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Familie

09.04.2015

Wenn nur die Erinnerung ans eigene Kind bleibt

Zurück bleiben das Spielzeug und viele trübe Gedanken, wenn erwachsene Kinder den Kontakt zum Elternhaus abbrechen. Ein Gesprächskreis verspricht Hilfe.
Bild: Archivfoto: Leokadia Wolfers

Die Nöte verlassener Eltern überfordern selbst Spezialtisten Ein Gesprächskreis soll helfen

Von Steffi Brand

Meitingen „Die Hoffnung stirbt zuletzt.“ Viele Geschichten der Mütter, die sich regelmäßig zum Gesprächskreis „Funkstille“ treffen, enden mit diesen Worten und darin sind sie sich einig: Sie werden wohl nie die Hoffnung aufgeben, ihre Kinder wieder in den Arm nehmen zu können. Vor Jahren kam es zum Bruch zwischen den erwachsenen Kindern und den Eltern. Der Grund: ungeklärt.

Und diese Ungewissheit bietet Raum für Spekulationen, aber auch für Hoffnung. Ihre Namen möchten die „verlassenen“ Eltern nicht in der Zeitung lesen. Oft ist die private Situation Freunden, Nachbarn und Verwandten unbekannt. Zu groß ist die Angst vor einer Stigmatisierung. Zu groß die Furcht vor Unverständnis und ungläubigen Fragen wie: „Da muss doch etwas Schlimmes vorgefallen sein!?“

Gegründet wurde die Selbsthilfegruppe „Funkstille“ im Mai 2013. Damals wurde die Initiatorin – selbst eine verlassene Mutter – sogar von ihrem Psychologen ermutigt, die Selbsthilfegruppe zu gründen. Gleich zu Beginn kamen 18 Betroffene. Eine Zahl, die der Initiatorin klar machte: „Man denkt immer, man ist der einzige Mensch, dem es so geht, aber das ist nicht so.“ Heute kommen regelmäßig fünf bis acht Betroffene zu den Treffen. Warum die Teilnehmerzahl gesunken ist? Ein Erklärungsversuch der Initiatorin: „Man muss es aushalten können, regelmäßig über das eigene Schicksal zu sprechen – und das der anderen anzuhören.“

Die Selbsthilfegruppe, die vielmehr als Gesprächskreis fungiert, bietet Raum für Worte, die in der Öffentlichkeit nicht fallen dürfen. Manchmal wird in der Gruppe darüber gesprochen, was wohl schwerer wiegt – der Tod des eigenen Kindes oder der Bruch. Auch fragen sich die Eltern, ob das verlassene Kind wohl zur Beerdigung der Mutter erscheinen würde. Viele düstere Themen, „mit denen man Angehörige und Partner nicht noch weiter belasten möchte“, erklärt eine Teilnehmerin.

Das Schicksal belaste nämlich auch Beziehungen und Kontakte im täglichen Umfeld. Zum Gesprächskreis „Funkstille“ kommen meist Mütter, nur selten besuchte ein verlassener Vater die Selbsthilfegruppe. Der Grund: „Mütter gehen irgendwie anders damit um“, erklärt die Initiatorin. Viele suchen auch psychologischen Rat – doch so mancher Psychologe gab dann offen zu, mit der Thematik überfordert zu sein. Im Gesprächskreis „Funkstille“ passiert das nicht, denn die Schicksale der Familien ähneln sich – und sind doch nie die gleichen. Die meisten neuen Teilnehmer kommen mit der Erwartung, offen reden zu können – „und das ist auch genau der Ansatz unseres Gesprächskreises“, erklärt die Initiatorin. Niemand müsse etwas sagen, jeder dürfe seine Geschichte erzählen.

Natürlich suche man erst die Fehler bei sich selbst, erklärt eine Gesprächskreisteilnehmerin und ergänzt: „Doch das muss man aufhören, sonst wird man krank.“ Schlimm sei insbesondere die Tatsache, dass kein Dialog mit den Kindern zustande kommt – obgleich viele geografisch betrachtet so nahe wohnen, dass man sie täglich sehen könnte. „Wenn sie glücklich sind und ein Familienleben haben, tut das doppelt weh“, erzählen die verlassenen Mütter. Doch sie sind auch nicht unkritisch mit sich selbst. „Jeder macht Fehler und es gibt keine perfekten Eltern“, erklärt eine Mutter.

Doch die Frage, warum es zum Bruch kam, belastet sie alle – und eint sie wiederum in der Gruppe, genau wie die Tatsache, dass „jeder täglich an das Kind denkt, denn die Hoffnung stirbt zuletzt“.

Info Der Gesprächskreis „Funkstille“ trifft sich regelmäßig jeden zweiten Dienstag im Monat um 19.30 Uhr im evangelischen Gemeindehaus in der St.-Johannes-Straße 6 in Meitingen. Informationen gibt es unter der Telefonnummer 0151/40115141.

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