1. Startseite
  2. Lokales (Wertingen)
  3. Mit Busfahrer Micha sicher zur Schule

Serie 24 Stunden: 7 Uhr

07.08.2017

Mit Busfahrer Micha sicher zur Schule

Michael Besel ist leidenschaftlicher Busfahrer. Schon als kleiner Bub war ihm klar, dass er das Unternehmen seines Opas übernehmen will. Heute ist er der Chef bei Gerstmayr-Reisen in Amerdingen.
Bild: Simone Bronnhuber

Michael Besel ist der Chef von Gerstmayr-Reisen in Amerdingen. Täglich führt ihn seine Arbeit, die er über alles liebt, durch das Kesseltal. An Bord: kleine und große Schüler

Dicke Tränen kullern dem Mädchen über die Wange. Sie schluchzt fürchterlich und fasst sich an den Bauch. „Das tut so weh und wird nicht besser“, sagt sie weinerlich. Am linken Ellenbogen hat sie eine kleine Schürfwunde, und an der Hüfte wird es wohl einen blauen Fleck geben. Die Grundschülerin ist gestürzt. Sie war mit ihrem Schulranzen zu schnell zum Bushäuschen gerannt und ist über den Gehsteig gestolpert. Michael Besel hört dem aufgelösten Mädchen geduldig zu. Währenddessen schaut er immer wieder in die Außenspiegel, dreht das große Lenkrad, schaltet und hat den Verkehr genau im Blick. An einer Kreuzung bremst er ab und bleibt kurz stehen. Er schaut den kleinen, blonden Pechvogel an und sagt: „Am besten sitzt du jetzt zu mir ganz nach vorne und tust ein bisschen Spucke auf die Wunde. Das hilft ganz bestimmt.“ Alltag für Michael Besel.

Es ist Montagmorgen kurz vor sieben Uhr. Die Schulwoche vor den großen Sommerferien. Auf dem Hof bei Gerstmayr-Reisen in Amerdingen herrscht Hochbetrieb. Die verschiedenen Busse stehen bereit, die Fahrer richten alles her. Besel spricht sich mit allen kurz ab, die Routen werden koordiniert und die aktuelle Verkehrslage nachgeschaut. Dann steigen die Männer in ihre Fahrzeuge, und los. Auch Besel steigt ein, steckt seine Fahrerkarte ein, „stöpselt um“, hängt ein Schild mit der Aufschrift „Schulverkehr“ in die große Scheibe, schaut, ob alles im Bus in Ordnung ist, und dann geht es los. „Wir müssen pünktlich sein. Die Pläne sind genau ausgetüftelt“, sagt er und braust vom Hof. Früher sei alles schneller abgelaufen. Mittlerweile brauche es seine Zeit, bis ein Bus bewegt werden dürfe. „Die Bürokratie und die Vorschriften sind wahnsinnig viel geworden.“

Seit 2007 ist Michael Besel Chef des Familienbetriebs in Amerdingen. Schon als kleiner Bub stand er täglich in den Hallen und schaute seinem Opa bei der Arbeit zu. „In der fünften Klasse habe ich schon gesagt, dass ich einmal Busfahrer werde“, erinnert er sich. Damals habe der Lehrer gesagt, dass er dann der erste Busfahrer mit Abitur sei. „Ich habe zwar Abitur, aber der erste damit in dieser Branche werde ich wohl nicht sein“, sagt er und lacht. Dennoch: Direkt nach dem Abi setzte sich Besel hinter das große Lenkrad und kutschiert seither unter anderem kleine und große Fahrgäste durch die Welt. „Das ist mein Traumberuf.“ 24 Fahrzeuge stehen im Hof, 32 Mitarbeiter, darunter 28 Fahrer, sind für ihn angestellt. Mit seinem Unternehmen, das es seit 1954 gibt, bietet Besel unter anderem Ausflugsfahrten, Flughafen-Transfers, Krankentransporte und Busshuttle an – und eben auch tägliche Schulbusfahrten.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

In all den Jahren sei glücklicherweise noch nie was Schlimmeres passiert, „aber passieren kann immer was, wir sind ja nicht alleine auf der Straße“. Der Schulweg mit dem Fahrrad oder dem Auto sei statistisch aber wesentlich gefährlicher. Gerade die Fahrten im hügeligen Kesseltal hätten es teilweise in sich, vor allem bei Glätte im Winter. Aber Besel ist erfahren, und: „Ich mag diese Fahrten. Denn unsere Landkinder sagen noch Hallo, wenn sie einsteigen.“ Dass die Schulfahrten ihre eigenen Gesetze haben, weiß der Amerdinger. „Montags sind sie noch etwas müder und weniger laut. Am Freitag schaut es dann schon ganz anders aus. Und kurz vor den Ferien sowieso“, sagt er und lacht. Auf seiner Route durch das Kesseltal kommt er unter anderem in Forheim, Thalheim, Fronhofen, Leiheim, Oberringingen und Zoltingen durch, bis er die Kinder an der Grund- und Mittelschule abliefert. Direkt danach geht es wieder zurück nach Amerdingen – auf dem Weg dorthin sammelt er im unteren Kesseltal noch Schüler ein, die die Schule im Ries besuchen. Insgesamt 59 Kilometer Schulfahrtsweg und rund 40 Kinder. Viele Schüler kennt der Familienvater mit Namen – zumindest die, die auffallen oder die, die brav sind. „Manchmal ist der Geräuschpegel schon krass. Aber man gewöhnt sich daran. Ich fahre jeden Tag, es ist meine Leidenschaft. Busfahrer ist kein Beruf, sondern eine Berufung“, so Besel. Die Kinder wissen das zu schätzen. Ihr Busfahrer Micha, wie sie ihn nennen, hat ein Auge auf alles. Aber: „Was im Bus gschwätzt wird, bleibt auch im Bus. Ich könnte Bücher schreiben.“ Oder wöchentlich einen Flohmarkt veranstalten. Denn Mützen, Turnbeutel und Brotdosen stapeln sich in seinem Büro. Die Sachen, die nicht mehr geholt werden, schenkt er einmal im Jahr der Caritas.

Mittlerweile ist Michael Besel in Bissingen angekommen, die Kinder packen ihr Rucksäcke und machen sich fürs Aussteigen bereit. Auch das kleine Mädchen, das ganz vorne sitzt. Die Spucke hat geholfen. Es tut nicht mehr ganz so weh, sagt sie. Trotzdem trägt eine andere Schülerin für sie den Schulranzen, und sie wollen direkt im Sekretariat nach einem Pflaster fragen. „Und wenn was ist, gib Bescheid“, ruft der 47-Jährige hinterher. Mittags holt er sie wieder. Dann geht es mit Busfahrer Micha wieder heim.

Serie Unsere neue Serie „24 Stunden“ begleitet Menschen bei ihrer Arbeit. Zu jeder Stunde – auch bei Nacht – begleiten wir sie bei dem, was sie zu dieser Zeit machen. Die Serie endet um null Uhr.

Themen Folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Lesen Sie dazu auch
JoschoStephan_neu2.jpg
Wertingen

Gipfeltreffen der Gitarrenszene in Wertingen

ad__querleser@940x235.jpg

Qualität auch für Querleser

Montag bis Samstag ab 4 Uhr morgens. Und die Multimedia-Ausgabe
"Kompakt" mit den wichtigsten Nachrichten von Morgen ist auch dabei.

Jetzt e‑Paper bestellen!