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Wertingen

29.10.2015

Kleiner Mann mit großer Wirkung

Der Autor Thomas Schuler (sitzend) stellt in der Wertinger Buchhandlung Gerblinger sein Werk „Napoleon und Bayern“ vor. Die zahlreichen Zuhörer ließen sich gerne eine Widmung in das Werk schreiben.

Wie Napoleon Europa und die Weltliteratur beherrschte

Von Günter Stauch

Wertingen Glücklicher kann eine Konstellation kaum ausfallen: Der führende deutsche Napoleon-Experte ist zu Gast bei einem der - staatlich beurkundet - besten Buchhändler Deutschlands, um dort über einen der mächtigsten Herrscher Europas zu sprechen. Und dann scheint dem Autor Thomas Schuler plötzlich die ohnehin dünne Stimme ganz wegzubleiben, er hat eine Erkältung am Hals. Um im Jargon des gesamten Abends zu bleiben: Dank eines fürsorglichen Blitzeinsatzes der Hausherren Franz, Andreas und Christine Gerblinger sowie einer großen Tasse Kamillentee kann sich der Historiker und Publizist doch noch heldenhaft durchschlagen.

Autorenlesungen leben von kleinen Überraschungen. Weniger erstaunlich ist die Neugier der weit mehr als drei Dutzend Besucher aus der Region, die sich nicht nur auf den in der Fachwelt überwiegend positiv beurteilten Geschichtsband über Napoleons Einfluss auf Bayern bezieht. Das verriet schon die anschließende Fragerunde: War „er“ nun wirklich in Wertingen? Ist „er“ dort am Marktplatz von seinem Schimmel heruntergestiegen? Hat „er“ sich nach getaner Schlacht tatsächlich zur Einkehr nach Zusmarshausen aufgemacht oder an einem Ofen in Wörleschwang gewärmt?

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An „Gerüchten“ bleiben auch in dieser Stunde Zweifel. Die Rede ist aber von einem Menschen, der Mitte des 18. Jahrhunderts auf der zum französischen Staatsgebiet gehörenden Insel Korsika das Licht einer ohnehin schon unruhigen Welt erblickt und sich – fast schicksalhaft – später durch eine beispiellose Offizierskarriere auszeichnen wird. Der charismatische und kräftige Mann schwingt sich mehr und mehr zum General, revolutionären Diktator und schließlich Kaiser auf, sein Machtinstinkt ist gewaltig ausgeprägt. Im wahrsten Sinne des Wortes: Unter seiner Ägide herrschen Tod und Verderben.

Als der abgedankte Empereur am 15. Mai 1821 an seinem Verbannungsort auf St. Helena stirbt, haben seine Kriege Hunderttausende Menschenleben gefordert, die halbe Welt scheint sich durch ihn verändert zu haben. Das gilt auch für Bayern, dem Hauptthema von Thomas Schuler, der seit Jahren Führungen an den Originalschauplätzen im ganzen Freistaat leitet. Sehr zur Freude des anwesenden langjährigen Museumsreferenten Alfred Sigg taucht er auch regelmäßig in der Zusamstadt auf. Klar, dass er deren historischen Hinweise wie ein Gedenkstein am Judenberg, den Eintrag im Triumphbogen oder die „Napoleonstanne“ kennt, die allerdings 100 Jahre danach, als Fichte gepflanzt wurde. Auf dem Höhenrücken über Gottmannshofen müssen die Militärs einen hervorragenden Überblick über das unten erfolgende Gemetzel gehabt haben.

Dass in Napoleons Zeit die Erhebung zum Königreich, enorme territoriale Zugewinne und innere Reformen fielen, macht Thomas Schuler auf vielen gut illustrierten Seiten deutlich. Und: „Die heutige bayerische Erfolgsgeschichte hat ihre Wurzeln in der napoleonischen Zeit.“ Dann spricht er die Ambivalenz an, die der Stratege aus Paris überall auslöste. Goethe schwärmte von ihm, am bayerischen Königshof wurde er gehasst. Schuler: „An diesem Mann scheiden sich die Geister.“ Der Band führt teils wie ein Tagebuch durch die ereignisreichen Jahre zwischen 1789 und 1815. Dabei verzichtet der gelernte Journalist auf schulmeisterlich wirkende langatmige Abhandlungen und bloßes Aneinanderreihen von Jahreszahlen, was in einschlägigen Geschichtsbüchern nachzuschlagen wäre.

Der in Ulm lebende Schriftsteller holt diese kriegerische Zeit mit allen ihren Facetten in die Gegenwart zurück. Das gelingt ihm zum einen durch die akribische Auswertung zahlreicher zeitgenössischer Quellen, anhand derer der Geist dieser Epoche ein wenig geatmet werden kann. Andererseits begibt sich Schuler beim Beschreiben der großen Akteure immer wieder in die „Niederungen“ des einfachen Volkes, das er niemals aus dem Blick verliert. Bei dem in freundliches Blau eingebundenen Werk fehlt eines dieser stets langweiligen Vorworte genauso wie die vorgedruckten Widmungszeilen eines Autors. Letzteres beschaffen sich die begeisterten Lesungsgäste im Hause Gerblinger vom Schriftsteller persönlich.

Das Buch Thomas Schuler: „Wir sind auf einem Vulkan“ – Napoleon und Bayern, 2015, 319 Seiten, 24,95 Euro, auch als E-Book, Verlag C.H.Beck, München.

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