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Bocksberg

24.04.2015

Luftdruck einer Bombe deckte den Stadel ab

Paula Geh erinnert sich an den 26. April vor 70 Jahren. Bild: ews

Paula Geh aus Bocksberg erlebte am 26. April 1945 das lokale Kriegsende in Bocksberg

Bocksberg Wie erlebt ein Kind 1945 das Kriegsende im vermeintlich friedlichen Hinterland? Die Bauerntochter Paula Geh war acht Jahre alt, als am 26. April 1945 die Amerikaner von Marzelstetten her ihr Heimatdorf Bocksberg einnahmen. Am Vorabend hatten die Bocksberger im Westen eine große Schießerei gehört. Paula Gehs Vater hatte hinter seinem Anwesen „Beim Paule“ hoch droben auf dem Burgberg vorsorglich einen Bunker gegraben. Geholfen hatten ihm Ausgebombte aus Bäumenheim, die gerade erst einen Monat zuvor bei einem großen Bombenangriff am Josefstag Heim und Herd verloren hatten und in Bocksberg untergekommen waren.

Heute erinnert sich Paula Geh: „Wiederholt wurden wir Schulkinder in dieser letzten Zeit des Krieges wegen Fliegeralarms aus der Schule heimgeschickt. Tiefflieger überflogen das Dorf. Deutsche Soldaten zogen durch Bocksberg und baten um Brot. Die Wehrmacht baute gleich hinter unserem Hof Stellungen am Burgberg aus.“ Bocksberg rückte für einige Stunden in den Brennpunkt der Kriegsgeschichte, weil von der Burghöhe herab das Land weit bis ins Donauried hinein zu überblicken ist – für Generalstäbler damit ein idealer Geländepunkt.

Die kleine Paula hörte am 26. April 1945 das Krachen der Geschosse vom Hauskeller aus. Heute erinnert sie sich: „Meine Schwester Edith war damals noch ein Baby – sie hat geschrien und geweint wegen all der Schießerei!“

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Den eigentlichen Kampf um Bocksberg hat Paula Geh nicht selbst gesehen. Vom Keller aus hatte sie ein lautes Gepolter nebenan gehört. Wie sich später herausstellte, hatte eine Brandbombe nur knapp den Stadel des elterlichen Anwesens verfehlt. Der Luftdruck hatte den Stadel zwar teilweise abgedeckt, aber die Bombe war im Boden explodiert und hatte ein großes, aber harmloses Brandloch aufgeworfen.

Anderen Bauern in Bocksberg war es nicht so gut ergangen: Paula Geh erinnert sich an die Rauchsäulen über dem Ort: „Bei Blasius Gutmayr waren Stall und Stadel abgebrannt. Das Vieh wurde gerettet. Bei Anton Kain war alles abgebrannt, auch das Vieh verendete. Bei Vitus Wiedmann brannte alles ab – das Vieh verendete...“ Noch heute erinnert sich die betagte Bocksbergerin an den Angriff vor 70 Jahren, wie wenn er erst gestern gewesen wäre. Die Bilanz: Acht Anwesen waren Bränden zum Opfer gefallen.

Auch Tote und Verwundete hatte es bei dem Gefecht gegeben. Paula Geh war in einer Gefechtspause mit der Familie vom Keller zum Bunker gerannt. Dort war auch ein Wehrmachts-Sanitäter, der aber während des Beschusses seinen verletzten Kameraden nicht helfen konnte.

Die ersten Amerikaner sah Paula Geh gleich nach dem Gefecht. „Es wurde heftig an der Haustüre gerüttelt. Die ersten Worte der Amerikaner? Sie erkundigten, ob niemand verletzt sei. Ob die Frau und die Kinder wohlauf seien? Paula Geh erinnert sich noch heute an ihre Überraschung. Das sollte der böse Feind sein? „Wir hatten damals Horrorbilder. Ich dachte doch, dass wir alle erschossen würden...“

Die Amerikaner verhielten sich human. Im Rossstall lagen fünf verwundete deutsche Soldaten auf Tragen. Sie wurden von US-Sanitätern sehr sorgfältig versorgt, in Jeeps verladen und ganz langsam die Straße – heute heißt sie Ulrichstraße – hinuntergefahren. Paula Geh erinnert sich daran, wie sie später hörte, dass diese Verwundeten nach Heidenheim ins Lazarett gekommen seien. „Sie haben alle überlebt!“ Verletzt wurden auch Dorfbewohner. Vitus Wiedmann erhielt einen Bauchschuss, den er ebenfalls im Lazarett in Heidenheim auskurieren konnte. Er überlebte, hatte aber zeitlebens gesundheitliche Probleme.

Paula Geh erinnert sich auch an die drei Toten in der Stellung im elterlichen Garten. Der Unteroffizier Patt aus dem Sudetenland war von einem Geschoss und explodierender Munition derart zerfetzt worden, dass seine Überreste nach dem Gefecht mit Heugabeln zusammengetragen werden mussten. „Es war furchtbar!“ Zwei weitere Soldaten waren gefallen und lagen in der Nähe des Anwesens in einer kleinen Schlucht. Die drei toten Wehrmachtssoldaten wurden vom Gastwirt Andreas Langenmair mit einem Leiterwagen zum Friedhof in Modelshausen gebracht. Heute noch kommt es Paula Geh wie ein Wunder vor, dass unter den Dorfbewohnern kein Todesopfer zu beklagen war.

Einige Tage nach dem Gefecht kam ein versprengter deutscher Soldat durch Bocksberg und fragte nach den Kämpfen und dem Schicksal der Wehrmachtsoldaten und Volkssturmleute. Paula Gehs Mutter zeigte ihm ein Foto, das der gefallene Unteroffizier Patt in der Tasche bei sich getragen hatte. Es bildete ihn mit Ehefrau und dreijährigem Töchterchen ab. Der Soldat erschrak: „Ach, mein bester Kamerad!“ Der Soldat nahm das Foto mit und leitete es an die Witwe weiter.

Für die Bocksberger war der Zweite Weltkrieg am 26. April 1945 zu Ende. Die letzten Eindrücke Paula Gehs aus dieser Zeit: „Tagelang rollten darauf hin die amerikanischen Panzer und Jeeps durch unser Dorf in Richtung Augsburg.“

Paula Gehs Geschichte endet versöhnlich. Die Amerikaner, die in den letzten Kriegstagen an die von der NS-Propaganda erfundene Alpenfestung glaubten und einen Guerillakrieg fanatischer NS- und SS-Mitglieder befürchteten, entdeckten nach der Kapitulation vom 8. Mai 1945, dass die Gewalt zu Ende war.

Vor allem die Kinder waren angetan von der Freundlichkeit der „Amis“ und Geschenken wie Schokolade und Kaugummis. Auch Paula Geh erinnert sich, dass sie und ihre Spielkameraden einmal nach der Sperrstunde draußen ertappt worden sind. Die Kinder hatten große Angst vor der bewaffneten Macht im Jeep. Aber der Krieg war vorbei: Sperrstunde hin oder her, die Soldaten sahen keinen Anlass, spielende Kinder zu ängstigen.

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