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Gartenbau

12.11.2018

Sie wollen keine "Steingärten" mehr sehen

„Mitmachen und stehen lassen“:Landschaftsgärtner Mathias Kose-Kanniga aus Geislingen referierte in Wertingen beim Kreisverband für Gartenbau und Landespflege. Außerdem standen Neuwahlen an

Mit Sorge blicken die Mitglieder der Obst- und Gartenbauvereine im Landkreis Dillingen auf eine Entwicklung, die sich in Neubaugebieten beobachten lässt: Monotone Schotterwüsten und sich wehrhaft auftürmende Gabionenwände bestimmen zunehmend das Bild und ersetzen die einst blühenden Vorgärten. Fatal daran: Damit zerstört man die Lebensgrundlage von Bienen, Hummeln, Schmetterlingen und Co.

Der Landkreis Dillingen will deshalb im neuen Jahr mit einer Offensive das Problem bei der Wurzel packen, das Artensterben eindämmen und die bedrohte Insektenwelt schützen. Das berichtete Landrat Leo Schrell am vergangenen Freitagabend vor rund 120 Gartlern, die zur Jahreshauptversammlung des Dillinger Kreisverbands - dieses Mal in der Wertinger Baumschule Reiter - gekommen waren. Im Frühjahr 2019 soll die Aktion „Der Landkreis blüht auf“ starten. Beschlossen wurde die Sache am 29. Oktober im Umweltausschuss des Kreistages. Damit wolle man auf die dramatische Notlage der kleinen Blütenbestäuber aufmerksam machen. Schrell: „Wir suchen freie Flächen, um dort zu sähen und die Biodiversität zu verbessern.“ Auf Feldern, Wiesen, öffentlichen Flächen und Firmengeländen soll wieder mehr blühen.

Lebende Gärten in Wertingen sind sein Wunsch

Weil sich Mathias Klose-Kanniga, Landschaftsgärtner aus dem Zollernalbkreis, seit über 35 Jahren mit diesem Thema beschäftigt und schon viele Projekte für private und kommunale Einrichtungen betreut hat, kam er mit einem reichen Erfahrungsschatz, eindrucksvollen Fotos und kleinen Videos nach Wertingen. Triste Steingärten oder bezaubernder Blütenflor? Für die Kreisgartler war das keine Frage. „Die Steine sind schlecht für die Artenvielfalt. Wenn die Tiere keine Nahrungsquellen mehr finden, hat das dramatische Auswirkungen. Keine Insekten, keine Singvögel.“

Mancher mag sich von den präsentierten Blumenfotos an Claude Monet erinnert haben. Wenn Gemeinden am Ortseingang Blütenpracht effektvoll in Szene setzen würden, könnten sie mit einem derartigen „Eye-Catcher“ für echte Aufmerksamkeit sorgen. Klose-Kanniga warb für seine Initiative „Mitmachen und blühen lassen“, mit der er in seiner Heimat bereits sichtbare Erfolge erzielt hat. Seit längerem arbeitet er mit dem Netzwerk „Blühende Landschaft“ zusammen.

Sein Tipp im Herbst lautet, verblühte Blumen und Stauden nicht abzuschneiden, sondern stehen zu lassen: „Der Distelfink braucht das Saatgut der Karde während des ganzen Winters.“

Leider habe es sich bei vielen Gartenbesitzern eingebürgert, nach Ende der Vegetationsperiode ein Großreinemachen vorzunehmen, damit der Garten einen ordentlichen Eindruck während des Winters hinterlässt. „Wir räumen den Kreislehrgarten nicht aus“, berichtete Manfred Herian. Stieglitz, Zaunkönig, Schwebfliegen und Igel sind deshalb oft zu Gast in Höchstädt. „Die Samenstände der wilden Möhre machen bei Raureif ein wunderschönes Bild“, appelliert auch Mathias Klose-Kanniga dafür, nicht alles abzuschneiden. Schwebfliegen seien neben den Bienen die wichtigsten Bestäuber.

Der eingeladene Referent griff während des Abends immer wieder in seine Trickkiste. Wer beispielsweise eine rote Pracht vor dem Haus oder am Ortseingang wünscht, müsse jetzt säen. „Die Mohnblume ist die erste, die im Frühjahr blüht.“ Wichtig sei allerdings die richtige Wahl des Saatguts, „am besten gebietseigenes produziertes Saatgut“. Darunter seien Blumen wie etwa der bienenfreundliche Natternkopf, die dekorative wilde Möhre, die attraktive Schachbrettblume oder der deutsche Indigo - der Färberwaid.

Steingärten machen ebenfalls Arbeit

Aber nicht nur von Augenweiden war die Rede. Der Kampf gegen hartnäckige Unkräuter stand ebenfalls zur Debatte. Eine Frau berichtete von Problemen mit Hirse im Blühstreifen. Gerade in diesem trockenen und heißen Sommer sei das einjährige Gras explodiert.

Abgesehen von Problemen mit Hirse und Melde seien Blühstreifen relativ einfach zu pflegen. Einfacher als gestylte Steingärten. Denn auch im Steingarten gibt es immer etwas zu tun. Blätter fallen auf die steinernen Flächen und müssen abgesammelt werden, ansonsten siedeln sich in den Fugen Gräser und Pflanzen an. Ebenso bildet sich Moos auf den Steinen, wenn diese nicht regelmäßig gereinigt werden.

„Wir wollen Impulse setzen und hoffen, dass viele andere Vereine, Gemeinden, Privatleute und Unternehmen es uns gleichtun“, sagte Landrat Leo Schrell. Das Konzept für die Aktion „Der Landkreis blüht auf“ wurde von Manfred Herian erarbeitet.

Reinhold Sing, der wiedergewählte erste Vorsitzende, glaubt, dass einiges bewegt werden könne, wenn nur ein Bruchteil der „elf Millionen Grundstücksbesitzer das tun, was für richtig halten“.

Ludwig Klingler, Referent für Umwelt und Ökologie, der Bürgermeister Willy Lehmeier vertrat, fand auch kritische Worte in Richtung Politik: „Ich bin traurig, dass ehrenamtliche Helfer und Helferinnen das zu reparieren versuchen, was eine verfehlte Landwirtschaftspolitik vernichtet.“

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