1. Startseite
  2. Lokales (Wertingen)
  3. Jüdisches Leben und seine Spuren

Europäischer Tag

04.09.2017

Jüdisches Leben und seine Spuren

Copy%20of%20SAM_2305.tif
2 Bilder
Der Judenfriedhof in Binswangen (oben) hat eine wechselvolle Geschichte durchlaufen. Heute befinden sich dort noch etwa 65 Grabsteine, die allerdings nicht mehr an den Originalgräbern stehen. Gemeindearchivar Dr. Johannes Mordstein (unten) führte durch den jüdischen Friedhof Buttenwiesen. 55 Menschen nahmen teil.

Im Landkreis Dillingen gibt es neben der Alten Synagoge in Binswangen weitere Wahrzeichen jüdischer Geschichte. Auch zwei Friedhöfe gehören dazu. Gestern gab es Führungen

Den europäischen Tag der jüdischen Kultur, der gestern begangen wurde, gibt es seit 1999. Er wird in über 30 europäischen Ländern von jüdischen und nichtjüdischen Organisationen durchgeführt. Im Landkreis Dillingen sind vielfältige Spuren reicher jüdischer Geschichte mit all ihren Facetten aber auch tragischen Zeugnissen zu finden. Die Alte Synagoge in Binswangen und das einstige jüdische Gotteshaus in Buttenwiesen sind ebenso wichtige Wahrzeichen wie die jüdischen Friedhöfe in beiden Orten. Gestern konnten die historischen Orte besichtigt werden.

Wenn man auf dem Binswanger Judenfriedhof, der eigentlich auf Wertinger Grund und Boden steht, einmal innehält, spürt man die Stille fast körperlich. Nur von der nahen Straße dringen Geräusche herüber. Efeu wuchert die Bäume empor und herbstliche Blätter rascheln unter den Füßen. Krähen fliegen über den Grabsteinen auf und ziehen ihre Kreise. Da und dort liegt noch ein Kieselstein auf einem der eindrucksvollen Totendenkmäler. Der Wind hat ihn nicht weggeweht. Er stammt wohl von jüdischen Menschen, die irgendwann den Friedhof besucht haben. Immer spärlicher kommen die Besucher aus Israel, aus Schweden oder Belgien, die früher immer wieder einmal nach Binswangen gereist waren hier her. Erst kürzlich war nach langem wieder eine Familie aus Amerika auf der familiären Spurensuche da. Der letzte jüdische Mitbürger wurde 1938 auf dem Judenfriedhof, auf der Anhöhe zwischen Wertingen und Binswangen, beigesetzt.

Die letzte Beisetzung in Buttenwiesen fand im gleichen Jahr statt. Der älteste von den 286 hier noch erhaltenen Grabsteinen geht auf das Jahr 1800 zurück. Gemeindearchivar Dr. Johannes Mordstein erläuterte in einem Rundgang am Sonntag den Besuchern die jüdische Friedhofskultur. Die Grabstätte sei für gläubige Juden unantastbar gewesen. Aus diesem Grund würden jüdische Gräber – im Gegensatz zum christlichen Selbstverständnis – nicht nach einigen Jahrzehnten aufgelöst. „Sie haben Bestand für die Ewigkeit“, so Mordstein. Die Achtung der Toten gehöre zu den wichtigsten Geboten im Judentum. Störungen der Totenruhe seien strikt untersagt.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Da auch Blumenschmuck unter dieses Verbot fällt, besitzen alle jüdischen Friedhöfe ein typisches Aussehen: „Grabsteine von Einzelgräbern stehen ohne jeglichen Schmuck dicht nebeneinander, dazwischen wächst Gras, das zwei- bis dreimal im Jahr gemäht wird“, erläuterte Mordstein. Er wies die Besucher gestern Nachmittag auf weitere Besonderheiten des Buttenwiesener Friedhofs hin. So liege er – im Gegensatz zu den meisten jüdischen Begräbnisplätzen – nicht weit entfernt vom Ort, sondern inmitten des Dorfes. Zusammen mit der Synagoge und dem jüdischen Ritualbad in unmittelbarer Nachbarschaft befinden sich somit die drei wichtigsten Einrichtungen einer israelitischen Kultusgemeinde mitten im Dorf. Hier bilden sie laut Mordstein ein „deutschlandweit einmaliges jüdisches Ensemble“.

Zurück zur Binswanger Friedhofsanlage, die traditionell abseits des Ortes liegt. Sie wurde schon lange vor der sogenannten „Reichskristallnacht“ zerstört. Aus Ferienlagern der Hitlerjugend auf dem heutigen Sportgelände in Wertingen heraus wurden Grabsteine umgeworfen und die Friedhofsmauer teilweise zerstört, hat sich der einstige Altbürgermeister Josef Reißler einmal erinnert. Er hatte in der Pogromnacht als Fünfzehnjähriger zusammen mit einem Nachbarsbuben die Zerstörungstaten von SA-Schergen an der Synagoge, die aus Augsburg gekommen waren, verängstigt beobachten können. Jahrzehnte später war Reißler es, der die Sanierung und Restaurierung der Synagoge forderte und im ehemaligen Landrat Anton Dietrich einen wichtigen Mitverfechter fand, der die nötigen Schritte zusammen mit dem Kreistag in die Tat umsetzte. Die beiden Männer sind mittlerweile verstorben. Zurückgelassen haben sie mit der Binswanger Synagoge ein wichtiges Kulturzentrum im Landkreis Dillingen, das im Herzen des Ortes vom einstigen reichen jüdischen Leben Zeugnis ablegt.

Freilich sind da auch Narben geblieben aus dem Verhalten von einstigen nichtjüdischen Bürgern des Ortes im Dritten Reich. Der Binswanger Anton Kapfer ist diesen Geschehnissen in Romanform nachgegangen, um sie nicht der Vergessenheit anheimfallen zu lassen. Der Autor hat sich ausführlich mit diesem Kapitel örtlicher Geschichte befasst.

Spuren der jüdischen Mitbevölkerung finden sich auch in Straßennamen wie „Judenberg“ in Höch-städt und Wertingen. Vor einigen Jahren fand eine Ausstellung im Höchstädter Schloss statt, wo es unter dem Titel „Anne Franks schwäbische Geschwister“ um die Vertreibung und Ermordung auch von Juden aus dem Landkreis Dillingen im Dritten Reich ging. Ein besonderes Foto-Dokument fand Eingang in die Präsentation. Das Schwarz-Weiß-Bild des kleinen Erich Lammfromm im Matrosenanzug rief Erschütterung bei den Besuchern wach. Der kleine Junge aus Buttenwiesen wird jedem Betrachter unvergessen bleiben. Er gilt als in Piaski (jüdisches Ghetto in Polen) verschollen. Wahrscheinlich ist er dort ermordet worden.

Am gestrigen europäischen Tag der jüdischen Kultur gab es Führungen in Buttenwiesen und in Binswangen. In der Alten Synagoge Binswangen trat das Duo Ariana Burstein (Cello) und Roberto Legnani (Gitarre) auf. Die beiden Musiker sind der Einrichtung sehr verbunden und kommen seit Jahren immer wieder gerne in das einstige jüdische Gotteshaus. Manchmal trägt Legnani die Kippa. Diese Praxis hat ihre Ursprünge noch in biblischen Zeiten, als die Priester im Tempel verpflichtet waren, während des Dienstes den Kopf zu bedecken. (mit pm)

Themen Folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Lesen Sie dazu auch
Copy%20of%20Parkplatzflyer_-_nur_plan.tif
Wertingen

Stadt Wertingen verteilt Flyer an Falschparker

ad__nl-chefredakteur@940x235.jpg

SECHS UM 6: Unser neuer Newsletter

Die sechs wichtigsten Neuigkeiten um 6 Uhr morgens sowie ein Ausblick auf den
aktuellen Tag – Montag bis Freitag von Chefredakteur Gregor Peter Schmitz.

Newsletter bestellen