Wertingen

05.12.2019

Warum Ehrenamt?

Seit 43 Jahren trainiert und unterrichtet Erika Sendlinger ehrenamtlich im Turnen und präventiver Gymnastik. Das Bild entstand vor rund 20 Jahren mit Tochter Margit.
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Seit 43 Jahren trainiert und unterrichtet Erika Sendlinger ehrenamtlich im Turnen und präventiver Gymnastik. Das Bild entstand vor rund 20 Jahren mit Tochter Margit.
Bild: Sendlinger

Viele Menschen im Landkreis helfen freiwillig. Beispiele aus der Region.

Stefan Pallor will mit Frau und Kindern essen gehen. Er parkt das Auto vor dem Lokal, steigt aus, und just in dem Moment geht sein Piepser los. Ein Einsatz. Pallor packt seine Familie wieder in den Wagen und fährt Richtung Feuerwehrgerätehaus nach Gundelfingen. Aus dem gemeinsamen Essen wird nichts.

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Eine Erfahrung, wie sie Feuerwehrler gut kennen – und allgemein alle, die sich ehrenamtlich engagieren. Allen, die sich freiwillig in den Dienst der guten Sache stellen und dadurch immer mal wieder auf Zeit mit ihren Liebsten verzichten, wird am heutigen Donnerstag in Form des Internationalen Tags des Ehrenamtes gedacht. Eines ist klar: In der Region sind zahlreiche Menschen in den verschiedensten Formen ehrenamtlich aktiv. Sie alle darzustellen, würde den Rahmen dieser Zeitung sprengen. Es geht um die Erfahrungen einiger, die so oder so ähnlich exemplarisch für alle stehen.

Stefan Pallor, ursprünglich aus Augsburg, engagierte sich schon als Jugendlicher in der Wasserwacht. Seit fünf Jahren ist Pallor, der hauptberuflich bei der Dillinger Polizei arbeitet, Teil der Gundelfinger Feuerwehr. „Ich wollte einen Kontakt in der neuen Gemeinschaft finden“, berichtet er von seinen Gründen, warum er nach seinem Umzug vor acht Jahren in die Gärtnerstadt in die Feuerwehr eintrat. Dort hat der 37-Jährige verschiedenste Übungen und Einsätze zu absolvieren. Auch unterrichtet er angehende Feuerwehrler. Da geht einiges an Freizeit drauf, in der er zudem immer damit rechnen muss, dass sein Piepser losgeht. Belastend sei dies nicht, sagt er. Die Tätigkeit mache ihm Spaß. „Aber es ist nicht so, dass ich auf einen Einsatz warte.“ Er brauche eine Familie, die hinter ihm und seinem Ehrenamt steht, sagt der fünffache Vater. Nur so sei es möglich, seiner, wie er es nennt, „Berufung“, Hilfe zu leisten, nachzukommen. Zu seinem Bedauern muss er jedoch feststellen, dass der Respekt gegenüber Einsatzkräften, auch ehrenamtlichen, abgenommen hat.

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Eine Erfahrung, die auch Dr. Cornelia Schneider macht. Sie war schon mit 16 beim Roten Kreuz und der Lauinger Feuerwehr. Mittlerweile engagiert sich die 35-Jährige, die hauptberuflich als Internistin im Nördlinger Krankenhaus arbeitet, ehrenamtlich nicht nur bei der Feuerwehr, sondern etwa auch bei der Unterstützungsgruppe der örtlichen Einsatzleitung. Auch ist die Lauingerin die Kreisfeuerwehrärztin des Landkreises Dillingen. Ihre Beobachtung: „Die Ellbogenmentalität und das Anspruchsdenken nehmen zu.“ Die Dankbarkeit für ehrenamtliches Engagement nehme dagegen ab. Dass etwa jemand einen Tee für frierende Einsatzkräfte bringt oder sich bedankt, gebe es nur noch selten. Ärgerlich, aber nicht frustrierend, seien Fehlalarme. „Lieber passiert nichts, als dass man irgendwo eine Leiche herausziehen muss“, sagt Schneider. Sie gehe ihren Ehrenämtern gerne nach. „Man investiert viel Zeit, Geduld und Energie. Aber was man mitnimmt, überwiegt.“ Es gehe nicht um eine Steigerung des Egos, sondern darum, sich wertvoll für die Gemeinschaft zu fühlen, der Allgemeinheit etwas zurückzugeben.

Soweit dachte Erika Sendlinger nicht, als sie im Alter von 14 Jahren ihren ersten „Vorturnlehrgang“ absolvierte. „Turnvater“ Karl Förg motivierte sie: „Du kannst das.“ Die Wertingerin war schon mit fünf Jahren – wie viele andere ihrer Generation – im Turnverein. „Turnen machte mir von Anfang an Spaß“, erzählt die mittlerweile 57-Jährige. Und so blieb sie nicht nur dem Sport, sondern auch dem TSV Wertingen bis heute treu. Noch immer turnt sie selbst, trainiert und leitet verschiedene Gruppen: Eltern-Kind-Turnen, Leistungsturnen, Männer- und Seniorgymnastik, dazu kommt so mancher Wettkampf. Die Turnhalle ist längst ihr zweites Zuhause geworden. Nahe jeden Werktag verbringt sie abends in der Halle, dazu einen Vormittag pro Woche. Einzig den Donnerstag hält sie sich frei – im Einklang mit Ehemann Helmut.

Der 64-Jährige hatte bereits im Alter von 17 Jahren die Abteilungsleitung der Wertinger Turner übernommen und ist dem ehrenamtlichen Job – ebenso wie dem Turnen selbst und dem Trainieren – bis heute treu geblieben. „Der Vorteil war für uns, dass wir das Gleiche machten“, sagt Erika Sendlinger, „oftmals sahen wir uns öfters in der Turnhalle als zuhause.“

Das soll sich künftig ändern. Seit Ehemann Helmut dieses Jahr in Rente ging, trifft sich das Ehepaar öfters zuhause. Langsam will Erika Sendlinger jetzt auch im Turnverein kürzer treten. „Weil’s einfach zu viel wird.“ Und weil sie auch den jungen Menschen die Möglichkeit geben will, etwas zu bewegen. Schließlich liegt ihr daran, dass das Turnen in Wertingen auch nach ihrer Generation weitergeht. „Denn Turnen ist einfach für den ganzen Körper gut, als Ausgleich und Prävention.“ Die 57-Jährige spricht aus eigener langjähriger Erfahrung. Während zwei Krebserkrankungen vor rund 15 Jahren habe sie ihr Ehrenamt zudem motiviert, gesund zu werden. „Die Kinder brauchen mich noch“, sagte sie sich damals. Geld hat sie dafür nie bekommen. Das war für sie okay. Derzeit setze sich ihr Mann allerdings dafür ein, dass es künftig zumindest eine kleine Aufwandsentschädigung gibt: „Heute braucht es das scheinbar, um den einen oder die andere zu motivieren.“

Vier Kinder, zehn Enkel und einen Ehemann, der Jahrzehnte als Bürgermeister agierte – mit Geld konnte und brauchte man Anni Keis nicht zu motivieren. Für die 69-Jährige war und ist es eine Selbstverständlichkeit, dass sie sich für „ihr“ Dorf Asbach und die Gemeinde Laugna ehrenamtlich engagiert. Und das auch schon, als sie noch als Hauswirtschaftsleiterin in einer Behindertenwerkstatt in Augsburg arbeitete. Vielfach erledigt sie „die schriftlichen Sachen“ im Hintergrund, beispielsweise als Gatte Georg Keis Kirchenpfleger der kleinen Ottilienkapelle in Asbach war. Sie lieferte die Beschreibung des Dorfes im Heimatbuch und ist seit einigen Jahren Mitglied im Pfarrgemeinderat – ebenfalls als Schriftführerin und natürlich ehrenamtlich. „Hier mache ich einfach, was zu machen ist“, sagt sie bescheiden.

Antreibende Kraft ist sie dagegen im Kulturkreis Laugna. Vor 20 Jahren hatte sich der mittlerweile eingetragene Verein im Rahmen der Dorferneuerung Laugna als Arbeitskreis „Kultur und Geschichte“ gegründet. Anni Keis wollte sich hier ganz bewusst einbringen, zeigen, dass auch kleine Orte etwas zu bieten haben.

So entstanden dank ihr und ihren Kollegen beispielsweise ein Gedenkbrunnen, das Heimatbuch der Gemeinde, ein eigenes Gemeinde-Archiv sowie ein kleines Museum und verschiedene Kulturveranstaltungen. Die Freude daran ist der engagierten Rentnerin anzuhören, wenn sie überzeugt sagt: „Nur wenn jemand was macht, passiert auch was.“

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