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Jubiläumsfilmwoche

31.10.2016

Zwei Frauen und ihr Wertinger Filmtheater

Gestern Mittag ließ die Stadt Wertingen (links Stadtarchivar Johannes Mordstein, rechts Stadtrat und stellvertretender Landrat Alfred Schneid) die beiden Kinoinhaberinnen Rosemarie und Prisca Färber (von links) offiziell hochleben. Auf die Bevölkerung wartet in dieser Jubiläumswoche ein interessantes Programm.

Die Stadt Wertingen lässt Rosemarie und Prisca Färber hochleben. Die beiden Frauen haben verschiedene Blickwinkel und arbeiten doch genial zusammen. Stadtrat Schneid legt ein Versprechen ab.

Eines Nachts schlief Rosemarie Färber schlecht. Die Kinobesitzerin wälzt sich im Bett, wacht immer wieder auf. Am Morgen geht sie zu ihrer Tochter Prisca und sagt: „Was hältst du davon, das Kino Wertingen wiederzueröffnen?“ Die springt sofort darauf an. Und so erweckten die beiden Frauen das Filmtheater Wertingen im Jahr 2008 aus seinem zehnjährigen Dornröschenschlaf – mit neuer Technik und nostalgischem Flair.

Diese beiden Eigenschaften zeichnen das Kino bis heute aus. „Wie es konzipiert ist, passt es genau zu unserem Städtle“, sagte Alfred Schneid bei der gestrigen offiziellen Jubiläumsfeier. Stellvertretend für Bürgermeister und Landrat gratulierte er zu 80 Jahren Kinogeschichte und ließ sich, gemeinsam mit mehreren anderen Besuchern zur Sonntagsmatinee in den orangefarbenen Kinosesseln nieder. Gute Worte alleine helfen nichts, hatte er zuvor angemerkt und versprochen: „Ich werde ab sofort regelmäßig ins Kino kommen.“ Das Filmtheater sei eine gute Möglichkeit, die eigene Frau auszuführen.

Das taten bereits einige seiner Stadtratskollegen. „Mein ziemlich kleiner Freund“ hatte Prisca Färber für die Matinee ausgewählt. Die Geschichte eines 1,36 Meter kleinen Mannes und einer schönen Frau, die ihn um mehr als nur eine Kopflänge überragt. Bei aller Liebe sehen sie sich täglich mit den Vorurteilen der Gesellschaft und den Bildern im eigenen Kopf konfrontiert. Ein Film mit Witz und ebenso viel Tiefgang, zu dem sich gestern selbst Rosemarie Färber mal wieder in den Kinosessel setzte. Dazu nämlich kommen weder sie noch ihre Tochter im Alltag. Dabei verbringt sie noch täglich sechs bis sieben Stunden an der Kasse des Donauwörther Kinos im Alter von – wie vielen Jahren eigentlich? Darüber schweigen Rosemarie und Prisca Färber seit Jahren einvernehmlich. Fest steht, dass die beiden nacheinander in die Fußstapfen des (Groß-)Vaters Sebastian Färber traten. Der nämlich hatte schon bald nach der Eröffnung der Wertinger „Postlichtspiele“ – in dem Haus in der Mühlgasse war vorher die Post untergebracht – das Kino von Anton Schuster übernommen. Als gebürtiger Zusumer war er gleichzeitig der Inhaber der Donauwörther „Donau-Lichtspiele“, aus dem sich das heutige Cinedrom Donauwörth entwickelte.

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In Wertingen hatte vor 67 Jahren eine ähnliche Veranstaltung wie gestern stattgefunden. Landrat, Pfarrer, Bürgermeister und viele mehr waren im Kino zusammengekommen, um zu feiern. Damals eröffneten sie das neue Kinogebäude, das Sebastian Färber aufbaute, nachdem im April 1945 Wertingen von amerikanischen Jagdbombern aus der Luft angegriffen worden und die Postlichtspiele völlige ausgebrannt waren.

Für Stadtarchivar Johannes Mordstein zieht sich ein roter Faden durch Wertingens Kinogeschichte. „Trotz aller wirtschaftlichen Einbrüche und Feiern war das Filmtheater schon immer eine gesellschaftliche Einrichtung, in der man sich traf.“ Der Stadtarchivar hat in den vergangenen Monaten gezielt recherchiert und die gesamte Wertinger Kinogeschichte zusammenetragen. In zwei Vitrinen, auf mehreren Schaubildern und einem Flyer zum Mitnehmen hat er sie nochmals aufleben lassen. Dabei wird klar, dass die Wertinger bereits lange vor 1936 Kino schauten. Am 15. April 1899 fanden in der Gastwirtschaft „Zum Schwanen“ die ersten Filmvorführungen statt – ein sogenannter Kinematograph ermöglichte erstmals, bewegliche Bilder vorzuführen. Fünf Jahre, nachdem das Gerät in Frankreich entwickelt worden war, profitierten die Wertinger bereits davon. In den folgenden Jahrzehnten wurde das Schwabenstädtchen immer wieder von Wanderkinos besucht. Eine erste Kinogründung hatte der gebürtige Frauenstettener Andreas Arnold 1919 in der Augsburger Straße 18, der heutigen Zahnarztpraxis, gewagt. Nach einem Jahr schloss es wieder.

Auf eine fortlaufende Geschichte blickt dagegen die Familie Färber. Sie hatten das Wertinger Kino zwar ebenfalls für zehn Jahre geschlossen, wagten aber gut zehn Jahre später die Wiedereröffnung. „Wir hatten damals in Donauwörth zweieinhalb Millionen Euro investiert und Wertingen dadurch vernachlässigt“, blickt Rosemarie Färber zurück. Auch Wertingen habe eine neue Technik benötigt. Alles auf einen Schlag sei nicht gegangen. Doch das Zusamstädtchen blieb stets im Hinterkopf. So lehnten sie und ihre Tochter jeden Verkauf und eine erwägte Nutzung als Moschee ab.

Und der Wiedereinstieg scheint sich gelohnt zu haben. Jedenfalls erfährt das Kino überregional Aufmerksamkeit – bei Filmverleihern wie in den Medien – durch die Kombination moderner Dolby-Digital-Sound-Technik und nostalgischem Flair im historischen Kinosaal. Dazu kämpft Prisca Färber kontinuierlich um passende Filme für die Zusam-stadt. Immer wieder schaut sie, die Filmwochen durch spezielle Events – „Ladies Nights“, Männer-Previews und Familienfilme – zu unterbrechen, handelt Sondergenehmigungen mit den Filmverleihern aus. Das gelang ihr insbesondere für die laufende Jubiläumsfilmwoche. „08/15-Komödien aus Amerika laufen in Wertingen nicht“, sagt sie und setzt auf ein abwechslungsreiches Programm. Unterhaltsam sollten die Filme sein, mal dürfe es auch anspruchsvoll sein.

Während Mutter Rosemarie die Finanzen managt, organisiert Tochter Prisca das Programm und die Events. Dabei lässt sie sich immer wieder auf Experimente ein. So wie heute Abend, wenn sie für alle Horrorfans zu Halloween ab 22.30 Uhr „Blair Witch“ abspielt.

Privat gehen die beiden Frauen seit vielen Jahren ihre eigenen Wege, beruflich arbeiten sie erfolgreich zusammen. Mit einem kleinen Unterschied, wie Prisca Färber erzählt: „Meine Mutter fragt, was war los, sprich wieviel Geld kam rein. Ich dagegen zähle die Besucher, interessiere mich dafür, wie ein Film ankommt.“ – Eine scheinbar geniale Kombination!

Programm Das Jubiläumskinoprogramm finden Besucher im WZ-Service und unter www.filmtheater-wertingen.de.

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