gespräch mit Schwab, der sich trotz der momentanen Handball-Euphorie im Land mitunter auch kritisch über Entwicklungen seiner Lieblings-Sportart äußert, haben wir vor dem Anpfiff der Begegnung in Hamburg geführt.

Hallo Herr Schwab, Ihre Handball-Leidenschaft hat trotz des Eintritts in den Ruhestand vor drei Jahren nicht nachgelassen. Sind Sie auch mit 67 gerne noch gerne Trainer?

Sepp Schwab (lacht). Auf jeden Fall. Ich bin seit 35 Jahren mit ganz wenigen Unterbrechungen Übungsleiter. Trotz meines Alters bin ich, so glaube ich, auf dem neuesten Stand. Schauen Sie doch den Trainer der kroatischen Nationalmannschaft an, der ist sogar zwei Jahre älter als ich und macht einen guten Job.

Der Coach "hat entscheidende Fehler gemacht"

Wie beurteilen Sie das Abschneiden der deutschen Mannschaft, die es ja unter die besten Vier bei dieser WM gebracht hat?

Schwab: Als Übungsleiter interessiert mich vor allem, wie Bundestrainer Christian Prokop agiert. Er ist im Vergleich zur letztjährigen Europameisterschaft auf jeden Fall lockerer geworden und erreicht nun die Mannschaft besser. Trotzdem hat er bei den Spielen gegen Russland und Frankreich zum Schluss in meinen Augen entscheidende Fehler gemacht, als er zwischendurch wichtige Akteure wie zum Beispiel Torhüter Andreas Wolff runter nahm. Da hat ihm aufgrund seiner Unerfahrenheit wohl das taktische Fingerspitzengefühl gefehlt. Ich hoffe, dass er daraus gelernt hat und sich in den beiden letzten Spielen anders entscheidet.

Sie gelten als sehr emotionaler Mensch. Mit wem und wo schauen Sie sich am Sonntag das Finale an?

Schwab: Ich kann bei solch wichtigen Spielen niemanden um mich herum haben. Deshalb werde ich zu Hause ganz allein die beiden letzten Spiele am Sonntag vor dem Fernseher anschauen. Ich hoffe natürlich, dass Deutschland im großen Finale steht. Wenn nicht, werde ich aber auch im Spiel um Platz drei mit unserer Truppe mitfiebern und bei einigen Szenen in meinem Zimmer jubeln oder mich laut ärgern.

Sind allein die Erfolge der deutschen Mannschaft nach Ihrer Ansicht der Hauptgrund, weshalb im Land derzeit eine Handball-Euphorie herrscht?

Schwab: Die tragen sicherlich dazu bei. Der entscheidende Faktor ist aber, dass ARD und ZDF diese Spiele live übertragen. Nach dieser WM wird der Handballsport, so befürchte ich, jedoch wieder schnell von der Bildfläche der öffentlich rechtlichen Sender verschwinden. Dann regiert bald wieder König Fußball.

"Es wird nach dem Finale schnell wieder Alltag einkehren"

Wie können Vereine wie der TSV Wertingen vom derzeitigen Handball-Boom profitieren?

Schwab: Das wird richtig schwer. Ich schließe mich der Meinung von Ex-Nationalspieler Stefan Kretschmar an, der befürchtet, dass nach dem Finale am Sonntag in Dänemark schnell wieder der Alltag einkehren wird und der Handball in der Wahrnehmung bei den Fans stark nachlässt. Klubs wie der TSV Wertingen leiden auch darunter, dass es in der Region keine Bundesligisten mehr gibt, zu denen man hinfahren kann, um Spiele live mitzuerleben. Als einst der TSV Milbertshofen und der VfL Günzburg noch in der Bundesliga vertreten waren, konnte man Spiele in der obersten Spielklasse quasi vor der Haustüre anschauen. Heutzutage musst du entweder bis nach Erlangen oder Göppingen fahren, um Spitzenhandball live zu sehen.

"Es fehlt an Fachlehrern, die einen Bezug zum Handball haben"

Müssten die Amateurvereine in der gesamten Region nicht besser mit den Schulen zusammenarbeiten und vernetzt sein, um junge Buben und Mädchen für den Handballsport neu zu gewinnen?

Schwab: In Bundesländern wie Berlin, Hessen oder Nordrhein-Westfalen klappt das meines Wissens gut. In Bayern ist dies offenbar wesentlich schwieriger. Hier fehlt es meines Erachtens vor allem in ländlichen Regionen an Fachlehrern, die einen engen Bezug zum Handball haben. Ich denke da an Pädagogen, die früher selbst aktiv waren und nun als Fachlehrer Handball als Wahlsportfach in ihren Schulen anbieten. Am Wertinger Gymnasium hat dies zum Beispiel früher Heinz Zegula viele Jahre lang mit sehr viel Leidenschaft getan. Davon profitierten wir als Verein enorm. Seit Zegula jedoch nicht mehr im Schuldienst ist, ist es schwieriger geworden, Jugendliche für den Handballsport zu gewinnen. Ich hoffe sehr, dass sich dies bald wieder ändert, damit Vereine wie der TSV Wertingen diese tolle Sportart auf Jahre hinweg weiter erfolgreich betreiben können.

Lesen Sie auch den Beitrag unseres Sportredakteurs Günther Hödl: Terminärger statt Boom

Und auch diese Analyse über den Handball im Landkreis ist empfehlenswert: Aktuelle und vergangene goldene Zeiten

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