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Wertingen

14.07.2017

Sie hat gelernt, neu auf die Schule zu blicken

Heute nimmt Erika Biberacher offiziell Abschied von der Wertinger Montessori-Volksschule, wo sie seit 1995 als Lehrerin und seit 2004 als Schulleiterin wirkte. Ende des Schuljahres geht sie in den Ruhestand.

Montessori-Schulleiterin Erika Biberacher geht in den Ruhestand. Dabei hatte sie sich schon mal vom Lehrerdasein verabschiedet. Die 65-Jährige blickt zurück.

Als Erika Biberacher mit 33 Jahren ihr erstes Kind bekommt, nimmt sie die Auszeit dankbar an. Frustriert wendet sie sich vom Hauptschullehrerdasein ab und den beiden eigenen Kindern zu. Die Zeit zuhause empfindet sie als traumhaft schön. Sie erkennt, dass Kinder sich ganz von selbst entwickeln und lernen – wenn man sie lässt. Mittlerweile ist Erika Biberacher 65 Jahre, seit vielen Jahren wieder Lehrerin und Schulleiterin. Doch nicht mehr lange. Zum Ende des Schuljahrs geht sie in den Ruhestand und überlässt ihrer bisherigen Stellvertreterin Beate Lahner-Ptach die Leitung der Montessorischule Wertingen. Am heutigen Freitag wird sie offiziell verabschiedet.

Montessori hat mich gefangen“, erzählt Erika Biberacher rückblickend. Und das zu einem Zeitpunkt, da die Augsburgerin mit Schule innerlich bereits abgeschlossen hatte. „Sind das die mit den Bauklötzchen, die immer alles selbst machen müssen?“, fragt sie skeptisch, als das Gespräch im Kindergarten des Sohnes darauf kommt. Erika Biberacher hört sich einen Vortrag an, macht die Zusatzausbildung in Wertingen, arbeitet wieder als Lehrerin und wird Schulleiterin. „Eine neue Chance und ein Geschenk“, nennt sie den Lauf der Dinge. Es ist die Haltung, die sie an dem alternativen Schulkonzept fasziniert: „Das Denken im Kopf anders herum laufen zu lassen, alles von der Perspektive des Kindes aus zu betrachten“, beschreibt die 65-jährige, die mittlerweile in Lauterbach lebt.

Immer wieder hinterfragt sie in den Folgejahren nochmals das Konzept der staatlich anerkannten Privatschule – besonders in Bezug auf die Teilnahme an den Abschlussprüfungen der Regelschule. Statt Einträge abzuschreiben sich den Stoff selbstständig anzueignen, empfindet sie als sehr wichtig. „Gleichzeitig müssen die Schüler mit ihrer Art zu lernen auch eine Prüfung bestehen können“, findet sie. „Sonst trägt das System nicht.“ Die Bestätigung, dass dies funktioniert, hat die Schulleiterin in den vergangenen Jahren immer wieder bekommen. Viele ihrer Schüler legten erfolgreich den Quali und Mittleren Bildungsabschluss ab, setzten anschließend ihren Weg in weiterführenden Schulen und Berufen fort.

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Zurückblickend sieht sie, dass manches an montessorischem Gedankengut sich mittlerweile in den Regelschulen wiederfindet. „Wir an Privatschulen sind dazu da, das staatliche Schulwesen zu ergänzen und zu bereichern“, weiß Erika Biberacher. In kleinen Organismen könnten Dinge viel schneller ausprobiert werden. Und Ideen könnten wachsen, wenn Menschen zusammenkommen. Daher findet seit einigen Jahren ein gemeinsames Oktober-Kaffee-Trinken aller Wertinger Schulleiter statt. Wessen Idee das war, ist für Biberacher unwichtig. Wichtig ist, was daraus entstehen kann. Beispielsweise die schulübergreifenden Wertinger Talenttage sind daraus entstanden. „Wir haben lange genug geschlafen“, sagt die 65-Jährige und plädiert für kreative Zusammenarbeit der Schulen.

Wenn Erika Biberacher mit den Sommerferien die Wertinger Schule verlassen wird, lässt sie neben einer neuen Jahrgangsmischung noch etwas ganz Wesentliches in der Zusamstadt zurück: den Erdkinderplan. 1920 hatte Maria Montessori diesen formuliert mit dem Ziel, Jugendlichen in der schwierigen Zeit der Pubertät einen Ort des Schaffens zu bieten, wo sie ihre eigene Kraft spüren können. Als „gelungenste Verbindung von Theorie und Praxis“ sieht Erika Biberacher das Konzept, das sie vor einigen Jahren mit einem baufälligen Haus samt riesigem Grundstück einführen konnte. „Ich habe selten bei etwas in meinem Leben so klar gefühlt: Das ist richtig“, erzählt die 65-Jährige rückblickend. Aus ihrem Zimmer blickt sie auf einen großen Acker gleich neben der Schule. Hier wird in wenigen Monaten mit der Erweiterung der Schule begonnen werden. „Es wäre noch viel zu tun…“ Erika Biberacher denkt beispielsweise an fließendere Übergänge zur Fachoberschule (FOS), die sie staatlich als sehr getrennt erlebt. Das überlässt sie ihren Nachfolgern, übergibt die Schule mit Beate Lahner-Ptah „in gute Hände“.

Für sie selbst steht jetzt „große Freiheit“ an. Es gebe noch andere Facetten, die sie bisher nicht gelebt habe. „Mich jeden Morgen zu fragen, auf was ich Lust habe“, darauf freut sich Erika Biberacher im Moment sehr. Und sie weiß, dass sie sich auch wieder engagieren wird. Das Wann lässt sie ebenso offen wie das Wo.

„Gesellschaftsverändernd wirken“ – die Worte klingen hochtrabend, findet die 65-Jährige. Dabei denkt sie an ganz Alltägliches, an viele kleine Schritte. Beispielsweise an die eigene Vision, friedvoll miteinander zu leben. An die Haltung der einzelnen Schüler, wie sie in die Welt gehen und erzählen. In diesen Momenten spürt Erika Biberacher tief in sich, dass sie am richtigen Ort war: „Auch wenn die Schule für mich definitiv abgeschlossen ist, erzählen werde sicherlich auch ich weiterhin.“

Erdkinderplan Über das Projekt im Wertinger „Mühlwinkel“ werden wir demnächst ausführlich berichten.

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