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10.10.2016

Schüler schärfen ihre Sinne in Peru

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Auf einem Inka-Pfad wanderten die fünf Schüler(innen) der Wertinger Montessori-Fachoberschule – von links Ronja Meitinger, Lea Schwalb, Felix Zitzmann, Leonhard Luca und Kevin Keller – am Ende ihres zweimonatigen Praktikums und einer sehr erlebnisreichen Zeit in Peru zum Machu Picchu, dem „Alten Berg“.

Schulen Fünf junge Menschen sammelten reichhaltige Erfahrungen bei ihrem achtwöchigen Praktikum in Südamerika. Jetzt trafen fünf Peruaner an der Wertinger Montessorischule ein. Einen großen Unterschied erkennen sie sofort

Wertingen „Alles ist ganz anders als in Peru – alles, alles, alles.“ Das sagt die 16-Jährige Andrea. Sie erzählt von einer anderen Ordnung, von vielen Orten, die nah beieinander liegen statt einer zentralisierten Hauptstadt. Und vor allem von Sonne, Wärme und Kälte. Gemeinsam mit vier weiteren jungen Menschen erlebte Andrea gestern ihren ersten Schultag an der Wertinger Montessorischule. Hier werden die Fünf die nächsten zwei Monate verbringen, lernen und arbeiten. Erstmals findet hier in diesem Jahr ein Austausch mit der Schule in Peru statt. Im Frühjahr hatten bereits fünf hiesige Schüler und Schülerinnen ebenso viel Zeit in Peru verbracht.

Höher, schneller, weiter – gilt das auch für den Schüleraustausch? Die Lehrerin Beate Lahner-Ptach verneint. Es sei nicht das Ziel, immer weiter weg oder an immer exotischere Plätze zu reisen. Die Idee stamme von zwei Schülerinnen der Montessori-Fachoberschule. Als solche müssen sie mehrere Praktika ablegen, auf Wunsch auch im Ausland. Und so baten Ronja Meitinger (Wertingen) und Lea Schwalb (Roggden) ihre einstige Lehrerin Beate Lahner-Ptach: „Bitte hilf uns, nach Peru zu gehen.“ Denn sie erinnerten sich an viele Erzählungen der 48-jährigen Wertingerin, die zehn Jahre in dem südamerikanischen Staat gelebt hatte. Noch immer gehört ihr dort ein Haus, das sie allerdings seit neun Jahren nicht mehr betreten hat. Als deutsche Auslandskraft hatte Beate Lahner-Ptach von 1997 bis 2007 an einer Privatschule in Arequipa im Süden Perus unterrichtet, ihr Mann als Architekt unter anderem einen Kindergarten gebaut. Nach zehn Jahren kehrten die beiden nach Deutschland zurück – sie um sich mit Montessori auseinander zu setzen, er um zur Architektur die Homöopathie zu erlernen.

Gerne nahm die 48-jährige Lehrerin die Idee ihrer einstigen Schülerinnen auf und schrieb an die dortige Schulleitung. Die Antwort kam prompt: „Wir sind gerade dabei, Montessori einzuführen.“ Und so machte sich eine Wertinger Gruppe im April auf den Weg in das herbstliche Peru. Drei Schüler gesellten sich zu den beiden Mädchen – mit ihnen für die erste Zeit auch Beate Lahner-Ptach. Als sie ankommen, hört die Lehrerin nach neun Jahren endlich wieder den Kolibri singen und sieht die Bougainvillea Zäune und Mauern umwachsen.

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Die Wertinger Schüler haben die Aufgabe, Montessorimaterial einzuführen und Fortbildungen für die 200 Lehrer zu geben. Und sie sollen nicht nur die Privatschule, sondern auch die Realität kennenlernen. Eine Woche lang arbeiten sie an einem sozialen Projekt der Schule mit, bestellen auf 4000 Höhenmetern Felder, bemalen und verschönern die Mauern des dortigen Schulgebäudes, helfen Brot im Lehmofen backen und lernen erste Wörter der Inka-Sprache kennen. Die kalten Nächte verbringen sie mit dicken Pullovern im Schlafsack. „Und doch waren wir der Sonne viel näher“, erzählt der 17-jährige Wertinger Schüler Felix Zitzmann. Die Sonne schien quasi täglich.

Die vermissen die fünf Schüler, die am gestrigen Montag an der Wertinger Schule ankamen, bereits ziemlich. Vor zwei Wochen waren sie – insgesamt 70 Peruaner – in Deutschland gelandet, hatten erste Eindrücke vom deutschen Leben und der Hauptstadt Berlin gesammelt. Ende vergangener Woche trafen fünf davon bei ihren Gastfamilien in und um Wertingen ein: Vianka (15), Andrea (16), Gabriela (16), Maria-Fernanda (15) und Sebastian (16). Für vier von ihnen ist es nach 2012 bereits die zweite Deutschlandreise. Damals hatten sie an einem Schüleraustausch teilgenommen. „Das war wie Urlaub“, sagt Gabriela in flüssigem Deutsch. In Wertingen dagegen stehen Schule, Lernen und Arbeiten auf dem Programm. Denn wenn die jungen Menschen kurz vor Weihnachten in ihre Heimat zurückkehren, werden sie anspruchsvolle Deutschprüfungen ablegen müssen.

Im Moment unterhalten sie sich in einer Mischung aus Deutsch und Spanisch. Die 13-jährige Achtklässlerin Sophia Bentele mischt kräftig mit. In drei Jahren will sie auf jeden Fall mit nach Peru reisen. Vor zwei Jahren fing sie bereits an, spanisch zu lernen. Schon jetzt hat ihre Familie eine Schülerin aufgenommen. „Wir verstehen uns sehr gut“, erzählt sie begeistert, „ich hab das Gefühl, die Menschen aus Peru sind viel offener.“

Eigene Erfahrungen zu machen steht neben dem „Baden in einer anderen Sprache“ für Beate Lahner-Ptach im Vordergrund bei derartigen Austauschprogrammen. So beobachtete der 20-jährige Kevin Keller in Peru fasziniert: „Sie teilen alles, obwohl viele von ihnen eigentlich selbst nichts haben.“

Mit diesem Ansinnen unterstützt die deutsche Privatschule in Arequipa auch die „ärmeren“ Kinder im Hochland. Ob sie wirklich rundum arm sind, ist für Beate Lahner-Ptach die Frage. Nachdem sie ihren deutschen Schülern geholfen hatte, sich in Peru zurecht zu finden, machte sie sich selbst auf den Weg am Fluss. Mit einem alten Priester trat sie in alte Fußstapfen und wanderte zu einem Kinderheim. Dort erkannte sie erneut, welches „Wissen“ den Menschen dort fehlt und „wie verbunden sie noch mit dem Universum sind“. Statt vergleichen sollten wir uns gegenseitig respektieren, sagt die 48-Jährige: „Ich glaube, die Welt darf genau da zusammenwachsen.“ Die Wertinger Schüler machten sich nach ihrem siebenwöchigen Praktikum ebenfalls auf den Weg: auf einem Inka-Pfad von Cusco nach Machu Picchu mit seinem „Alten Berg“, eines der sieben Weltwunder. Erfüllt kehrten alle fünf in den deutschen Sommer zurück.

Während der Sommer jetzt langsam in Peru einkehrt, erleben die südamerikanischen Austauschschüler im Zusamtal den Vorzug einer Heizung. „Und wir trinken ganz viel heißen Tee“, erzählt Ronja Meitinger. Spätestens nach ihrer Peru-Reise kennen sie und ihre Mitschüler den Unterschied zwischen innerer und äußerer Wärme, zwischen Wassermangel und Überfluss, zwischen Herz und Verstand. Für Beate Lahner-Ptach erlebten sie alle eine Sinnesschärfung. Sie ist überzeugt: „Was sie alles zurückgebracht haben, wird erst mit den Jahren aufkommen.“

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