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31.07.2010

Kirchengemeinde hautnah erlebt

Wertingen Die letzten vier Monate der jüngsten Kirchengeschichte unseres Landes waren wohl bewegter als viele Jahrzehnte zuvor. Die Kirche im Juli 2010 ist nicht mehr dieselbe wie die im Dezember 2009. Mit massiven Anfragen und auch Vorwürfen mussten und müssen sich die verantwortlichen Kirchenleitungen auseinandersetzen. Dennoch wäre es falsch, nur auf diese kurze Zeit oder gar nur auf die Probleme der Kirche zu schauen. Vor 15 Jahren begann Pfarrer Ludwig Michale seine Pfarrstelle in Wertingen, Binswangen und Gottmannshofen. Im September wird er in eine neue Stelle als Pfarrer der Pfarreiengemeinschaft Langenmosen wechseln. Die Wertinger Zeitung führte aus diesem Anlass ein Gespräch mit dem Theologen und Priester.

Seit 33 Jahren sind Sie Priester im Dienst der Kirche und der Diözese Augsburg. Können Sie sich in dieser Zeit an ähnlich turbulente Zeiten in der Kirche erinnern?

Ludwig Michale: Großes Aufsehen in ganz anderem Zusammenhang erregte 1978 der Entzug der Lehrerlaubnis für den Theologieprofessor Hans Küng durch die deutschen Bischöfe.

15 Jahre waren Sie in Wertingen Pfarrer und Seelsorger für etwa 6000 Katholiken. Sind die 3 Gemeinden von Ihrer Wahrnehmung her noch dieselben, wie sie 1995 waren, als Sie ankamen? Was hat sich verändert?

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Michale: Die drei Pfarreien sind nach wie vor selbstständig und haben sich doch in verschiedenen Bereichen zusammengefunden oder angenähert. Zum Beispiel finden jedes Jahr in der Fastenzeit Exerzitien im Alltag statt. Ein anderes Beispiel sind die Pfarrgemeinderatsgremien der drei Pfarreien, die sich regelmäßig zu gemeinsamen thematischen Klausurtagen treffen.

Viele Pfarrer erleben den Dienst in der Kirche als immer anspruchsvoller. Durch die Zusammenfassung von mehreren Pfarreien zu Pfarreiengemeinschaften nehmen die Aufgaben als Pfarrer immer mehr zu. Wie haben Sie dies in der Zeit hier in Wertingen erfahren?

Michale: Zu den drei Pfarreien, die ich 1995 übernommen hatte, sind keine neuen dazugekommen. Zweifellos wird der Dienst des Pfarrers anstrengender, wenn ihm immer mehr Pfarreien zugeordnet werden. Die "anspruchsvolle" Frage dabei ist nicht: Wie kann ich als Pfarrer noch mehr leisten? Sie lautet eher: Was halte ich im Gespräch mit den Gremien der Pfarreien für unbedingt notwendig und worauf können oder müssen wir verzichten? Die Frage ist auch: Was muss der Priester tun? Was ist gar nicht seine Aufgabe? Wer ist sonst bereit, in der Pfarreiengemeinschaft oder Pfarrei Verantwortung zu übernehmen?

In jeder Veränderung oder Krise stecken auch Chancen? Sehen Sie solche für die Kirche in den Entwicklungen der letzten 15 Jahre?

Michale: Ich glaube, wir bewegen uns stärker auf ein Kirchen- und Glaubensverständnis zu, das sich nicht mehr so sehr nach dem orientiert, was "von oben" kommt oder gesagt wird - die oben erwähnten Ereignisse wirken da eher beschleunigend. Sondern, dass Menschen hier in ihrer Umgebung nach dem Glauben fragen, sich von der Kirche "unten" etwas erwarten für ihr Leben, ihren Alltag. Die Botschaft der Kirche kommt allerdings "von oben". Heute von Gott zu reden, bleibt unsere erste Aufgabe als Kirche, eine Sprache zu finden, die verstanden wird und durch entsprechendes Handeln im mitmenschlichen, aber auch im öffentlichen Bereich bekräftigt wird.

Schnell sprechen wir von Kirche und Pfarrei, ist das nicht zu kurz gegriffen? Welche Entwicklungen oder Veränderungen sehen Sie in den letzten Jahren für den christlichen Glauben in unserer Stadt und in unserem Land?

Michale: Einerseits wird die Kirche von vielen Menschen nur noch an wenigen Punkten im Leben "gebraucht". Familienfest geworden ist zum Beispiel die Taufe. Als Aufnahme in die Kirche gehört das Fest der Taufe jedoch im eigentlichen Sinn ins Leben der Pfarrgemeinde. Oder auch die Erstkommunion, die nur selten eine neue Verbundenheit mit der christlichen Gemeinde begründet. Kirchliche Mitwirkung bei öffentlichen Ereignissen und Festen ist bei uns noch gefragt und gewünscht. Aber es ist nicht zu übersehen, dass, was Glaube genannt wird, immer mehr zur Privatsache erklärt wird. Dass Glaube in Gemeinschaft gelebt, gefeiert, weitergegeben wird, scheint schwer zu vermitteln, kaum erfahrbar zu machen. Andererseits nehme ich erfreut und dankbar wahr, dass sich viele Menschen in unseren Pfarreien in sehr unterschiedlichen Aufgabenbereichen engagieren.

Welches Gefühl erleben Sie, wenn Sie an die eben erwähnten Veränderungen denken? Freude? Angst? Neugier oder ... ?

Michale: Es ist eine spannende Herausforderung, in unserer Zeit dem Glauben Gehör zu verschaffen. Ich fühle mich dazu ermutigt, weil ich weiß, dass ich bei diesem "Versuch" in unseren Pfarrgemeinden nicht allein bin.

Wen Sie an die "Wertinger Zeit" zurückdenken, was werden Sie vermutlich am meisten vermissen?

Michale: Ich muss wohl erst abwarten, was ich bekomme, um sagen zu können, was mir fehlt.

Lieber Pfarrer Michale, wir wünschen Ihnen für Ihren weiteren Lebensweg alles Gute, immer gute Menschen, die Sie begleiten und Ihnen zur Seite stehen. Vor allem wünschen wir Ihnen auch, dass Sie Ihren hintergründigen Humor, den Sie hier in unserer Stadt und in den beiden Dörfern bei verschiedenen Anlässen immer wieder eingebracht haben, nie verlieren mögen.

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