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Dillingen

17.05.2019

Zockende Kinder – ein Dillinger Polizist erzählt

Gefangen von der Faszination der heutigen Medien – die Gefahr der Sucht sieht der Dillinger Polizei-Präventionsberater Robert Drechsler als das größte Problem bei Computerspielen und insgesamt im Umgang mit den Medien an.

Wie die Hersteller von Computerspielen mit Kindern und Jugendlichen spielen, was Eltern tun können und welche Rolle die Polizei bei der Prävention einnimmt. Ein Gespräch mit Polizeihauptkommissar und Vater Robert Drechsler.

Fortnite, ein „Überlebensspiel“ auf dem Computer, steht bei Jugendlichen derzeit ganz vorne in der Beliebtheit. Wie sehen Sie als Präventionsbeamter im Landkreis Dillingen das Spiel?

Robert Drechsler: Ganz allgemein gibt es zwei Gedanken bei Gamer-Produkten dieser Art – die Gewalt und die Sucht. Bei personifizierten Shooter-Spielen („Schieß-Spielen“), dachte man lange Zeit als erstes an die Gefahr, dass die Gewaltbereitschaft dadurch steigen würde, samt illegalem Waffenbesitz und einer Amokgefahr. Diese Gefahr wurde neutralisiert, da Untersuchungen sie nicht wirklich bestätigten und es sich zeigte, dass vielfältige Bedingungen einer Gewaltbereitschaft bei Jugendlichen zugrunde liegen. Das bestätigen auch meine Erfahrungen bei den Schulungen hier im Landkreis. Was sich dagegen klar herausgestellt hat im Kontakt mit den Jugendlichen ist, dass die Spiele ein Suchtpotenzial beinhalten.

Was lässt die Menschen süchtig nach den Spielen werden?

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Drechsler: Die Spiele sind von den Herstellern so weit fortentwickelt, dass sie ihre Zielgruppe – bei Fortnite vorwiegend die Jugendlichen – die Spiele spielen lassen. In ihrer pubertären Entwicklung identifizieren sich junge Menschen regelrecht damit, und sie bekommen immer wieder Anlass, dass sie dabeibleiben. So lassen die Computerhersteller sie mal gewinnen und mal verlieren innerhalb eines gewissen Zeitfensters und sie suggerieren dem Spieler, wie toll er ist. Dann wird er mal wieder schlechter. Doch kurz bevor er aussteigen will, bekommt er Prämienprodukte geschenkt – ein Anfüttern zwischen der Frustration sozusagen. Das ist so ausgeklügelt, dass Mädchen und vor allem Jungs immer wieder dranbleiben und das Suchtpotenzial sich nach oben schraubt.

Inwiefern spielt das Geld eine Rolle?

Drechsler: Die Investition in die Spiele selbst geschieht in jungen Jahren sogar meist mit Hilfe der Eltern. Da es ja auch Altersbeschränkungen gibt, läuft die Zulassung oft auf Vater oder Mutter. Dazu kann man sich mit Geld oder erreichten Spielpunkten zusätzliche Bewaffnungen, Fähigkeiten und sonstige Gegenstände kaufen, bis hin zu kosmetischen Gegenständen. Klar gibt’s da die Gefahr finanzieller Verluste.

Kosmetische Gegenstände – das hört sich nach gutem Aussehen an?

Drechsler: Das ist ähnlich wie beim Alkohol. Bei der Branntwein-Werbung beispielsweise, bei der die Zielgruppe junge Erwachsene sein sollen, aber die Werbung natürlich auch Minderjährige anspricht, stehen junge Menschen mit einem Glas in der Hand am Strand. Genauso richten sich Spielehersteller bei ihren Verschönerungen bewusst nach dem Geschmack der Zielgruppe.

Heißt das, dass Sucht kaum zu umgehen ist, wenn Kinder und Jugendliche am Computer spielen?

Drechsler: Nicht alle sind gefährdet. Viele spielen und sagen irgendwann, das ist nicht meins. Einfacher wird’s in allem, wenn wir mit den Eltern zusammenarbeiten können.

Sie gehen regelmäßig an die Schulen im Landkreis und leisten Präventionsarbeit. Worum geht es dabei?

Drechsler: Gewalt, Mobbing, Internetmissbrauch – wir von der Polizei arbeiten hier gerne mit den Medienberatern der Schulen zusammen. Ziel ist natürlich auch, dass Straftaten vermieden werden.

Wie kann eine Straftat im Medienbereich aussehen?

Drechsler: Im Internet allgemein geht es um den Missbrauch des Daten- und Persönlichkeitsschutzes.

Ist auch die versäumte Schulpflicht ein Thema, wenn Kinder und Jugendliche sich im Spiel verlieren?

Drechsler: Durchs „Zocken“ kommen Kinder und Jugendliche teils unausgeschlafen in den Unterricht, sind extrem müde und konzentrationslos. Wenn Schüler, die über Jahre aufmerksam waren, plötzlich wirklich abfallen und öfters fehlen, wird auch vermutet, dass es aus dem medialen Bereich kommt. Polizeilich greifen wir hier selten ein.

Wie offen sind Eltern generell für Gespräche?

Drechsler: Wenn wir Elterngespräche führen, kommt von Seiten der Eltern oft die Frage: Was sollen wir machen?

Was antworten Sie darauf?

Drechsler: Sie können eine klare Ordnung schaffen: Ab 21 Uhr kein Smartphone, kein TV und kein Computer auf dem Zimmer! So haben die Kinder zumindest einen ruhigen Schlaf, wenn nicht noch vor dem Einschlafen Hunderte von Nachrichten kommen.

Haben Sie eigentlich selbst Kinder?

Drechsler: Ja, vier – drei Töchter, von denen die älteste 33 Jahre ist, dazu einen Sohn mit 18. Ich spreche also durchaus auch aus persönlicher Erfahrung.

Mussten Sie auch mal durchgreifen?

Drechsler: : Manches haben meine Frau und ich streng durchgezogen. Während beispielsweise bei unserer Ältesten schwarze Messen auf dem Friedhof Thema waren, stand bei unserem Sohn die Angst vor dem medialen Einfluss im Vordergrund. Es ging bis heute alles gut, viele „Elternängste“ waren unberechtigt, und Fehler haben wir auch gemacht.

Wie sind Sie vorgegangen?

Drechsler: Falsch wäre, etwas ganz wegzuhalten. Ich nehme gerne den Vergleich mit einem römischen Pferdegespann, einer Quadriga – wenn wir als Eltern auf dem Wagen stehen und unsere vier Prachtkinder vorneweg rennen. Lassen wir die Zügel zu früh ganz los, fliegen alle in der nächsten Kurve raus. Wenn wir aber rechtzeitig leicht gegenhalten und kontrollieren, kommen wir auch um die Kurven.

Ist das auch Ihre Devise als Präventionspolizist?

Drechsler: Wenn ich als Cop an die Schule gehe, versuche ich, die Schüler zu erreichen. Wenn sie mir etwas von sich erzählen, merke ich, dass wir im Kontakt sind. Auf diese Weise können Eltern auch wesentliche Veränderungen bei ihren Kindern bemerken und reagieren. Dazu glaube ich, dass vor allem Liebe und Vertrauen gegenüber den eigenen Kindern wichtig sind. 

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