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Laugna

29.12.2015

Wie es sich lebt „so weit unten“

Werner Twele hat ein Foto gemacht von dem kleinen „Weihnachtswunder“, mit dem er überrascht wurde. Eine Dillinger Optikerin schickte ihm ein Paket voller Lebensmittel.
Bild: Hertha Stauch

 Werner Twele und Hannelore Davids aus Laugna geben Einblick in eine Situation, in die keiner kommen will. Sie sind auf die Dillinger Tafel angewiesen.

Sie hat sich vorgenommen, nicht zu weinen. Tapfer rückt sich Hannelore Davids die Brille zurecht. „Das ist eine Spirale“, sagt sie, „da kommen Sie nicht mehr raus.“ Hannelore Davids und ihr Partner Werner Twele aus Laugna sind bereit, über ein Tabu zu sprechen – über versteckte Armut, über den Zustand, von der Hand in den Mund zu leben und auf Hilfe angewiesen zu sein. Für die Tasse Kaffee, die sie sich beim Kellner bestellen, haben sie sich zehn Euro geliehen.

Werner Twele lächelt blass. Er lebt seit Mitte 2013 in Privatinsolvenz, bekommt als ehemals Selbstständiger, der nicht in die Arbeitslosenversicherung einbezahlt hat, nur eine ganz geringe Hartz-IV-Unterstützung. Seine Partnerin bezieht seit Kurzem Arbeitslosengeld und eine kleine Witwenrente. Zusammen muss das Paar von 1100 Euro monatlich leben. Einen Großteil verschlingt die Miete, Heizkosten, Strom, das Auto. Bleiben rund 100 Euro übrig, mit denen die beiden zurechtkommen müssen.

Auf die Frage, wie man sich fühlt unter solchen Lebensumständen deutet Twele nach unten: „Sie finden mich unter dem Tisch“, gibt der 63-Jährige zu verstehen, dass er sich schämt. Seine Lebensgefährtin nicht minder. „Du bist fertig, kaputt, dein ganzer Stolz ist weg“, spricht sie vom Verlust ihres Selbstwertgefühls. Den letzten Rest davon hat sie abgegeben, als sie sich für die Dillinger Tafel registrieren ließ und zum ersten Mal in der Ausgabestelle Wertingen Lebensmittel verbilligt kaufte. 1,50 Euro kostet die Ration für eine Person, ab dem neuen Jahr wird aufgestockt auf zwei Euro. „So weit waren wir noch nie unten, das ist demütigend“, drückt Hannelore Davids ihre Gefühle aus. Trotzdem ist die Tafel eine wichtige Hilfe für das Paar: „Damit kommen wir durch.“ Dass der Freiwilligendienst ausgerechnet über die Weihnachtsferien geschlossen ist, macht den beiden zu schaffen. Sie können verstehen, dass die ehrenamtlichen Tafel-Helfer auch mal eine Auszeit brauchen, denken aber, es wäre eine Sache der Organisation gewesen, die Lebensmittelausgabe aufrecht zu erhalten.

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Wie in einem Unternehmen, meint Twele, „da machen die Angestellten ja auch Urlaub“. Werner Twele und seine Partnerin hätten auch gerne selbst mit angepackt, wenn bei der Tafel Not am Mann oder der Frau ist. „Ich hätte fahren können“, verweist Twele auf seinen Führerschein.

Twele war einmal selbstständig, hatte als Bodenleger bis zu sieben Zuarbeiter. Doch sein persönliches Dilemma begann eigentlich schon früher. Im Alter von 45 Jahren rutschte der gelernte Parkettleger auf einem nassen Fliesenboden aus und landete auf dem Kopf. Die Folgen dieses Unfalls warfen ihn gesundheitlich aus der Bahn. Fast sieben Jahre dauerte es, bis er wieder arbeiten konnte, er versuchte sich als eigenständiger Unternehmer. Das ging eine Weile gut – Twele und seine Freundin konnten sich ein gemietetes Häuschen in Laugna leisten, das sie noch heute bewohnen. Doch dann kam das Pech. Kunden bezahlten die vorbestellte Ware nicht, Twele hatte Außenstände, die sich summierten. Privatinsolvenz war die Folge. Hinzu kam der Verlust des Arbeitsplatzes seiner Partnerin, die ebenfalls an gesundheitlichen Einschränkungen zu knabbern hat.

Hannelore Davids ist gelernte Einzelhandelskauffrau. Ihre letzte Stelle wurde ihr gekündigt, als sie wegen Krankheit fehlte. Jetzt ist sie im Jobcenter wieder auf der Suche, allerdings steht ihr noch eine Augen-OP bevor. Sie spricht erneut von der Spirale, aus der sie nicht rauskommt: „Bekomme ich Arbeit, muss ich fahren, die Fahrtkosten verschlingen den Lohn.“ Sie wolle arbeiten, betont die 61-Jährige ebenso wie ihr Partner – Arbeit, die sie beide mit ihren gesundheitlichen Einschränkungen noch leisten könnten.

Hannelore Davids hofft auf das Jobcenter: „Die haben gesagt, sie finden das passende für mich, wenn die OP vorbei ist.“ Kosten sparen, das Geld einteilen, das habe sie gelernt, meint Hannelore Davids. Vorratshaltung und selbst kochen sei ihr wichtig – „da kommen wir mithilfe der Tafel gut über die Runden.“ Allerdings seien sie vergeblich auf der Suche nach einer billigeren Wohnung – „das gibt es nicht“. Noch geht es, denn ihr Sohn schießt der Mutter ab und zu etwas zu. Vor allem für den zwölf Jahre alten Schäferhund Cliff, den Twele und Davids wegen seines Alters nicht abgeben können und wollen.

Es gibt immer wieder Menschen, die helfen, erzählt das Paar. So wie kurz vor Weihnachten. Werner Twele ließ sich bei einem Dillinger Optiker eine stärkere Brille anpassen: „250 Euro. Das konnte ich nicht bezahlen, ich habe die Brille abbestellt“.

Die Optikerin sei sehr freundlich gewesen, berichtet Twele mit glänzenden Augen: „Als sie mitbekommen hat, in welcher Lage wir uns befinden, hat sie uns einen Korb voller Lebensmittel zukommen lassen“. Das war für Hannelore Davids und Werner Twele „wie ein kleines Weihnachtswunder“.

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