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Schicksal

12.09.2017

Stefan Lenz lässt seine Dienstfähigkeit prüfen

Stefan Lenz, Bürgermeister von Höchstädt, hat gestern Abend im Stadtrat auf eigenen Wunsch einen Antrag auf Dienstunfähigkeit gestellt. Das Bild entstand kurz vorher in seinem Büro in Blindheim.
Bild: Simone Bronnhuber

Der Höchstädter Bürgermeister hat im November 2016 einen schweren Herzinfarkt erlitten. Seither kämpft er sich Tag für Tag ins Leben zurück. Es reiche aber noch nicht, um sein Amt weiter auszuüben

Es ist kurz nach 19 Uhr. Im Treppenhaus hört man leise, wie die Stadträte auf den Tisch klopfen. Wenig später geht die braune Holztür des Sitzungssaales im Höchstädter Rathaus auf. Stefan Lenz kommt heraus. So wie man ihn kennt: schwarzer Anzug, farbige Krawatte und ein Lächeln auf den Lippen. Alles wie immer, so scheint es zumindest. Zum ersten Mal seit zehn Monaten ist er wieder bei einer Sitzung dabei – in Funktion als Erster Bürgermeister der Stadt allerdings wohl das letzte Mal. Denn Stefan Lenz hat gestern Abend im nichtöffentlichen Teil der Stadtratssitzung auf eigenen Wunsch den Antrag auf Feststellung seiner Dienstunfähigkeit gestellt. Nachdem sein Gremium diesem zustimmte, wird nun ein Amtsarzt den gesundheitlichen Zustand des 56-Jährigen prüfen und feststellen, ob Lenz dienstfähig ist oder nicht. Wenn das Ergebnis, das vermutlich keine Überraschung ergeben wird, „dienstunfähig“ lautet, wird es in Höchstädt Neuwahlen geben. Diese müssen binnen drei Monate nach Abwahl des Bürgermeisters abgehalten werden. Denn klar ist: Stefan Lenz will nicht offiziell von seinem Amt zurücktreten. „Das bin ich nicht. Das ist nicht meine Vorgehensweise. Der Stadtrat soll das bestimmen, und mit mir in Absprache dann auch gerne so schnell wie möglich“, sagt Lenz am Montag vorab der Sitzung im Gespräch mit unserer Zeitung. Der 56-Jährige sagt es und kämpft mit den Tränen. „Das ist nicht einfach für mich. Es ist sehr emotional. Das war mein Job. Aber den kann man nicht halb, sondern nur ganz machen. Ich bin es der Stadt und meinen Bürgern schuldig, dass es wieder weitergeht.“ Voraussichtlich ohne ihn – zumindest als Rathauschef. Denn Stefan Lenz ist ein Kämpfer, er will wieder ganz der Alte werden und sich auch aktiv einbringen. In welcher Form, darüber könne er aktuell nur spekulieren. Seine Genesung steht im Vordergrund. Dass er heute da steht, wo er steht, das hätten selbst Ärzte nicht für möglich gehalten. „Ich war tot.“

Es war Montag, 21. November 2016. Es war alles wie immer. Stefan Lenz saß am Abend noch über einer Traurede, er war mitten im Leben, mitten im Arbeitsleben. Nach der Brotzeit klagte er über Verspannungen im Brustbereich und im Nacken – nichts Schlimmeres. Nachdem es aber nicht besser wurde und ein befreundeter Arzt Ehefrau Roswitha den Rat gab, lieber ins Krankenhaus zu fahren, nahm das Drama seinen Lauf. Stefan Lenz erleidet einen schweren Vorderwand-Herzinfarkt, kurz vor Wertingen kollabiert er. 50 Minuten musste der Höchstädter Bürgermeister reanimiert werden. Es folgten quälende Stunden für seine Familie. Er überlebt es. Vier Tage nachdem er aus dem künstlichen Koma aufgewacht ist, kommt er ins Therapiezentrum nach Burgau. Der erste Schritt zurück ins alte Leben. „Wir können mit absoluter Gewissheit sagen, dass in Burgau alles Menschenmögliche gemacht wurde, um ihm zu helfen. Das hat ihm sehr viel gebracht“, schildert Roswitha Lenz. Ende März ging es nach Hause nach Blindheim – und dort begann ein ganz neuer Alltag. Der 56-Jährige geht zu unzähligen Therapien, hat sich eigene Lernprogramme zugelegt, übt mit seiner Familie. Er gibt alles, um so schnell wie möglich wieder zu funktionieren – um sein Amt als Bürgermeister von Höchstädt auszufüllen. „Ich weiß, dass ich wieder der Alte werden kann. Aber ich habe nun verstanden, dass das nicht in einem halben Jahr geht. Das wäre vermessen. Ich habe einige Wunder erlebt, ich kann nicht dieses Wunder auch noch haben“, so Lenz.

Wer den 56-Jährigen sieht und erlebt, kann im ersten Moment nicht erkennen, was ihm fehlt. Man sieht es dem zweifachen Familienvater nicht an, dass er nur knapp den Tod entkommen ist. „Sehr viel größere Defizite habe ich noch im Gedächtnis. Jeden Tag tauchen Dinge, Menschen und Vorgänge auf, von denen ich entweder wieder die Speicherdatei im Gehirn öffnen oder sie ganz neu anlegen muss. Das heißt: Vieles lernen wie in der ersten Klasse“, beschreibt Lenz seinen Gesundheitszustand – auch seinem Gremium am Montagabend. Ehefrau Roswitha erklärt: „Manchmal macht es einfach klick und alles ist wieder da. Aber wann es klick macht und ob, können wir nicht sagen. Es ist nicht berechenbar. Wir wissen nicht, wo die Löcher sind.“ So sei die erste Autofahrt nach seinem Infarkt beispielsweise ohne größere Schwierigkeiten abgelaufen, der Automatismus sei sofort wieder im Gedächtnis gewesen. Dagegen habe es fast zwei Wochen gedauert, bis er sich das Wort Augenbraue merken konnte.

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Sein Arzt in Ulm habe ihm erklärt, dass er sein ganzes Leben immer Neues dazugelernt habe – fast 57 Jahre schon. „Jetzt fehlt ein gewisser Prozentsatz an Daten, und es ist nicht möglich, den in einem halben Jahr zu erlernen.“ Das sei der Moment gewesen, in dem ihm klargeworden sei, dass er eine Entscheidung treffen müsse. Auch weil er es keinem Stadtrat zumuten wolle, einen Antrag auf Feststellung seiner Dienstfähigkeit zu stellen. Außerdem sehe er sich in der Verantwortung für die Stadt und ihre Ortsteile. Es müsse eine klare Regelung geben. Im ersten Schritt wolle er nun das Ergebnis der Untersuchung eines Amtsarztes abwarten.

Wie es dann für ihn weitergeht, kommt auf. Auch eine Rückkehr zu seinem früheren Arbeitgeber, der Kreis- und Stadtsparkasse Dillingen, ist nicht ausgeschlossen. „Mir tut das alles sehr weh. Ich mache das nicht gerne. Zu erkennen, dass man will, aber nicht kann, ist frustrierend. Aber ich habe es akzeptiert und wir haben lange darüber nachgedacht.“

Stefan Lenz schaut zu seiner Ehefrau Roswitha, sie steht fest an seiner Seite und unterstützt ihn, wo es geht. „Natürlich fragen wir uns, was uns die Zukunft bringt. Aber wir sind dankbar, dass wir eine haben. Wir haben eine Chance für eine Zukunft bekommen. Die werden wir nutzen“, sagt sie und lächelt. Außerdem sei sie sich ganz sicher, dass ihr Mann wieder etwas finden werde, was ihn ausfülle. „Da mache ich mir keine Sorgen, aber jetzt erst mal Schritt für Schritt.“ Stefan Lenz nickt und erzählt, dass er ein Gestalter sei, dass er was bewegen will. Wo? Wann? Wie? „Wir werden sehen.“ Mitglied im Kreistag wolle er vorerst weiter bleiben und das Thema Stadtmarketing sei ihm immer schon am Herzen gelegen.

In seinem Statement gestern Abend im Stadtrat sagte er, dass in den vergangenen drei Jahren „eine ganze Menge erreicht und auf den Weg gebracht worden ist“. Es sei nicht immer leicht gewesen, aber auf das Ergebnis könnten alle stolz sein. Er wünsche sich, dass es genau so weiter gehe, auch der respektvolle und sachliche Umgang untereinander beibehalten werde. Sein Stellvertreter Stephan Karg, der seit zehn Monaten die Geschäfte der Stadt für Lenz führt, sagte nach der Sitzung: „Ich kenne seine Entscheidung seit ein paar Tagen. Ich war sehr überrascht, so wie viele von uns. Ich war mir ganz sicher, dass er wieder zurückkommt.“ Alle würden seine Entscheidung aber akzeptieren und respektieren. Karg sagt, dass sich an der Arbeit momentan nichts ändern werde, er sehe sich nach wie vor als Stellvertreter. „Wir machen genau so weiter und warten das Ergebnis der Untersuchung ab. Ich will nicht vorgreifen“, so Karg. Schritt für Schritt.

Wie der persönliche Weg von Stefan Lenz weitergeht, zeigt sich von Woche zu Woche. Aufgeben kommt nicht in Frage, sagt er, ganz im Gegenteil. Denn der 56-Jährige hat ein Lebensmotto, das er schon immer umsetze. Auch dieses Mal. Es lautet: „Man muss das Leben nehmen, wie es ist. Aber man muss es nicht so lassen.“

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