Ein großer Rucksack, ein Zugticket in der Hand – beziehungsweise heutzutage auf der App – und die grenzenlose Freiheit auf Schienen: ein Bild, das man meist mit Schulabgängern nach dem Abitur verbindet. Doch Klaus-Jürgen Aumiller aus Wertingen hat bewiesen, dass dieses Lebensgefühl kein Verfallsdatum hat. Mit über 60 Jahren erfüllte er sich einen Traum, den viele in die Jugendzeit schieben: Er kaufte sich einen Senioren-Pass und startete ein Interrail-Abenteuer durch das Baltikum und Skandinavien.
Aumiller besuchte bewusst Städte, die er noch nicht kannte
Die Reise war kein klassischer Pauschalurlaub, sondern erforderte eine gute Portion Eigeninitiative. Inspiriert von seiner Tochter, die nach ihrer Mittleren Reife mit ihrer besten Freundin Süd-Europa mit dem Zug erkundete, suchte Aumiller bewusst die Herausforderung in Städten, die er zuvor noch nie besucht hatte. Dabei vertraute er auf eine Mischung aus moderner digitaler Planung und echter Spontanität. Die Route war keineswegs in Stein gemeißelt; oft entschied die Situation vor Ort über den nächsten Halt.
So wurde das Umdisponieren schnell zum Teil des Konzepts: In Danzig erhielt er den Tipp von Mitreisenden, dass Oslo derzeit lohnenswerter sei als Helsinki. Kurzerhand passte er seine Pläne an und steuerte statt der finnischen die norwegische Hauptstadt an, die ihn „sensationsmäßig“ begeisterte.
In Herbergen oder Mehrbettzimmern schlief der Wertinger nicht
Trotz der Abenteuerlust achtete der Wertinger auf eine altersgerechte Balance. Während junge Reisende oft in Herbergen oder Mehrbettzimmern schlafen, setzte Aumiller auf gezielten Komfort. Er suchte sich Unterkünfte, in denen man sich nach einem langen Tag wirklich wohlfühlen kann, wählte Einzelzimmer mit privatem Bad, um die nötige Erholung für die nächste Etappe zu finden.
Dennoch blieb die Reise physisch fordernd. Mit einem 13 Kilogramm schweren Rucksack auf dem Rücken stieß er zeitweise an seine körperlichen Belastbarkeit. „Das war die Grenze dessen, was man sich zumuten möchte“, gesteht er rückblickend. Besonders im kühleren Norden – er reiste im Winter – wo dickere Kleidung mehr Platz und Gewicht beansprucht, wurde das Gepäck zum ständigen, schweren Begleiter. Hinzu kamen logistische Hürden, wie die teils komplizierten Schienenverbindungen im Baltikum oder gelegentliche Zugverspätungen.
Ohne feste Begleitung mehr Offenheit für die neue Umgebung
Ein wesentlicher Aspekt für Aumiller war das Alleinreisen. Er stellte fest, dass die Abwesenheit einer festen Begleitung die Offenheit für die Umgebung massiv fördert: „Wenn du allein unterwegs bist, kommst du viel mehr in Kontakt mit den Menschen, als wenn du zu zweit reist.“ In Zugabteilen und kleinen Cafés ergaben sich immer wieder Gespräche mit Einheimischen oder anderen Reisenden. Diese menschlichen Brücken machten den Trip für ihn zu weit mehr als einer bloßen Sightseeing-Tour; sie gaben ihm die Gewissheit, dass man nie zu alt ist, um neue Kontakte zu knüpfen. Und Länder zu erleben, die einem noch fehlen.
Aumillers Reise führte von Deutschland, Polen, über Litauen, Lettland, Estland, Schweden, Norwegen und Dänemark zurück in die Heimat. Rückblickend zieht er ein durchweg positives Resümee. Er genoss die Freiheit, das gewohnte Denken für eine Weile „auszuschalten“ und sich einfach treiben zu lassen. Sein Abenteuer ist ein Mutmacher für alle „Best Agers“ im Zusamtal und darüber hinaus. Es ist der lebendige Beleg dafür, dass Neugier, Entdeckergeist und die Lust auf das Unbekannte keine Frage des Geburtsdatums sind. Wer den Mut aufbringt, den schweren Rucksack zu schultern, wird mit Eindrücken belohnt, die ein Leben lang bleiben – egal, ob man 18 oder über 60 ist.
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