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Natur

17.02.2018

Von der Behandlung der „Grünen Lunge“

Unter dieser Kastanie haben mehrere Generationen von Wertingern gespielt und gesessen. Nun musste sie weichen, denn sie war laut Einschätzung von Experten zu einer Gefahr für die Kinder des Kindergartens „Sonnenschein“ geworden.
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Unter dieser Kastanie haben mehrere Generationen von Wertingern gespielt und gesessen. Nun musste sie weichen, denn sie war laut Einschätzung von Experten zu einer Gefahr für die Kinder des Kindergartens „Sonnenschein“ geworden.
Bild: Benjamin Reif

Die Fällung mehrerer Bäume im Stadtgebiet Wertingens ruft Emotionen in der Bevölkerung hervor. Experten äußern sich zu der Frage, in wie weit die Natur dem Sicherheitsgedanken untergeordnet wird

Bürger in Wertingen und Umgebung haben in den vergangenen Tagen ihre Meinung über die Baumfällungen am Kinderhaus Sonnenschein in der Wertinger Innenstadt unserer Zeitung gegenüber geäußert. Einhellig wurde dabei Enttäuschung spürbar. Dass diese alten Kastanien – bei den meisten ein Teil ihrer Kindheit – nun gefällt werden mussten, macht viele traurig.

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Doch wo andere enttäuscht oder auch traurig sind, ist Gerhard Miessl bestürzt. „Wenn so schöne alte Bäume gefällt werden, kann ich eine Nacht nicht schlafen“, sagt der Reatshofer, der früher als Baumwart gearbeitet hat.

In jüngerer Vergangenheit mussten im Wertinger Stadtgebiet und der Umgebung einige Bäume weichen, manche Fällung steht erst noch bevor – etwa an der Mittelschule. Nicht unbedingt aufgrund kurz zurück liegender Versäumnisse. Miessl sagt, dass in den vergangenen Jahrzehnten ein Paradigmenwechsel stattgefunden hat: Weg von den „naturgemäßen“ Baumsanierungen, hin zu einem Erscheinungsbild der Bäume, das ohne große Umstände in das gesellschaftliche Leben passt. Wenig Laub sollen die Bäume abwerfen, denn das kann im Zweifel gefährlich für Fußgänger werden, gerade bei Nässe.

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Doch der ehemalige Baumwart äußert durchaus Verständnis für diejenigen, welche die Entscheidung letztlich ausbaden müssen, sollte doch etwas durch herabfallende Äste oder Laub geschehen. Die Mentalität in der Gesellschaft hat sich seiner Ansicht nach gewandelt. „Wenn früher jemand auf nassem Laub ausgerutscht ist, wäre derjenige nie auf die Idee gekommen, deswegen jemanden zu verklagen“, sagt Miessl. Manchen Baum müsse man zudem nicht um jeden Preis stehen lassen – wie etwa die Napoleonstanne. „Dieser Baum ist über hundert Jahre alt. Seine Zeit ist gekommen“, sagt Miessl.

Tobias Munz ist Inhaber der gleichnamigen Baumschule in Wertingen. Seine Beobachtungen decken sich in weiten Teilen mit denen Miessls. Die Idealvorstellung vieler Bürger vom eigenen Garten? „Wie geschleckt soll er aussehen“, sagt Munz. Der Trend geht klar zu unkomplizierten Strauchgewächsen wie Lorbeer oder Thuja-Hecken. „Die brauchen einfach weniger Pflege“, sagt der Experte. Zwar würden noch Laubbäume nachgefragt, doch zu groß sollen diese bei den meisten Kunden nicht mehr werden. Möglichst wenig soll in den Garten fallen.

Seit etwa fünf Jahren beobachtet Munz diesen Trend. Das eigene Alter spielt bei den Vorlieben der Kunden kaum eine Rolle: „Die Alten wollen meist aus körperlichen Gründen keinen pflegeintensiven Garten mehr. Die Jüngeren wollen dagegen oft einen ‘sauberen’ Garten.“ Dass alte Bäume im Stadtgebiet abgeholzt werden, macht auch Munz betroffen. Jeder Stadt täten Bäume gut.

Umweltreferent Ludwig Klingler, der für die Grünen im Stadtrat sitzt, wird oft auf das Thema angesprochen. Er spricht bedächtig über die Problematik. Man dürfe „kein Brett vor dem Kopf haben“, sagt der Stadtrat. Es gebe viele Facetten, die man beachten müsse, wenn man über vergangene oder anstehende Fällungen von Bäumen spreche.

Zunächst äußert sich Klingler zu der Fällung der Kastanien am Kindergarten Sonnenschein. Diese seien vor Jahren überprüft und saniert worden. Doch nun habe Fäule und das Nisten der Miniermotte nur den Schluss zugelassen, dass die Bäume zu einer Gefahr für die spielenden Kinder geworden waren und gefällt werden mussten.

Mit einer Linde, die ebenfalls auf dem Gelände des Kindergartens steht, sei dagegen vor Jahren anders verfahren worden. „Da haben wir das Totholz entfernt und den Baum gerettet“, sagt Klingler.

Die Entscheidung, einen Baum fällen zu lassen – dies geschehe in Absprache von Klingler selbst, dem städtischen Betriebshof und Bürgermeister Willy Lehmeier – sei keine Entscheidung, die jemals leichtfertig getroffen werde. Das Augenmaß zu bewahren, sei anspruchsvoll, jeder Fall bedürfe einer eigenen Bewertung. Die Stadt stehe laut Klingler dabei im regen Austausch mit der Unteren Naturschutzbehörde des Landratsamtes. Gerade auf dem Gelände eines Kindergartens gelten laut Klingler andere Maßstäbe als anderswo: „Das ist ein hochsensibler Bereich. Das Wohl der Kinder ist das Wichtigste“, sagt Klingler. Sein Vorschlag für eine Nachpflanzung sind Winterlinden.

Jährlich verwendet die Stadt viele tausend Euro darauf, ihren Baumbestand zu pflegen und zu beobachten. Für die Mitarbeiter des Betriebshofes hat Klingler nur lobende Worte übrig. Diese würden mit „absoluter Professionalität“ für den Baumbestand sorgen. Dabei gelte keineswegs nur Pragmatismus: Entlang der Stadtmauer wurden laut Klingler etwa Linden eingepflanzt, sterile Gewächse wie Thuja-Hecken verwende die Stadt prinzipiell nicht.

Außerdem herrsche bei manchen eine falsche Vorstellung der öffentlichen Wertschätzung von Bäumen vor. Oft wird zwar Betroffenheit über Fällungen geäußert – viele denken aber anders. „Beim Friedhof etwa kriege ich regelmäßig Anfragen, ob man da nicht die alten Linden ‘wegmachen’ könnte. Die schmeißen so viel Laub auf die Gräber, heißt es dann“, sagt Klingler.

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