1. Startseite
  2. Lokales (Wertingen)
  3. Missstände im Kuhstall – Tierschützer prangern Anbindehaltung an

Landkreis Dillingen

11.07.2016

Missstände im Kuhstall – Tierschützer prangern Anbindehaltung an

Copy%20of%20IMG_0002(1).tif
3 Bilder
Diese Fotos kursieren in den sozialen Netzwerken des Internets – Kühe und Kälber, die unter misslichen Umständen in Anbindehaltung gehalten werden. Es soll sich um einen Betrieb im Landkreis handeln.

Das Bündnis „Stoppt den Saustall“ zeigt Bilder im Internet, die von einem Betrieb im Landkreis stammen. Bauernverband und Landwirtschaftsamt plädieren für Laufställe.

Das Thema Anbindehaltung in Kuhställen, das derzeit im Rahmen einer Gesetzesänderung den Bundesrat beschäftigt, hat das „Aktionsbündnis Stoppt den Saustall“ veranlasst, entsprechende Missstände im Landkreis aufzuzeigen. In einer Pressemitteilung und in den sozialen Netzwerken des Internets berichtet das Bündnis über „desaströse Haltungsbedingungen für Milchkühe im Landkreis Dillingen“ und sendet entsprechende Fotos hinterher, die dem Bündnis zugespielt wurden. Der landwirtschaftliche Betrieb – es soll sich um einen Kleinbauern im östlichen Landkreis handeln – beliefert laut dem Aktionsbündnis „eine der regionalen Molkereien und steht für den Bauern von nebenan, kleinbäuerlich und in Familienbesitz“. Den Fotos und Augenzeugenberichten zufolge sollen die Kühe knöcheltief im Schlamm und in ihren eigenen Exkrementen stehen und in der dazugehörigen Kälberaufzucht zeitweise aus Wassermangel ihren eigenen Urin trinken müssen.

Das Bündnis mit Sprecherin Heidi Terpoorten aus Binswangen an der Spitze stellt die Anbindehaltung generell an den Pranger. In Bayern würden aktuell etwa 300000 Kühe im Stall stehen, ganzjährig oder bis zu sechs Monate angebunden, ohne Auslauf und häufig ohne Tageslicht. Das seien rund ein Drittel aller bayrischen Kühe. „Die Tiere liegen oder stehen tagein, tagaus an derselben Stelle, haben wenig Platz – können nur aufstehen oder sich hinlegen, haben kaum Bewegungsfreiheit und häufig keinen ausreichenden Körperkontakt zu Artgenossen,“ kritisiert auch die Welttierschutzgesellschaft, wie das Bündnis mitteilt. Zudem hätten alte Ställe oft zu niedrige Decken mit wenig Luft und Licht.

Das Bündnis hat sich deshalb mit einem entsprechenden Fragenkatalog in einem offenen Brief an den Bayerischen Bauernverband gewandt. Eugen Bayer, BBV-Geschäftsführer für den Landkreis Dillingen, spricht von einem „schwarzen Schaf“, das er unter den hiesigen Betrieben vermutet, die noch Anbindehaltung praktizieren. Wenn man gegen den Fall vorgehen solle, dann müsse das Aktionsbündnis sagen, um welchen Stall es sich handelt. Dann könne sich das Veterinäramt mit den Umständen beschäftigen. Bayer kennt die Fotos, die die Kühe mit zusammengebundenen Fesseln im Schmutz zeigen, und erklärt: „So praktiziert es kein ordentlicher Nutztierhalter.“

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Doch Bayer mahnt: „Derartige Missstände und Anbindehaltung sind zweierlei Themen. Da muss man schon differenzieren.“ Wenn Kühe in einem Stall unter sauberen Verhältnissen und unter Beachtung des Tierwohls angebunden werden, dann sei diese Art von Tierhaltung akzeptabel. „Wenn die Tiere ordentlich gepflegt sind, geht es ihnen gut“, sagt Bayer. Dennoch sei die Anbindehaltung ein Auslaufmodell und ein Laufstall besser für die Rinder, aber auch für den Menschen, da sich der Arbeitsaufwand verringere. „In der Anbindehaltung müssen Sie zu jedem Tier hingehen, im Laufstall holt sich die Kuh das Futter selber oder kommt sie in den Melkstand“, berichtet Bayer. Das sei für den Bauern einfacher und die Kühe hätten mehr Bewegungsfreiheit, was die Tiergesundheit fördere. Unerheblich sei dabei, wie groß der Stall ist. Eine bestimmte Anzahl an Milchvieh sei notwendig, um den Betrieb rentabel zu machen. Nostalgie mit kleinen Ställen, wie sie nach Meinung Bayers viele Tierschutzorganisationen herbeisehnen, sei deshalb fehl am Platz.

Das betont auch Otmar Hurler, Berater für Milchviehhaltung am Amt für Landwirtschaft. Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für Kuhhalter seien aufgrund des fallenden Milchpreises derzeit katastrophal, erklärt Hurler. Kein Milchviehhalter, der Anbindehaltung praktiziert, werde sich derzeit entscheiden, in einen neuen Laufstall zu investieren. „Seit einem Jahr haben wir keinen entsprechenden Bauantrag mehr vorliegen“, berichtet Hurler. Dabei sei der Laufstall tierfreundlicher und biete der Kuh das Vierfache an Platz. Die Anbindehaltung gehört nach Aussagen Hurlers der Vergangenheit an, weil „das Rind von Natur aus einen Bewegungsdrang hat“. Das Amt empfiehlt deshalb nur noch Laufställe. Laut Hurler ist es nur eine Frage der Zeit, bis sich Laufställe vollkommen durchgesetzt haben.

Das Dillinger Landratsamt hat jetzt zu den Fragen des Aktionsbündnisses Stellung genommen. „Die vom Aktionsbündnis veröffentlichten Bilder konnten nach Überprüfung durch die Veterinärverwaltung des Landratsamtes eindeutig einem der Behörde bekannten Landwirt zugeordnet werden“, teilt Pressesprecher Peter Hurler mit. Seit dem Jahr 2014 seien in dem Betrieb bei diversen Kontrollen durch das Veterinäramt Verstöße unter anderem gegen tierschutzrechtliche Vorgaben festgestellt worden. Diese Verstöße seien im Rahmen von Cross Compliance mit Kürzungen der Direktzahlungen sanktioniert worden. Zudem habe das Amt auf die Verstöße mit Anordnungen, Zwangsgeldern und Nachkontrollen reagiert. Und weiter heißt es in der Stellungnahme des Landratsamts: „Alle aktuell verfügten, jedoch vom Tierhalter noch nicht vollständig umgesetzten Maßnahmen wird die Behörde entsprechend den Regularien des Verwaltungszwanges durchsetzen.“

Bei den Fragen zur Anbindehaltung deckt sich die Stellungnahme des Landratsamts in einem zentralen Punkt mit der Ansicht des Bauernverbands. Anbindehaltung von mehr als sechs Monate alten Rindern werde weder durch EU-Recht noch durch nationales Recht in Deutschland verboten. Damit fehle der Behörde für die Anordnung eines generellen Verbots die rechtliche Grundlage. Dies könnte sich allerdings ändern. Wie in unserer Zeitung berichtet, will der Bundesrat die Anbindehaltung verbieten. Eine Übergangsfrist von zwölf Jahren soll allerdings den Betrieben bleiben, um sich darauf einzustellen.

Themen Folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Lesen Sie dazu auch
Copy%20of%20Eichenbefall.tif
Kommentar

Keine Angst vor der Natur!

ad__nl-chefredakteur@940x235.jpg

SECHS UM 6: Unser neuer Newsletter

Die sechs wichtigsten Neuigkeiten um 6 Uhr morgens sowie ein Ausblick auf den
aktuellen Tag – Montag bis Freitag von Chefredakteur Gregor Peter Schmitz.

Newsletter bestellen