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Landkreis Dillngen

24.01.2019

Wer will helfen, Lebensmittel zu retten?

Marga Feistle (links) vom Wertinger Bioladen „Natur pur“ gibt einmal in der Woche abgelaufene Produkte weiter an die Initiative Foodsharing: (von links) Marina Deisenhofer, Sven Pauli und Ulrike Hogen.
Bild: Birgit Hassan

Die 26-jährige Wertingerin Marina Deisenhofer hat im Landkreis Dillingen den ersten Foodsharing-Bezirk gegründet. Jetzt sucht sie weitere Interessenten.

Joghurt, Krapfen, Broccoli, Trauben wandern an diesem Donnerstag über den Ladentisch im Wertinger Bioladen „Natur pur“. Die einen Lebensmittel sind abgelaufen, die anderen leicht braun und überreif. Marga Feistle kann und darf sie so nicht mehr verkaufen. Marina Deisenhofer, Ulrike Hogen und Sven Pauli wollen nicht zulassen, dass sie in den Müll wandern. Sie nennen sich „Foodsharer“, sprich Menschen, die Essen teilen, beziehungsweise verteilen. Seit 2012 gibt es die deutschlandweite Initiative. Vor einem Jahr haben die 26-jährige Marina Deisenhofer und ihr Mann Ulrich den ersten und bisher einzigen Bezirk im Landkreis Dillingen gegründet. Den wollen sie jetzt weiter auf- und ausbauen. Bei einem Infoabend am Donnerstag, 31. Januar, im Wertinger Mehrgenerationenhaus, wollen sie das Prinzip näher erklären. Willkommen sind alle Interessenten.

Teilen statt wegwerfen

„Uns geht es es darum, Lebensmittel zu teilen statt wegzuwerfen“, sagt Marina Deisenhofer, „und gleichzeitig gegen Lebensmittelverschwendung vorzugehen.“ Der Anstoß kam durch ihre Schwiegereltern, die von Buttenwiesen aus Bio-Käse und Milchprodukte auf verschiedenen Märkten verkaufen. „Was übrig bleibt und nicht mehr zu verkaufen ist, holen wir ab“, erzählt die 26-jährige Wertingerin. Auch was offiziell abgelaufen ist, sei durchaus noch zu essen. „Wer bei uns mitmacht, handelt als Privatperson“, betont Deisenhofer, sprich jeder ist selbst verantwortlich. Genau hier liegt der Unterschied zu einem Geschäft, das die Verantwortung übernehmen muss, dass etwas genießbar ist.

Drei Tage Broccolisuppe ist zuviel

Durch das angeschlossene Bistro haben Marga und Cecilia Feistle durchaus die Möglichkeit, so zu kochen und wirtschaften, dass Lebensmittel rechtzeitig verbraucht werden. „Doch drei Tage Broccolisuppe geht einfach nicht“, sagt Marga Feistle. Grundsätzlich würden sie sehr sparsam einkaufen, gleichzeitig sehr kundenorientiert. Und weil von manchen Produkten Großpackungen abzunehmen sind, bleibe eben auch immer wieder etwas übrig. Die stellen Mutter und Tochter schon mal ausgescannt ins Kühlregal, sprich mit dem Preisschild 0.00. „Manche freuen sich an der Kasse, wenn’s somit nichts kostet, andere vermeiden grundsätzlich abgelaufene Produkte.“

Doch den Foodsharern geht es keineswegs nur um abgelaufene Produkte. „Der eine hat im Garten Überfluss, der andere fährt in Urlaub und der Kühlschrank ist voll, der dritte hat nach einer Party viel übrig.“ Marina Deisenhofer hat alles bereits mehrfach erlebt. Sie findet es einfach wichtig, dass die Produkte verwertet und nicht weggeworfen werden.

Es geht um die Wertschätzung des Essens

So ging es vergangenen Sommer auch Sven Pauli aus Nordendorf. Als der 43-Jährige in Urlaub fuhr, hingen die schmackhaften Tomaten überreif an den Pflanzen in seinem Garten. Viele davon hatte seine Frau bereits zu Soße verarbeitet. „Doch wenn’s so viele sind, wird man dem einfach nicht mehr Herr.“ Eine Frau kümmerte sich darum, pflückte und verteilte sie. „Letztendlich geht es um die Wertschätzung von Essen“, sagt Pauli. „Manchmal kauft man versehentlich auch etwas, was einem selbst nicht schmeckt“, hat Ulrike Hogen (67) aus Wertingen erfahren. „Dann bin ich froh, wenn ich’s weitergeben kann.“

Mitmachen können im Grunde alle. Voraussetzung sei laut Deisenhofer, dass man sich auf der Website der Initiative (www.foodsharing.de) registriere, sich mit den Pflichten und Regeln auseinandersetze und dazu ein kleines Quiz erfolgreich absolviere. Wer akzeptiert ist, kann sowohl virtuelle Essenskörbe einstellen als auch abholen. „Egal ob jemand bedürftig oder Millionär ist“, sagt Marina Deisenhofer.

Die Foodsharer sehen sich keineswegs als Konkurrenz zur Tafel. „Wir sind vielmehr die Ergänzung dazu“, so Deisenhofer. Während bei der Tafel das Augenmerk auf der Bedürftigkeit liege, gehe es bei Foodsharing um das Retten der Lebensmittel, egal wie jemand finanziell aufgestellt sei. Grundsätzlich habe die Tafel immer Vorrang. Doch dürfe diese nur bestimmte Lebensmittel weitergeben, beispielsweise keine offene Packungen oder verarbeitete Lebensmittel. Bundesweit gebe es laut Deisenhofer eine Kooperationsvereinbarung mit den Tafeln.

Der private Verbrauch ist eine Seite der Foodsharing-Initiative. Daneben brauche es aber auch Menschen, die Kontakte zu kleineren, inhabergeführten Betrieben im Landkreis Dillingen aufnehmen – Bioläden, Bäckereien, Supermärkten, Metzgereien, Marktleuten und Restaurantbetreibern. Wöchentlich werden dort überflüssige Lebensmittel abgeholt und weiterverteilt. „Dafür benötigen wir ein größeres Netzwerk an Foodsavern“, appelliert Botschafterin Marina Deisenhofer an interessierte Mitmenschen. Niemand verpflichte sich mit der Registrierung, eine bestimmte Stundenzahl zu leisten. Jeder könne immer wieder selbst entscheiden, für wie viele Abholungen er oder sie sich einträgt.

Ein öffentlicher Kühlschrank soll aufgestellt werden

Nächstes Ziel ist – neben dem Gewinnen neuer Mitglieder – einen „Fairteiler“, einen öffentlichen Kühlschrank beziehungsweise ein Regal aufzustellen, das für alle zugänglich ist. „Jeder kann hier übrige Lebensmittel nehmen oder bringen.“ Auf dem Augsburger Königsplatz würde das bereits gut funktionieren. Der Wertinger Bürgermeister habe versprochen, bei der Standortsuche zu helfen. Und wer in anderen Orten aufspringen wolle, ist laut Deisenhofer herzlich willkommen. Wichtiger Grundsatz sei in allen Fällen: „Teile nur, was du auch selbst noch essen würdest!“

Willkommen sind zu dem Infoabend von „Foodsharing“ am Donnerstag, 31. Januar, alle Interessenten. Die Veranstaltung beginnt um 19 Uhr im Wertinger Mehrgenerationenhaus in der Fritz-Sauter-Straße 10.

Einen weiteren Bericht zum Foodsharing lesen Sie hier: Foodsharing: Damit Essen nicht im Abfall landet

Hier finden Sie einen Bericht, wie Foodsharing in Donauwörth läuft: Teilen statt Wegwerfen: Initiative startet in Donauwörth

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