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21.07.2010

Komödiantische Kostbarkeiten und lyrische Sprachkunst

Theseus (Jonas Remiger), Hippolita (Luna König), Demetrius (Jasmin Rauscher) und Thisbe (Monika Bandow) sowie Zettel (liegend: Andreas Straub) in der Handwerkerszene aus dem "Sommernachtstraum". Fotos: Pawlu
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Theseus (Jonas Remiger), Hippolita (Luna König), Demetrius (Jasmin Rauscher) und Thisbe (Monika Bandow) sowie Zettel (liegend: Andreas Straub) in der Handwerkerszene aus dem "Sommernachtstraum". Fotos: Pawlu

Lauingen Das Stadeltheater hat schon immer Geschenke für Literaturfreunde bereitgehalten. Diese Tradition setzt Regisseur Norbert Mahler mit "Shakespeare - geschüttelt" fort. Die Inszenierung präsentiert Ausschnitte aus mehreren Shakespeare-Stücken als sprachliche und komödiantische Kostbarkeiten. Als Auftakt zur Szenenfolge verklärt ein Dialog aus "Der Kaufmann von Venedig" den Zauber einer Liebesnacht: "In solcher Nacht / Stand Dido, eine Weid' in ihrer Hand, / Am wilden Strand und winkte ihrem Liebsten / Zur Rückkehr nach Karthago." Jakob Moehnle als Lorenzo und Christine Schröppel als Jessica verdeutlichen nicht nur die mythische Einkleidung dieses Textes im Sinne der Renaissance, sondern auch den Zauber der Sprachbilder als Folge der vermehrten Hormonausschüttung eines liebenden Paares.

Ein Hund und ein Paar Schuhe

Timocin Ziegler spricht den Monolog aus dem 2. Aufzug des Stücks "Zwei Herren aus Verona" mit hintergründiger Skurrilität. Ein Hund und ein Paar Schuhe genügen der Figur des Lanz, die gesamte Struktur seiner Familie offenzulegen. "… ich bin der Hund, - ach! der Hund ist ich, und ich bin auch ich selbst; ja, ja, so ist's."

Das berühmte "Pyramus-und-Thisbe"-Spiel aus dem "Sommernachtstraum" ist in dieser Inszenierung nicht nur eine burleske Parodie auf mangelndes Kunstverständnis. Sie zeigt auch, dass Brechts Idee vom epischen Theater so neu nicht war, weil schon Shakespeares Handwerksmeister den V-Effekt erfanden. Patricia Laube als rühriger Squenz und stiller Mondschein, Andreas Straub als hoch motivierter Zettel und liebestoller Pyramus, Monika Bandow als lethargischer Flaut und tragische Thisbe, Gerlinde Scheit-Mayer als melancholischer Schnock und herrlich ungefährlicher Löwe, Heike Lederer als abwartender Schnauz und munter aufspielende Wand - sie alle führen der blasiert-amüsierten Hofgesellschaft (Jonas Remiger, Luna König, Jasmin Rauscher) mit sympathischer Spiellust das Spiel im Spiel vor.

Komödiantische Kostbarkeiten und lyrische Sprachkunst

Nach der Pause konnten Premiere-Besucher im nicht ausverkauften Stadeltheater erleben, dass literarische Komik mehr ist als Comic und dass Lebenslust manchmal auf Kosten anderer Lebewesen entsteht. Christine Schröppel als Junker Tobias, Monika Bandow als Junker Bleichenwang, Gerlinde Scheit-Mayer als herrlich überdrehter Malvolio, Andreas Straub als Maria, Jonas Remiger als Narr und Timocin Ziegler (Musiker/Putze) demonstrieren lustvoll, was man sich unter höfischem Mobbing vorzustellen hat.

"Ende gut, alles gut"- aus dieser Komödie entnahm die Regie einen geistreichen Dialog aus dem ersten Aufzug zwischen Parolles (Jakob Moehnle) und Helena (Christine Schröppel) über den zwangsläufigen Verlust der Jungfräulichkeit. "Sie ist eine Ware, die durchs Liegen allen Glanz verliert; je länger aufbewahrt, je weniger wert: fort damit, solange es noch verkäuflich ist", meint der stürmisch werbende Parolles - und Helena setzt dieser argumentatorischen Logik in schöner Selbstverständlichkeit weibliche Würde entgegen.

Kommentierende Zitate aus Untersuchungen

Zusammengehalten und verbunden werden die Szenen mit kommentierenden Zitaten aus literaturwissenschaftlichen, aber höchst merkwürdigen Untersuchungen zu Shakespeare und seinem Werk. Timocin Ziegler als Moderator verleiht diesen Auftritten mit bewundernswerter Sprechkultur hintergründigen Witz, der aber von seinem Chef Dr. Schwarzmaler als höchst überflüssig angesehen wird. Helmut Wittmann gibt der Rolle dieses beobachtenden Geheimdienstagenten die Konturen einer Figur, die von Samuel Beckett erfunden sein könnte.

Für weitere Glanzpunkte sorgen die Zwischenauftritte von "peu à peu": Ursula Echl und Barbara Mahler tragen Kompositionen aus Shakespeares Zeiten vor. Ihre Lieder basieren selbst in Moll-Varianten auf der Lust an einer Harmonielehre, die vierhundert Jahre lang der zivilisierten Menschheit Freude bereitete.

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