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Wertingen

25.01.2020

Heute als Hausärztinnen sehr willkommen

Markus Brinkmann unterstützt seine Frau Agnes im Haushalt und bei der Betreuung der Kinder Miriam und Anton. So konnte die 39-Jährige in die Hausarztpraxis ihrer Mutter in Wertingen einsteigen.
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Markus Brinkmann unterstützt seine Frau Agnes im Haushalt und bei der Betreuung der Kinder Miriam und Anton. So konnte die 39-Jährige in die Hausarztpraxis ihrer Mutter in Wertingen einsteigen.
Bild: Hassan

Plus Der Urgroßvater von Dr. Agnes Brinkmann hatte sein Medizinstudium von Adeligen gesponsert bekommen. Seitdem setzt sich die Arztlinie fort. Die 39-Jährige kehrte ebenso überraschend wie einst ihre Mutter Gerda Lienert nach Wertingen zurück. Eine andere Welt als die Klinik

Im Januar 1986 starb Erhard Endisch. Vier Jahre statt vier Wochen hatte der Wertinger Hausarzt noch gelebt nach der Diagnose einer schweren Nierenerkrankung. Auch dank seiner Tochter Gerda. Als einzige seiner sieben Kinder hatte sie Medizin studiert.

Die Erkrankung des Vaters bringt die angehende Handchirurgin damals in einen schweren Gewissenskonflikt. Schließlich entscheidet sie sich, ins heimische Wertingen zurückzukehren. Sie übernimmt die Praxis des Vaters. Gut drei Jahrzehnte später bekommt sie Verstärkung. Mitte 2019 steigt ihre älteste Tochter Agnes mit ein. Ebenso überraschend wie Gerda Lienert kehrt auch Agnes Brinkmann als Hausärztin in die Heimatstadt zurück. Die Wege der beiden – Mutter und Tochter – scheinen sich zu ähneln. Doch unterscheiden sie sich auch gravierend.

Während die heute 39-jährige Agnes Brinkmann „alles außer Medizin“ studieren wollte, legt Gerda Lienert schon als Kind jeder Puppe einen Verband an und salbt sie sorgfältig ein. Gerne erinnert sich die 68-Jährige zurück, wie sie ihren Vater in seinem VW-Käfer bei seinen Hausbesuchen begleitet. Während er Patienten untersucht, schaut Gerda in den Ställen nach den Kälbern und Hunden. Von klein auf weiß sie, was sie einmal machen will: „Kunst und Medizin studieren.“

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Die Medizin ist in der Familie sehr wichtig

Für beides bewirbt sie sich nach dem Abitur, bekommt für Medizin einen Platz in Bochum, schaut sich die Stadt an und reist sofort wieder ab. Lieber widmet sie sich im schönen Bayern den Bildenden Künsten an der Münchner Akademie, macht in Medizin parallel einfach das, was sie darf. Als sie ein Jahr später einen Medizinplatz in München erhält, studiert sie beides parallel, legt ihr Referendariat als Kunstlehrerin an den Gymnasien in Wertingen und Dillingen ab und finanziert sich so ihr weiteres Medizinstudium, das sie noch mit Psychologie ergänzt. An der Kunstakademie hat sie mittlerweile ihren Mann Gotthard kennengelernt. Mit einem Kind im Bauch – Tochter Agnes – legt sie 1980 ihre Diplomprüfung in Psychologie ab. „Keine Sekunde habe ich etwas von dem bereut, was ich studiert habe“, sagt sie rückblickend. Ihre zweite Tochter Anna entbindet Gerda Lienert als Ärztin im Praktikum. Ihr Mann unterrichtet mittlerweile. Dank „toller Chefs“ beginnt sie ihren Dienst, sobald ihr Mann nach Hause kommt. Zum Stillen radelt sie zwischendurch nach Hause. Sie arbeitet in der Gynäkologie, der Rheumatologie und der Handchirurgie. Besonders Letzteres hat es ihr angetan. „Eine ganz feine Sache.“ Von ganz Europa kamen die Menschen dafür in die Klinik nach München geflogen.

Doch gleichzeitig bekommt sie Hilferufe aus Wertingen. Der Vater, an Parkinson erkrankt, fragt an, ob sie ihn im Notdienst an den Wochenenden unterstützen könne. Er war damals 68 Jahre, so alt wie sie heute. So verbringt sie fortan wieder mehrere Wochenenden an der Zusam. Der Vater wird immer schwächer. Untersuchungen bringen Kriegsverletzungen an den Nieren zutage.

Gerda Lienert blättert in einem dicken Ordner, gefüllt mit den Zeugnissen ihrer Ahnen. Ihr Opa Franz, 1881 geboren im Königreich Böhmen, hatte als Sohn eines Bäckers das Glück, von Adeligen ein Medizinstudium gesponsert zu bekommen. Mit der Kutsche hatte er anschließend seine Patienten besucht, blieb oft über Nacht weg, beispielsweise bei einer schweren Geburt. Seine Söhne Franz und Erhard – letzterer ist Gerda Lienerts Vater – traten in die Fußstapfen des Vaters. Als Jungärzte wurden sie beide ab 1939 in den Krieg eingezogen. Zurück im Sudetenland hatten sie als Mediziner das Glück, nicht erschlagen zu werden, wie es in den Kriegswirren vielen ihrer Freunde erging. Als allerdings tschechische Ärzte nachkamen, mussten sie gehen. Gemeinsam mit seiner Frau Irmtraut landete Erhard Endisch zunächst in Eurasburg im Landkreis Friedberg – bis die Kassenärztliche Vereinigung (KV) ihm einen Platz in Wertingen zuwies.

Gerda Lienert opfert sich für den Beruf auf

Den füllt Erhard Endisch aus bis zu seinem Tod. Am Ende geht es allerdings nur noch mithilfe seiner Tochter Gerda. Die sieht den Vater mit sich kämpfen, die Worte ihrer Kollegen im Ohr: „Man kann nichts mehr machen, er wird innerhalb der nächsten vier Wochen sterben, für ihn gibt es keine Hilfe mehr.“ Die Aussage weckt neues Interesse in der jungen Ärztin. Sie macht sich auf die Suche nach Wegen, um die Krankheit leichter zu ertragen. Homöopathie, Mistel- und Thymus-Behandlungen und Akupunktur – Gerda Lienert beginnt, sich intensiv mit Komplementärmedizin zu beschäftigen und kann dem Vater zumindest die Schmerzen erleichtern. Noch pendelt Gerda Lienert zwischen Wertingen und München. Der Vater geht zwischendurch in die Praxis, sie selbst auf Hausbesuche, erledigt zudem die Notdienste. „Als Hausarzt musstest du Tag und Nacht anwesend sein, dein Telefon immer offen halten.“ Allzu gut erinnert sich die 68-Jährige an drei Suizide innerhalb weniger Tage. Alles junge Männer. Lienert zweifelt ernsthaft an, ob sie Hausärztin in Wertingen werden wolle. In München hatten sie sich gerade eine Eigentumswohnung gekauft.

Doch sie bleibt. „Wegen der Patienten, den Menschen, der Bevölkerung“, sagt sie. „Wenn Leute offen sind, dir vertrauen und mitmachen, kannst du als Hausärztin viel bewegen.“ Im Gegenzug sind auch viele Patienten geblieben. So wie Wilhelmine Ehm. Von Geburt an steht die 71-jährige Reatshofenerin in der Patientendatei. „Gut aufgehoben“ fühlt sich Ehm in der „heimeligen Praxis“ bis heute, erinnert sich noch allzu gut an die „alte Frau Endisch“, die selbst im hohen Alter noch im Empfangszimmer saß.

Oma Irmtraut Endisch kümmerte sich auch um Gerda Lienerts Kinder. Die dritte Tochter Barbara kommt im April 1986 zur Welt, drei Monate nachdem Erhard Endisch nach vier Jahren Krankheit schließlich verstorben ist. Barbara spielt unterm Schreibtisch der Mutter, während diese ihre Sprechstunden hält. Mutterschutz und Elternzeit gibt es zu der Zeit nicht. Gerda Lienert versucht, Familie und Beruf zu verbinden. Ehemann Gotthard arbeitet mittlerweile am Dillinger Gymnasium, nimmt berufliche Auszeiten, um seine Frau zu unterstützen.

Die Kinder bekommen einen Hund, das Leben auf dem Land gefällt den Lienerts. Von der Großstadt haben sie sich verabschiedet. Die drei Töchter gehen ihre eigenen Wege. Medizin haben sie alle ausgeschlossen. Zu intensiv haben sie den Spagat der Mutter, einer passionierten Ärztin, miterlebt. Die Älteste, Agnes, entschließt sich nach dem Abitur zu einem sozialen Jahr, bevor sie Musik oder Lehramt studieren will. In Leipzig fährt sie für die Caritas zu den sozialen Randgruppen, wäscht und putzt für sie, erlebt Armut und Dreck wie nie zuvor in ihrem Leben. Als Hilfskraft sieht sie keine Chance, wirklich etwas zu verändern. Sie merkt, wie völlig behütet sie selbst aufgewachsen ist. Plötzlich zieht sie in Erwägung, Medizin zu studieren. Als Ärztin, wird ihr klar, kann sie Einfluss nehmen und helfen.

Die Musik bleibt das Hobby der Tochter

Die Musik, entscheidet die Cellistin, bleibt ihr Hobby. Und sie beginnt an der TU München, Medizin zu studieren – „dazu Philosophie für meine Seele“. Sie denkt daran, Psychiaterin zu werden, schreibt in dem Bereich auch ihre Doktorarbeit. Doch zuerst will sie sich nochmals von allem frei machen, geht als „Green Volontär“ nach Ecuador. Drei Monate vermisst sie dort im biologischen Zentrum Kolibri-Eier, zählt Vögel, lernt Spanisch und setzt sich mit Land und Leuten auseinander. Die Bücher lässt sie bewusst alle zuhause. Zurück in Bayern entscheidet sie sich, für zwei Jahre nochmals ganz woanders hinzugehen – „bevor ich für immer und ewig hier bleibe“. Schmunzelnd reflektiert sie: „Wege haben sich immer erst ergeben, indem ich losgegangen bin.“ Mit Flensburg sucht sie sich als Arbeitsstätte das Nördlichste aus, was es in Deutschland gibt – auch in Erinnerung an die Urlaube ihrer Kindheit in Dänemark. Das Lehrkrankenhaus der Uni Kiel, ein großes Haus in weiter Landschaft, mit wenig außen herum außer Natur, bietet viele Fachrichtungen. Dazu wenig Hierarchie mit einem sehr ambitionierten Chef. In der Geriatrie fängt sie an, wechselt in die Notaufnahme und arbeitet als Internistin. Durch die Musik in der Freizeit lernt die Cellistin ihren heutigen Ehemann Markus kennen, ein Schiffbauingenieur. 2016 kommt ihre Tochter Miriam zur Welt. Neun Jahre lebt sie mittlerweile in Flensburg.

Mutter Gerda bereitet derweil in Wertingen ihre hausärztliche Praxis auf ihre Zeit als Seniorin vor. Mit weniger Patienten will sie im Alter ihre Komplementärmedizin nochmals vertiefen. „Ich hab nie gefragt und nie gedacht, dass Agnes nach Wertingen zurückkehrt“, gesteht die 68-Jährige.

Als die 2018 allerdings ihr zweites Kind, Sohn Anton entbindet, wendet sich alles schneller als gedacht. Bei ihrem Ehemann steht arbeitstechnisch ein Wechsel an. Der Schiffbauingenieur bekommt überraschenderweise prompt eine Stelle in Augsburg.

Mit gemischten Gefühlen verabschiedet sich Agnes Brinkmann aus Flensburg, von Freunden und tollen Kollegen. In Wertingen findet die Familie ein Haus. Und so steigt die 39-jährige Ärztin Mitte 2019 in die Praxis der Mutter mit ein, übernimmt einen freien Kassensitz im Landkreis Dillingen. „Ein krasser Doppeleinstieg“, sagt sie, „zurück aus eineinhalbjähriger Elternzeit im Beruf und in einer für mich ganz neuen medizinischen Arbeitswelt.“ Erstmals arbeitet sie zudem beruflich mit ihrer Mutter zusammen.

„Hatten wir heute überhaupt jemand Kranken, fragte ich meine Mutter an einem der ersten Tage.“ Agnes Brinkmann sieht schnell die Unterschiede zwischen Klinik und Hausarztpraxis. Sie war gewohnt, Leute mit Herzinfarkt, Lungenembolie und schwerer Sepsis zu behandeln. Schwere Diagnosen kamen zu ihr ins Krankenhaus. Jetzt kommt dagegen ein Mensch mit seinen vielfältigen Problemen. Alle kommen mit allem. „Jetzt bin ich nicht mehr das Endglied einer diagnostischen Kette, sondern der Anfang und Vermittler.“ Jetzt braucht Agnes Brinkmann, wie ihre Mutter und einst ihr Groß- und Urgroßvater einen großen Überblick. „Als Hausärzte behandeln wir nicht nur Krankheiten, sondern den ganzen Menschen, bekommen auch deren Sozialstruktur mit – das ist es, was den Hausarzt ausmacht.“ Das hat die 39-Jährige aus der Ferne des Klinikalltags heraus unterschätzt, gesteht sie offen. „Die Menschen wollen oftmals reden und in ihrem sozialen Umfeld wahrgenommen werden.“ Dadurch, erkennt die 39-Jährige, seien auch Belastungssituationen zu sehen, die zu Krankheiten führen können.

Dazu kommen Abrechnungen und Computerprogramme – alles ist erst mal neu für jemanden, der jahrelang in der Klinik gearbeitet hat. Trotz allem sei der Wunsch, in die heimische Praxis zu gehen, unaufhaltsam in ihr gereift, erzählt Agnes Brinkmann.

Der Einstieg wurde ihr, im Vergleich zu ihrer Mutter, leicht gemacht. Ihren Sohn Anton holt sie nach der Sprechstunde beim Opa ab, Tochter Miriam im Kindergarten in Binswangen. Sie genießt es als Luxus, dass ihre Mutter derzeit noch so aktiv mitarbeitet und sie einführt. Gleichzeitig hat sie kleine Neuerungen eingeführt, Langzeit-EKG und -Blutdruckmessung sowie einen Ultraschall. „Alles läuft überraschend unkompliziert“, freuen sich die beiden Frauen – Mutter und Tochter.

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