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14.03.2016

„Himmelvater, beschütz die Psychiater...“

Die Kabarettistin Andrea Geis alias „Rose Neu“ als neurotische Diva.
Bild: Helmut Sauter

Kabarett Die Kleinkunstbühne bringt Andrea Geis nach Lauterbach. Warum das Publikum aus dem Häuschen geriet

Lauterbach Wer Andrea Geis schon vor zwei Jahren mit ihrer Partnerin Ulla Meyer als das Kabarettduo „Die Neurosn“ erlebt hat, sicherte sich frühzeitig einen Platz im kleinen Saal des barocken Deutschor-densschlosses in Lauterbach, um erstmals die Musiktherapeutin und professionell ausgebildete Sängerin als „Rose Neu“ mit ihrem Soloprogramm „Ich bin anders“ zu erleben.

Die kreative Wortspielerei von Neurose zu „Rose Neu“ war nicht zufällig, sondern ebenso mit Kalkül gewählt wie der Titel ihres Soloprogramms „Ich bin anders“. Die publikumsnahe Atmosphäre des barocken Schmuckstücks bot eine grandiose Plattform für die ach so menschlichen Neurosen, Ticks und Psychosen, die mit professioneller Sangeskunst und schauspielerisch gekonnter Mimik und Gestik von der Künstlerin auf die Schippe genommen wurden.

Schon der erste musikalische Hilferuf „Oh lieber Himmelvater, beschütz die Psychiater!“ lässt ahnen, wohin die kabarettistische Reise steuert. Die gekonnte Mischung aus weltbekannten französischen Chansons, sprachlich schrägen Schlagerpersiflagen und skurrilen Liedern über menschliche Neurosen steigert minütlich die gute und „heiße“ Stimmung im Saal.

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Doch was wäre ein noch so ausgeklügeltes Potpourri von Melodien und Liedern ohne professionelle Interpretation?! Andrea Geis überrascht mit ungemein wandlungsfähiger Stimme und eigenwilligen satirischen oder provokanten Interpretationen. Ob als exaltierte Opernsängerin, als Augsburger „Wallküre“ mit hormonellen Wallungen und Schwitzanfällen oder als überspannte Spanierin - die Protagonistin spielt mit den menschlichen Leidenschaften wie Lust, Liebe und Sehnsüchten und mit den kleinen Wünschen, Hoffnungen und Missgeschicken der neurotisch verseuchten Mitmenschen, und eh man sich versieht, startet sie schon wieder eine neue Reise in das Wechselbad der Gefühle und Abgründe der menschlichen Seele. Dabei besticht sie durch ihre gesangliche und emotionale Vielfältigkeit, gepaart mit ausdrucksstarker Körpersprache. Gerade noch leise rührend explodiert ihre Stimme im nächsten Moment impulsiv, humorvoll und durchaus auch abgründig.

Ihre sprachlichen Qualitäten zeigen sich nicht nur in der umwerfend komischen Persiflage von Schlagertexten, sondern auch in den intelligent und witzig verfremdeten Sprichwörtern. So unterlegt sie zeitlose Schlager wie „Ramona“, „Zigeunerjunge“ oder „Über den Wolken“ mit witzige Textzeilen wie „Nie mehr gemolken, sagt die Kuh, muss die Freiheit wohl grenzenlos sein“ und rät den Durstigen „Was du heute kannst entkorken, das verschiebe nicht auf Morgen“.

Fehlt manchem Zuhörer der „rote Faden“ als Orientierung beim raschen Wechsel von schrägen Liedern, provokanten Moderationen und spontanen, überfallartigen Publikumskontakten, wobei sie mehrmals die Bühne verlässt, so tut dies dem Charme des ungewöhnlichen Nummernkabaretts kaum einen Abbruch, ihrem Charme schon gar nicht.

Edith Piaf im Saal des Deutschordensschlosses

Bei aller Originalität und Brillanz des „Musikkabaretts der anderen Sorte“, wie der Abend geheimnisvoll angekündigt wurde, beeindruckt die Künstlerin am stärksten durch ihre herausragende Interpretation französischer Chansons der unvergesslichen Edith Piaf. Wer bei „Milord“ oder „Non je ne regrette rien“ (Nein, ich bereue nichts) die Augen schließt, erliegt der Versuchung, Edith Piaf höchstpersönlich im Lauterbacher Kulturtempel zu hören. Eine wunderbare Illusion, die nicht nur mit „standing ovations“ des engagierten Publikums, sondern auch mit einem bunten Frühlingsstrauß von Brettl-Chef Gerhard Sauter belohnt wird, und obendrein mit dem begeisterten Zuruf: „Wiederkommen“! (hs)

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