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Binswangen

20.04.2018

Holocaust-Überlebende in der Alten Synagoge

Mit 94 Jahren ist sie eine der letzten noch lebenden Zeitzeugen des Holocaust.

Hanna Zimmermann hat den Holocaust überlebt. Mit 94 Jahren besucht sie die Binswanger Synagoge. Dieses kulturelle Erbe sollen die Leute hüten

„Ich klage nicht an, doch die Wahrheit darf nie vergessen werden,“ sagt Hanna Zimmermann. Die beeindruckende Dame jüdischen Glaubens ist heute 94 Jahre alt und eine der wenigen noch lebenden Zeitzeugen, die Rassenhass und Vertreibung durch die Nazis am eigenen Leibe erleiden mussten. 36 Mitglieder ihrer Familie wurden umgebracht. Nur sie und ihre Mutter haben die Vernichtungslager überlebt. Solche Verbrechen dürfen sich nicht wiederholen, dafür setzt sich Hanna Zimmermann mit aller Kraft ein. Die Erinnerungsarbeit ist das Ziel ihres Engagements. Die Holocaustüberlebende will die Geschichte aufarbeiten und gibt deshalb ihre Erfahrung an die Jugend weiter. Nur deshalb fährt Zimmermann, trotz ihres hohen Alters von München nach Wertingen, um hier vor Schülern der Montessori- Mittel und Realschule zu sprechen. „Das ist sehr schwere Arbeit, ich begebe mich bei jedem Vortrag noch einmal ganz in die erlittenen, schlimmen Erfahrungen“ berichtet sie.

Sichtlich bewegt betritt Hanna Zimmermann am vergangenen Montagnachmittag mit Freunden und Vertrauten die Synagoge in Binswangen. „ Das ist für mich ein sehr großes Erlebnis“ sagt die Überlebende von Auschwitz. Sie erfülle sich mit dem Besuch des ehemaligen jüdischen Gebetshauses einen großen Herzenswunsch. „Noch nie habe ich in Bayern eine so schöne Synagoge gesehen“ staunt die 94 jährige Münchnerin über das neomaurische ehemalige Gebetshaus und lobt die aufwendige und detailgetreue Restauration. Der ehemalige Gebetsraum bringt Kindheitserinnerungen zurück. „In unseren Synagogen waren früher die Fenster immer rund, so wie hier“ ruft Hanna Zimmermann erfreut und zeigt auf die farbigen Rundfenster. Sie nimmt Bezug zu der Überlieferung, nach der die Schrifttafeln der Thora ebenfalls rund gewesen sein sollen. Sichtlich bewegt sagt sie: „Diese ehemalige Synagoge ist phantastisch, sie ist ein Juwel.“

Anton Kapfer erster Vorsitzender des Förderkreises Synagoge führt in seinen Ausführungen in die Geschichte der Binswanger Synagoge ein. Er weist auf Reste der Originalwandbemalung, Originalsäulen und auf die gesamte kunstvolle Ausgestaltung des Gebetshauses. „Aus der Tiefe rufe ich oh Herr zu Dir“ beten Juden, deshalb liegt der Gebetsraum auch in der neu gestalteten Synagoge tiefer als die Eingangsstufen es sind, sagt Kapfer. Er erzählt von deren traditionsreicher Geschichte in Binswangen. Bereits seit dem Beginn des 16. Jahrhunderts bildete sich hier eine große Landjudengemeinde. „Unter dem Schutz der Habsburger konnten die Juden hier ihre eigene Religionskultur entwickeln und pflegen“ sagt Kapfer. „Sie konnten hier mit Vieh, Getreide und Grund und Boden handeln“ berichtet er. „Es gab allerdings auch viele jüdischen Mitbewohner die ,um ihre Waren zu Verkauf anzubieten mit einem Bauchladen von Haus zu Haus gezogen sind.“ 415 Juden lebten bis zum Nationalsozialismus friedlich mit ihren christlichen Nachbarn zusammen. „Juden waren hier akzeptiert und wurden nicht wie anderswo als Brunnenvergifter und Schuldige für Pest und andere Anlässe angesehen“ berichtet Kapfer. Noch heute zeugen die beiden Judengassen jeweils vor und hinter der Synagoge vom damaligen jüdischen Leben im Ort.

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Kapfer berichtet davon, wie der braune Geist im Ort Fuß fasste und hier sein Unwesen trieb. Die Synagoge wurde innerhalb einer halben Stunde entweiht und zerstört. Nur wegen der dichten umliegenden Bebauung sei sie nicht angezündet worden. Kapfer weist auf den Mittelgang der Synagoge und berichtet von der Demütigung am ältesten Juden Binswangens im Jahre 1938 „Mit zitternden Händen musste er hier die Thora raustragen.“ Auch der Wertinger Friedhof wurde von den Nationalsozialisten geschändet, Grabsteine wurden entwendet und als Treppenstufen in privaten Häusern verwendet. Die verbliebenen Grabsteine sind heute wieder aufgestellt, doch stehen sie nicht an jenen Plätzen an denen die Toten ruhen.

Die Ärztin und Psychotherapeutin Dr. Katarina Schäfer, die Hanna Zimmermann nach ihren traumatischen Erfahrungen im Vernichtungslager lange Zeit therapeutisch betreute , berichtet von prominenten Juden mit dem Namen „Binswanger.“ Ob diese denn früher in diesem Ort gelebt haben, will sie wissen. „Heute gibt es in Binswangen keine Juden mehr“, sagt Kapfer. Ein altes Ehepaar waren die letzten zwei Bewohner jüdischen Glaubens im Ort. Sie wurden 1942 mit dem Handwagen über die Hauptstrasse aus dem Ort gebracht“ berichtet Kapfer. „Ihre Spur verliert sich in Theresienstadt.“

Hugo Schwarz, Tuchfabrikant und nach dem Krieg erster Vorsitzender der jüdischen Gemeinde in Augsburg, kam war nach dem Krieg jeden Samstag kam bis zu seinem Tod im Jahre 1973 nach Binswangen um in seinem Geburtshaus und Heimatdorf Shabbat zu feiern. „Man findet die Heimat nirgends mehr“ sagt die aus ihrer Heimatstadt Prag vertriebene Hanna Zimmermann.

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