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Wertingen

27.04.2019

Wertingens Altbürgermeister wird heute 80 Jahre alt

Dietrich Riesebeck prägte 30 Jahre lang als Bürgermeister die Stadt Wertingen. Jetzt lebt der Senior in Bad Wörishofen. Er feiert am heutigen Samstag seinen 80. Geburtstag.
Bild: Hertha Stauch

Er lebt jetzt in Bad Wörishofen. Seine starke Persönlichkeit trug zum Aufschwung von Wertingen nach kargen Nachkriegsjahren bei. Wie er im Rückblick seine Amtszeit beurteilt.

Wertingen war 40 Jahre lang seine Heimat. Die Stadt, in der er arbeitete und mit seiner Familie lebte, war ihm aber viel mehr: Sie war seine Firma, sein Lebenswerk und seine Leidenschaft. Er formte sie wie ein Unternehmer mit Tatkraft, und sie prägte ihn wie ein Kind, das er großzog vom Säugling und Kleinkind über die Pubertät hinweg. Als das Kind erwachsen war, nabelte es sich abrupt ab und hinterließ einen erstaunten Menschen, der gedacht hatte, dass es noch eine Zeit so weitergehen könnte wie bisher. „Ich hatte noch so viel vor“, sagt der Mann, der 30 Jahre lang, von 1972 bis 2002, Bürgermeister in Wertingen war, geliebt und gemieden, verehrt und verwünscht, verstanden und verkannt.

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Auf dem Weg von Wertingen nach Wörishofen, seiner jetzigen Heimat, wird klar, was ihn dort hinzieht und hingezogen hat nach einer bitteren Wahlniederlage in Wertingen im Jahr 2002, als ihm ein junger Willy Lehmeier sein Amt erfolgreich streitig gemacht hatte. Die noch schneebedeckten Alpen rücken schimmernd näher, die fett-grünen Allgäuer Wiesen mit gelb-leuchtendem Löwenzahn – durchatmen, loslassen, abtauchen, genießen... Ein entspannter Dietrich Riesebeck öffnet die Tür in dem Wohnviertel am Stadtrand. In seinem neuen Zuhause ist er seiner sozialdemokratischen Einstellung treu geblieben: gediegen, kein Luxus, solide, kein Prunk. 80 Jahre alt wird er am heutigen Samstag – ein alter Mann? Nicht unbedingt. Es liegt noch viel Kraft in seiner Stimme, viel Interesse und Wachsamkeit, viel Leidenschaft und Humor in seinen Worten. Im Gespräch ist zu spüren, dass es für den Wertinger Altbürgermeister noch mehr gibt als Wertingen, um das sich sein Leben so lange drehte. Der räumliche und zeitliche Abstand – 13 Jahre lang lebt das Ehepaar Dietrich und Ingrid Riesebeck jetzt in Wörishofen – relativieren das, was damals war, lenken den Blick auf Dinge, die wirklich wichtig waren.

Sechs Jahre lang im Landratsamt beschäftigt

Riesebeck war bereits sechs Jahre lang im Landratsamt des einstigen Landkreises Wertingen beschäftigt, ehe er Bürgermeister wurde. „Das wird oft vergessen“, schaut der Senior zurück. Er hatte auch als SPD-Stadt- und Kreisrat schon Einblick in die Umstände der Stadt Wertingen, die noch im Nachkriegsmodus verharrte, im Dornröschenschlaf schlummerte. Dann kam Riesebeck aus der Mark-Brandenburg im Norden nach Schwaben. Befremdlich war er damals für viele – „ein Preuß´, was will der in Wertingen?“, so die Gefühlslage um den Schaffer, der die Ärmel hochkrempelte. Zu schnell für Manchen, zu temperamentvoll. Stadtpfarrer Johann Menzinger drückte es damals so aus: Riesebeck habe drei Fehler, sagte der Geistliche, der sich mit ihm gut verstand. Er sei evangelisch, in der falschen Partei und – unverzeihlich – ein Preuß´! Mit preußischen Eigenschaften mischte Riesebeck Wertingen auf, vorher aber ein Schock für das Kreis-Städtchen – die Gebietsreform. „Wertingen war ein Dorf mit absteigender Tendenz, die Kreisreform war ein Hammer, ein Schlag mit enormen Verlusten.

Wertingens Altbürgermeister wird heute 80 Jahre alt

Sechs Behörden gingen verloren und damit 350 Arbeitsplätze“, schildert Riesebeck die Situation in den ersten Jahren seiner Amtszeit. Die Stadt kaufte das Schloss, nachdem der Landkreis Wertingen aufgelöst worden war und es kein Landratsamt mehr brauchte. Dort wurde das Rathaus etabliert, das alte Rathaus am Marktplatz abgebrochen. In der Mitte des Städtchens wurde ein neuer Geschäftskomplex gebaut, die Innenstadtsanierung vorangetrieben. „Unsere wichtigesten Aktionen aber war damals die Ausweisung von Baugebieten und Gewerbeflächen“, schätzt Riesebeck aus heutiger Sicht ein. Die Einwohnerzahl von Wertingen wuchs in 30 Jahren um ein Drittel an, die Zahl der Arbeitsplätze verdoppelte sich auf 4400, Firmen wie Schüco, Espe, Müller holte Riesebeck nach Wertingen.

Der Altbürgermeister spricht nicht von sich, sondern von „wir“, von seinen Weggefährten im Stadtrat und Kreistag, die mit ihm zusammen die Stadt entwickelten. Persönlichkeiten wie Alfred Sigg, Willi Berchtold, Leo Bunk, Heinz Ulrich, Hugo Krauß, Bärbel Hopp standen an seiner Seite, auch Alt- und Vizelandrat Anton Rauch. Der Sozialdemokrat Riesebeck schätzte trotz Auseinandersetzungen auch die Mitglieder gegnerischer Fraktionen wie Johann Popp, Alfred Schneid und auch den damaligen Dillinger Landrat Anton Dietrich, mit dem er sich zugunsten von Wertingen gerne konstruktiv auseinandergesetzt habe. „Obwohl ich ein autoritärer Typ bin, habe ich mit allen gut zusammengearbeitet“, denkt Riesebeck, „ich schätze es sehr, dass mich die Wertinger 30 Jahre lag als Bürgermeister ertragen haben.“

Ein wichtiger Schritt für Wertingen, federführend damals in Bayern, war laut Riesebeck der Bau der Umgehung, der südlichen Entlastungsstraße. Ebenso der Bau der dreistufigen Kläranlage und später der Dreifachturnhalle – heute Stadthalle mit Musikschule.

Dietrich Riesebeck wäre nicht Riesebeck, wenn er nicht mit steigendem Aufschwung den Wertingern auch ein neues Lebensgefühl vermittelt hätte. Musik, Feste, Kunst fingen an, eine große Rolle zu spielen. Riesebeck etablierte die städtischen Kunstausstellungen, förderte auch gegen Widerstände die Künstler und die Musik, die Ernennung von Manfred Andreas Lipp zum städtischen Musikdirektor eingeschlossen. „Das sind Dinge, die sind enorm wichtig für den Ruf einer Stadt“, ist er heute noch davon überzeugt. Das 700-jährige Stadtjubiläum wurde groß gefeiert, einschließlich Silvesterball mit Feuerwerk und Catering. Riesebeck: „Ich habe immer versucht, Qualität zu bieten. Der Bürger muss sich wohl fühlen. Er soll nicht das Bedürfnis haben, dass er für bestimmte Dinge nach Dillingen oder Augsburg fahren muss.“

Problematisches Thema war die Aufnahme von Asylbewerbern

40 Jahre – da läuft auch mal etwas schief. Nicht alles muss wiederholt werden, meint Riesebeck. Traurige Geschichten habe es schon auch gegeben. Die Aufnahme von Asylbewerbern in den 1980er Jahren zum Beispiel. Gegenüber dem Friedhof wurde damals ein Containerdorf eingerichtet. „Da gab es starken Widerstand“, sah sich der Bürgermeister auf einmal Ablehnung gegenüber. Noch mehr, als er später plante, eine Moschee zu bauen. „Da habe ich Ausländerfeindlichkeit gespürt bei etwa 20 Prozent der Bürger. Das war eine schwierige Zeit. Das war ein Grund, warum man mich dann später nicht mehr wollte.“ Viel lieber spricht der Altbürgermeister aber von seinem Glück, den schönen Dingen, die ihn begleiteten und die vor allem jetzt im Ruhestand sein Leben ausmachen. „Wörishofen ist ein großartiger Ort für ältere Leute“, sagt er. Hier hat sein Sohn Norbert einst die Hotelfachschule absolviert, so entstand die Verbindung zur Kneipp-Stadt. Auch nach München und an den Bodensee ist es nicht weit – Kultur und gute Spitzenlokale sind Riesebecks Hobby, er ist bekennender Gourmet. Es „war richtig, nach Wörishofen zu gehen“, sinniert er, „40 Jahre in Wertingen – es ist gut wenn man sich da zurückzieht.“

Dietrich Riesebeck will kein Altbürgermeister sein, der über den Marktplatz schlendert und stets dabei von zig Passanten begrüßt und befragt wird. „Es ist wichtig, Abstand von kommunalpolitischen Dingen zu bekommen. Täglich damit konfrontiert zu sein ist nicht gut.“ Er will seine Jahre noch in Freude leben: Dietrich Riesebeck eben, vom Scheitel bis zur Sohle. In diesem Sinne wünscht ihm auch die Wertinger Zeitung, die über ihn jahrzehntelang berichtete, die ihn begleitete, kommentierte, die er schätzte, auf die er wütend war, die ihn mitunter auch nervte, einen schönen Festtag und alles Gute zum Geburtstag!

Lesen Sie, was der Altbürgermeister über die Gebietsreform meint:

Für Wertingens Altbürgermeister ist heute „alles in Butter“

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