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Kabarett

22.04.2015

Hochzeitsrituale in ihrer Banalität entlarvt

Franziska Wanningers „wilder Ritt“ durch bayerisches Brauchtum

Wieder einmal blieb die Kleinkunstbühne Lauterbach ihrer Leitlinie treu, jungen Nachwuchskräften des Kabaretts eine Bühne zu bieten, und landete mit Franziska Wanninger, ausgebildet an der renommierten Lee Strasberg-Schauspielschule in Los Angeles, einen Volltreffer. Was dieses Energiebündel aus einem Einödhof bei Marktl am Inn dem Publikum im bis auf den letzten Platz gefüllten Saal des Gasthauses Straub in unterschiedlichen schauspielerischen Glanzrollen bot, riss die Zuschauer immer wieder zu Begeisterungsstürmen hin.

„Hochzeit auf dem Lande“ - mit dieser vielversprechenden Ausgangssituation, die alle aus der großen Kabarettfangemeinde aus eigener Erfahrung kennen, spielt sich das gerade mal 30-jährige Nachwuchstalent mit schauspielerischem Charme und hinterfotzigem Spott durch die verschiedensten Situationen und Rituale einer ländlichen Hochzeit. Am Anfang eines solchen herausragenden ländlichen Festes steht immer die Frage für alle, ob für die Braut, die Brautmutter oder die gewöhnlichen weiblichen Gäste: „Was ziehe ich an?“

Schon allein diese Entscheidung – realistisch und ohne Schonung des Missverhältnisses zwischen eigener Figur und passender Kleidung auf der Bühne vorgeführt – zeigt neben der schauspielerischen Treffsicherheit das gesunde Selbstbewusstsein der Protagonistin, sich selbst auf die Schippe nehmen zu können. Was tun, wenn das Kleid schoppt, wenn es wegen des Hüftspecks zum „Wurstkleid“ verkommt? Da hilft nur handverlesene Unterwäsche und 100 Kilometer Schwimmen. Kein Wunder, dass vor allem die weibliche Zuhörerschaft, die mit fast zwei Drittel im Saal vertreten ist, in Jubelstürme ausbricht, denn nur durch das Leid anderer wird die tägliche Diskrepanz zwischen Figur und Kleidung erträglicher.

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Was dann folgt, gleicht einem „wilden Ritt“ durch die bekannten Rituale einer ländlichen Hochzeit, von einer endlosen Power Point-Bilderschau zur Kindheit und Jugend der Braut über das Derblecken mit derben Gstanzl und das rasche „Zusaufen“ beim Brautstehlen bis hin zum „Leit´ ausrichten“ an den Gästetischen und dem abschließenden „Brautstraußwerfen“. Sind diese Rituale für verbandelte Pärchen noch auszuhalten, so muss Franziska als „Ehemalige“ des Bräutigams und gegenwärtig als Single unterwegs hohe Leidensfähigkeit aufbringen, um diese Rituale und die unvermeidliche Frage „Und, bist allaweil no alloa?“ auszuhalten. Was ihr mit bissigen Monologen und mitreißender Mimik und Gestik brillant gelingt.

Dass ihre rasante und süffisante Spiegelung der Realität des Landlebens und deren Vertreter nicht in Banalität abgleitet, dafür sorgen immer wieder hintersinnige Text- und Liedpassagen. Die Doppelbödigkeit der Hochzeitsgstanzl, naive Vierzeiler einerseits und boshafte andererseits über das, was die Leute denken oder heimlich über das Brautpaar tuscheln, beweist einmal mehr, dass die Kabarettistin die Untiefen der bayerischen Seele kennt und mit diesen grandios in Wort und Lied umgehen kann. Ganz still wird es im Saal, als sie einen der Gäste mimt, der über seinen Nachbarn schwadroniert: „Der Jetzelsberger war doch bloß beim Taucha in Thailand und hat nix´n mit de Kinder…. Dass der von der Polizei g´holt wor´n is. Bloß weg´s am Taucha…“.

Mit Applaus-Stakkato mehrmals auf die Bühne geholt

Aufgrund ihrer brillanten Vorstellung bleibt es nicht aus, dass die junge Schauspielerin und Kabarettistin am Ende mit Applaus-Stakkato mehrmals auf die Bühne geholt wird. Überbordende Spielfreude und sichtliche Lust am Derblecken legt sie noch einmal in ihr Lied: „I steh auf di, weil a Haus hast, 50 Tagwerk und an BMW für mi – drum steh i auf di“. Ob sie es ernst meint, dass in Bayern statt romantischer Liebe am Ende doch der „Diridari“ zählt, bleibt ihr Geheimnis.

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