Newsticker

Merkel betont Notwendigkeit weiterer Corona-Beschränkungen
  1. Startseite
  2. Lokales (Wertingen)
  3. Ihnen wächst das Gras in Hohenreichen über den Kopf

Hohenreichen

29.11.2017

Ihnen wächst das Gras in Hohenreichen über den Kopf

Die Familie Bauer. Die Eltern Alexandra und Ludwig mit ihren Kindern Julia und Manuel. Sie zeigen eine dicke natürliche Mulchschicht auf der Erde. Sie nährt den Boden und verhindert Unkraut. Neben einem Miscanthusfeld erscheinen Menschen winzig und klein. 
Bild: Ulrike Walburg

Im Nebenerwerb baut Ludwig Bauer Chinaschilf an. Es dient dem Hohenreichener als Ersatz für Heizöl. Die Anfangsjahre waren schwierig. In Donaualtheim kann das gehäckseltes Gras getrocknet werden.

Es gibt Zeiten im Jahresablauf, da hilft die ganze Familie Bauer zusammen: Der 17-jährige Manuel und seine drei Jahre jüngere Schwester Julia, die Eltern Alexandra und Ludwig sowie die Großmutter. Gemeinsam stehen sie auf dem Feld, hacken in harter Handarbeit das Unkraut zwischen den zarten Pflänzchen, ernten und häckseln die fertigen Stangen. Wenn Ludwig Bauer auf die vergangenen zehn Jahre zurückblickt, sieht er viel Arbeit und gleichzeitig Entwicklung. Der Hohenreichener baut als Nebenerwerbslandwirt das Chinaschilf Miscanthus an. „Das geht nur, wenn die Familie zusammenhilft.“ Die schwere Anfangszeit bleibt allen bis heute in Erinnerung.

Menschen erscheinen neben dem hohen Chinaschilf Miscanthus winzig und klein. Das Schilfgras gehört zur Kategorie der Bambusgräser und erreicht eine Höhe von drei bis vier Metern. Deswegen wird es auch „Elefantengras“ genannt. Seit zehn Jahren setzt der Heizungsbauer Ludwig Bauer auf den nachwachsenden Rohstoff. Am Ortseingang von Hohenreichen bewirtschaftet er damit Ackerland und ist damit keineswegs der einzige im Landkreis Dillingen.

Das schnell wachsende Gewächs hat seinen Ursprung in Japan und wird aufgrund seiner hohen Biomassebildung seit geraumer Zeit in Europa, besonders in Österreich, geschätzt. Ob für Heizenergie, medizinische Produkte oder Kosmetika – der Bedarf an Rohöl ist groß. „Der aktuelle Heizölpreis regelt die Nachfrage“, sagt Bauer. Alternative Möglichkeiten werden gesucht. Auch Landwirte aus der Region gehen neue Wege und leisten „Pionierarbeit,“ sagt Peter Schulz vom Landwirtschaftsamt in Wertingen. Das Multitalent Miscanthus diene als Holzersatz in der Zellstoff- und Papierindustrie, als Ersatz für Rohöl und als Ausgangsstoff für Kunststoffe.

In der freien Natur bewähren sich mit Chinaschilf bewirtschaftete Felder als Rückzugs- und Schutzräume für Tiere. Ebenso bewähre sich Miscanthus als Einstreu für Pferde, allerdings erst „nach dem es entstaubt ist,“, erklärt Schulz. In Ziergärten bewährt sich die winterharte Pflanze als Sichtschutz. Aktuell beschäftigt sich ein von der Europäischen Kommission gefördertes Projekt „Grace“ im Auftrag des Bundesforschungsinstitutes für Kulturpflanzen mit dem nachwachsenden Rohstoff.

Mit der Pflanze Miscanthus erzeugt der Heizungsbauer und Nebenerwerbslandwirt Bauer Energie, die er in sein eigenes Nahwärmenetz einspeichert. „Jedes Jahr holen wir von unserem Feld konstant trockenes Material“, sagt Bauer. Mit 1,5 Hektar Miscanthus gewinne er vergleichbar so viel Energie wie mit 10000 Liter Heizöl. Das leichte Material der Bambuspflanze habe einen hohen Brennwert. Es verbrenne nicht so schnell wie das Holz von Weiden oder Pappeln aus Kurzumtriebsplantagen, erzählt er. Es müsse kein Wald abgeholzt werden. Die Wärmeproduktion sieht Bauer insgesamt unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten positiv. Sie reiche für sein eigenes Anwesen und für Häuser der näheren Nachbarschaft. „Wir hätten noch weitere Kapazitäten zu vergeben“, sagt der Heizungsbauer.

Im November sind die Miscanthusfelder noch auffallend grün. Die aufrechten und grünen Büschel zeigen keine Anzeichen von herbstlicher Verfärbung. Erst im Winter trocknen die Blätter, werden gelb und fallen ab. Das Blattmaterial bleibt auf dem Boden liegen und entwickelt sich zu einer dicken Mulchschicht. Sie verhindert die Unkrautbildung. „Das Bodenleben bleibt aktiv, der natürliche Mulch bringt Nahrung auf die Erde“, betont Bauer. Bei der Verbrennung entsteht Asche. Sie wird als Düngemittel verwendet. Es brauche keine Pflanzenschutzmaßnahmen.

Der Hohenreichener Landwirt Ludwig Bauer sieht in der innovativen Methode viele Vorteile. „Alle Bestandteile der Pflanze lassen sich verarbeiten.“ In der Bodenbewirtschaftung sieht er zudem einen deutlich positiven Unterschied zum Maisanbau, der den Boden auslauge.

Die Bambusstangen bleiben bis zum Frühjahr stehen, bis sie trocken sind. Von Mitte April bis Anfang Mai werden sie geschnitten und zu Hackschnitzel verarbeitet.

Während Bauer über große eigene Lagerflächen verfügt, benötigen andere Landwirte die raumsparendere Verarbeitung zu Pellets. Dafür bringen sie ihre gehäckselten Bambusstangen beispielsweise zu Wolfgang Urban. Dieser betreut die Trocknungsanlage der Genossenschaft in Donaualtheim, eine Pilotanlage.

Starker und anhaltender Regen im vergangenen Jahr sorgte für feuchtes Erntematerial. Zur Trocknung und Pelletierung brauche es jedoch eine geringe Anfangsfeuchte des Erntegutes. Urban: „Sie sollte unter 15 Prozent liegen.“ Bei starkem Regen im Frühjahr sei der Boden erfahrungsgemäß oft nicht tragfähig für den Einsatz der Erntemaschinen. Der Ziertheimer sieht hier das größte Problem des Grasanbaus.

Im Biomassekessel werden wahlweise Pellets oder Hackschnitzel verbrannt und die Wärme weitergeleitet. Peter Schulz vom Landwirtschaftsamt in Wertingen weist auf den hohen Chlorgehalt der Blätter hin. Dieser sei zwar unerheblich für die Luft. Aber um eine mögliche Korrosion der Edelstahlkessel zu vermeiden, sei eine aufwendige Pflege notwendig.

Er sieht in der Pionierarbeit ein gewisses Marktpotenzial: „Aber die Technik drum herum ist teuer.“ Die Vermarktung sei derzeit noch schwierig und aktuell noch nicht konkurrenzfähig, sagt er.

Bauer hat sich mittlerweile auf die Saatgutgewinnung des Miscanthus und dessen Verkauf spezialisiert. Die Gewinnung sei aufwendig und schwere Arbeit, berichtet er, da die Ableger der Pflanzen, die Rhizome, schwer aus der Erde zu bekommen sind. Sie liegen tief in der Erde und sind stark miteinander verwachsen. „Zur Ernte brauchen wir viele Leute“, erzählt der Landwirt.

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren