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Wertingen

21.03.2019

Sie hat den Holocaust überlebt

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Die Zeitzeugin Hanna Zimmerman, die zu Gast in der Montessorischule Wertingen war, besuchte zusammen mit ihren Begleiterinnen Dr. Schaefer (rechts) und Dr. Müller auch den Judenfriedhof in Binswangen.

Hanna Zimmermann  wurde als Kind ins Vernichtungslager Auschwitz gebracht. Sie begegnet in Wertingen Schülern der Montessorischule mit Herzlichkeit und Wärme.. Trotz der schlimmen Vergangenheit, aus der sie berichtet.

Eineinhalb Stunden lang hätte man eine Stecknadel fallen hören können unter den 150 Schülerinnen und Schülern der 7. bis 12. Klassen der Montessori-Schule Wertingen, die fast atemlos dem Lebensbericht der Jüdin, Hanna Zimmermann, zuhörten. Zimmermann musste noch während ihrer Grundschulzeit die deutsche Schule in ihrer Heimatstadt verlassen und in die tschechische Schule wechseln, wo sie zunächst kein Wort der Sprache verstanden hat. „Aber all mein Fleiß und die ganzen guten Noten haben mir nicht geholfen, als ich mit den anderen jüdischen Kindern im Alter von zwölf Jahren die Schule ganz verlassen musste. Wie gern hätte ich weiter gelernt!“

Aus Libochovice nach Prag vertrieben, begann sie eine Lehre, bevor sie dann mit 17 Jahren ins Ghetto nach Lodz deportiert wurde. „Das waren noch Waggons für Menschen. Nach den dreieinhalb Jahren im Ghetto wurden wir dann in Viehwaggons nach Auschwitz transportiert.“ War es im Ghetto schon schlimm – von den 360000 Menschen überlebten dort bis zur Räumung nur 80000 – so haben von den 1000 Menschen, die mit der Zeitzeugin nach Auschwitz deportiert wurden, nur 34 überlebt. „Dort war es, als wären wir nicht mehr auf der Erde, sondern in der Hölle. Am schlimmsten für mich ist, was man den Kindern angetan hat.“

Hanna Zimmermann beeindruckt die Schüler in Wertingen

Hanna Zimmermann antwortet auf die Fragen der Jugendlichen ohne Zögern und in aller Offenheit. „Ihr dürft mich alles fragen, ich werde es Euch genau so sagen wie es war, denn ich war dort.“ Und dann berichtet sie vom "Appellstehen", von den Selektionen des Dr. Mengele, von entwürdigenden Demütigungen, von Ungeziefer, Hunger und Verzweiflung. Und vom gegenseitigen Stützen, von der Solidarität unter den Häftlingen, von der Strenge ihrer Mutter, der sie das Überleben verdankt.

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Und sie erzählt von den wenigen Zeichen der Menschlichkeit, so von einem Deutschen, Herrn Scholz, der unter Gefahr des eigenen Lebens immer wieder ein Stück Brot in die Munitionsfabrik in Salzwedel geschmuggelt hat, in der sie sieben Tage die Woche zwölf Stunden lang stehend und auf 38 Kilogramm Gewicht abgemagert arbeiten musste.

Ob sie bei der Befreiung glücklich gewesen seien, fragte ein Schüler. „Wir haben gar nichts mehr gefühlt. Da war ganz viel Traurigkeit. Die Amerikaner haben mich drei Monate lang wieder aufgepäppelt, ich konnte ja gar nichts mehr essen. Und ich konnte jahrelang nicht alleine in einem Zimmer schlafen. So ist es vielen gegangen“, schildert sie die Zeit nach dem KZ. „Wir hatten nie mehr ein normales Leben.“

Der Bericht der Zeitzeugin rührt die Montessori-Schüler zu Tränen

Umso erstaunlicher ist die Wirkung von Hanna Zimmermann auf die Schüler: „Ihr tragt nicht die geringste Schuld daran, was damals geschehen ist. Ich wünsche Euch von Herzen ein Leben in Frieden und freue mich für Euch, dass Ihr lernen dürft und in so einer guten Zeit lebt.“ Nicht erst da fließen bei einigen die Tränen, und sie spüren die Güte dieser 95-jährigen Frau, die voller Herzlichkeit und Wärme zu ihnen spricht und sie nur darum bittet, dass sie die Erinnerung bewahren und dazu beitragen mögen, dass sich nichts wiederholt. „Es geht immer darum, den anderen zu helfen, menschlich zu sein und mitfühlend“, gibt sie ihnen mit auf den Weg.

Im Anschluss an das Gespräch in der Montessori-Schule besucht Hanna Zimmermann noch die Synagoge in Binswangen, wo Lydia Edin vom Landratsamt Dillingen und der Vorsitzende des Förderkreises Synagoge Binswangen, Anton Kapfer, sie herzlich empfangen.

Zum Abschluss des Tages wünscht sich Zimmermann einen kurzen Besuch auf dem jüdischen Friedhof am Judenberg zwischen Wertingen und Binswangen, wo sie nach jüdischer Sitte einen Stein auf ein Grab legt. „Heute denke ich dabei besonders an meinen Vater, dessen Todestag morgen ist. Er wurde schon im ersten Jahr im Ghetto in Lodz ermordet. Insgesamt betrauere ich 36 Familienangehörige, die in dieser grauenvollen Zeit umgebracht wurden.“

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