Newsticker

Auseinandersetzungen bei Protesten gegen die Corona-Politik in Rom
  1. Startseite
  2. Lokales (Wertingen)
  3. Wenn die Zaubernuss zu blühen beginnt...

18.02.2015

Wenn die Zaubernuss zu blühen beginnt...

Dr. Jochen Meyen und seine Frau Jutta, sitzen unter der blühenden Zaubernuss in ihrem Garten in Buttenwiesen. Der Baum ist 84 Jahre alt, wurde einst zum Geburtstag von Jochen Meyen in Velten bei Berlin gepflanzt, später musste er für einen Schützengraben weichen. Wenn der Baum zu blühen beginnt, werden Erinnerungen wach –schöne und schreckliche.
2 Bilder
Dr. Jochen Meyen und seine Frau Jutta, sitzen unter der blühenden Zaubernuss in ihrem Garten in Buttenwiesen. Der Baum ist 84 Jahre alt, wurde einst zum Geburtstag von Jochen Meyen in Velten bei Berlin gepflanzt, später musste er für einen Schützengraben weichen. Wenn der Baum zu blühen beginnt, werden Erinnerungen wach –schöne und schreckliche.

Bei Dr. Jochen Meyen aus Buttenwiesen werden schöne und schlimme Erinnerungen wach:  Sein Strauch wurde vor 84 Jahren zu seinem Geburtstag gepflanzt

Sie ist eine Augenweide, eine Attraktion in der tristen Jahreszeit: Schon seit Weihnachten blüht die Zaubernuss mitten in Buttenwiesen. Die Blüten sind ein willkommener Farbtupfer im Garten von Jutta und Jochen Meyen. „Sie duften so herrlich frisch nach Frühling“, schwärmt die 84-Jährige während ihr Blick durchs große Wohnzimmerfenster zum Baum schweift.

Bei ihrem Mann weckt er noch ganz andere Erinnerungen und Gefühle. „Den Baum hat mein Vater zu meinem Geburtstag gepflanzt“, erzählt Dr. Jochen Meyen. Geboren wurde der Tierarzt am 19. Juli 1931 in Velten in Mark Brandenburg nahe Berlin. Die Hamamelis, wie die Zaubernuss auch genannt wird, sollte in Velten einmal die Arztfamilie – seine Eltern und die drei Geschwister – erfreuen. Doch daraus wurde nichts. Nur wenige Jahre später musste der japanische Baum einem Schützengraben weichen, den der Vater bauen ließ. Während des Zweiten Weltkrieges sollte dieser einen sicheren Unterschlupf für die Familie bieten. Die Zaubernuss wurde damals das erste Mal versetzt. Sie überlebte und sollte auch die Bombennächte überstehen, während Jochen Meyen mit seinen Eltern und Geschwistern sowie mit Anwohnern, Pfarrern und Politikern im heimlich gebauten Betonbunker verharrte. „Es war eine furchtbare Zeit“, erinnert sich Meyen, dem plötzlich die Augen nass werden. Da er den Beitritt zur HJ in den 1940er-Jahren genauso ablehnte wie später den zur FDJ unter dem SED-Regime, wurde er schikaniert, eingesperrt und geschlagen.

Mit der Schönheit der Zaubernuss verbindet deshalb Dr. Meyen gleichzeitig die Hässlichkeit der Kriegsjahre. Immer, wenn sie zu blühen beginnt, muss er auch an das Außenlager des KZ Sachsenhausen denken, das in seiner Heimatstadt Velten stand. Über 700 Frauen waren bis 1945 in sechs Häftlingsbaracken interniert. „Wir ahnten, was dort los war, denn zu meinem Vater wurden immer wieder Häftlinge in furchtbarem Zustand zur Behandlung gebracht“, berichtet der 83-Jährige weiter.

Immer wenn der schön gewachsene Baum seinen gelben Blütenflor zeigt und die Sinne verzaubert, denkt das Ehepaar auch an die Studentenjahre, die sie miteinander verbrachten. Beide studierten Tiermedizin. Den Volksaufstand am 17. Juni 1953, überlebten sie nur knapp. Jochen Meyer, 22 Jahre jung, zog an jenem Tag voller Euphorie mit anderen Kommilitonen zum Alexanderplatz, als ihnen russische Panzer entgegenkamen. Meyen wischt sich über seine Augen: „Ich habe einen Jungen sterben sehen, sie haben sie einfach erschossen...“

Jochen Meyen flüchtete daraufhin in den Westen. Nicht ohne seinen Baum. „Er hat mir auch Stärke gegeben.“

Nach mehreren Zwischenstationen landete das Ehepaar schließlich im Jahre 1960 in Buttenwiesen. Die Zaubernuss musste aber auch hier noch drei Mal verpflanzt werden. Seit 1968 steht sie nun am selben Platz. Geschadet hat es ihr offensichtlich nicht.

So trägt sie nicht nur alljährlich im Winter ihre herrlichen Blüten, sondern gleichzeitig die Erinnerungen der Familie Meyen – Gefühle wie Heimweh, Freuden, Schmerz und Tränen.

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren