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Arzneimittel

14.11.2019

180 Medikamente nicht lieferbar: Problem wird immer schlimmer

180 Medikamente sind momentan für den deutschen Markt nur sehr schwer zu bekommen.
Bild: Ulrich Wagner

Plus Schmerzmittel, Blutdrucksenker, Antidepressiva: Die Liste der Medikamente, die nur schwer zu bekommen sind, wird immer länger. Ein Problem für Krankenhäuser und Apotheken in der Region.

Franziska Utzinger klickt einmal, dann wartet sie ein paar Sekunden, bis sich in ihrem Computer eine Liste geöffnet hat. Und dann sagt die Apothekerin aus Nersingen im Kreis Neu-Ulm: „Also momentan gibt es bei 180 Medikamenten Probleme, sie zu bekommen.“ Die Mittel, die Utzinger aufzählt, sind eine bunte Mischung. Es hört sich so an, als gäbe fast keine Erkrankung, bei der nicht irgendein Mittel betroffen wäre.

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Lange Zeit waren etwa Schmerzmittel nicht mehr lieferbar. Dolormin extra – ein Medikament mit dem Wirkstoff Ibuprofen – gebe es nirgends zu kaufen, sagt Utzinger. In diesem Fall ist das nicht besonders tragisch, weil andere Schmerzmittel gleich wirken. Es gibt aber andere Fälle: Bei Schilddrüsen-Erkrankungen, Blutdruckhochdruck, Depression und andere psychischen Erkrankungen sind Medikamente gerade schwer zu bekommen. „Gefühlt ist es so, dass man bei jedem zweiten Kunden das Medikament auf dem Rezept nur sehr schwer bekommt“, sagt Utzinger. Lieferengpässe heißt das in der Fachsprache. Und dann?

Lieferengpässe: 180 Medikamente sind derzeit nicht lieferbar

Dann fängt für die Apotheker die Suche an. Gibt es vielleicht ein anderes Medikament, das den Wirkstoff enthält? Gibt es das Medikament in einer anderen Packungsgröße, also statt 50 Tabletten einer 15er-Packung? Gibt es das Medikament in einer niedrigeren Dosierung, so dass der Patient zwei statt einer Tablette nehmen kann? Hat der Großhändler noch etwas, oder der Hersteller, oder eine Apotheke in der Nachbarschaft?

180 Medikamente nicht lieferbar: Problem wird immer schlimmer

Bisher“, sagt Utzinger, „ist es uns noch immer gelungen, eine Lösung zu finden.“ Dann schweigt sie kurz und schiebt hinterher: „Bisher.“

Genau den gleichen Satz bekommt man zu hören, wenn man 60 Kilometer weiter östlich im Uniklinikum Augsburg anruft. Dort geht Professor Wolfgang Kämmerer ans Telefon, Chefapotheker. Er und seine Mitarbeiter versorgen nicht nur die Patienten der Uniklinik mit Arzneimitteln, sondern auch zwölf weitere Krankenhäuser. Etwa die Wertachkliniken in Bobingen und Schwabmünchen, die Kliniken Ostallgäu in Kaufbeuren, Buchloe und Füssen oder die Kliniken an der Paar in Aichach und Friedberg. Wenn Kämmerer also Schwierigkeiten hat, Medikamente zu bekommen, leidet fast die ganze Region.

Franziska Utzinger betreibt drei Apotheken. Eine davon ist in Nersingen.
Bild: Alexander Kaya

Chefapotheker des Uniklinikums: "Die Lage ist drastisch"

Und Kämmerer sagt: „Die Lage ist drastisch. Im Vergleich zu vor zwei Jahren hat sie sich definitiv verschärft.“ Dann fügt er aber hinzu: „Bisher haben wir es noch immer geschafft, die Patienten mit Medikamenten zu versorgen. Manchmal war es vielleicht knapp. Aber wir haben es geschafft.“ Auch er betont das Wort „bisher“.

Kämmerer führt eine ähnliche Liste wie Franziska Utzinger. Auch auf seiner Liste stehen 180 Medikamente, die gerade nicht lieferbar sind. „Manche zwei bis drei Wochen, manche mehrere Monate. Andere noch länger“, sagt der Professor. Natürlich sind auf der Liste die gleichen Arzneimittel wie bei Utzinger. Es kommen aber noch welche hinzu, die vor allem im Krankenhaus eine wichtige Rolle spielen: Krebsmedikamente oder Narkosemittel.

Wie dramatisch die Lage ist, wird an einem Beispiel deutlich, das Kämmerer nennt. Es geht um das Narkosemittel Propofol. Einer der wichtigsten Stoffe in der Anästhesie. Menschen werden damit nicht nur vor Operationen in Narkose versetzt, sie werden auch auf Intensivstationen im Schlafzustand gehalten oder „sediert“, wie Kämmerer sagt. Der Stoff ist beliebt, weil der Körper ihn relativ gut verträgt – und er ist fast nicht mehr zu bekommen. Wie konnte das passieren?

Wolfgang Kämmerer ist Chef der Apotheke im Uniklinikum Augsburg
Bild: Ulrich Wagner

„Es gab einen Hersteller, der hat den Vertrieb eingestellt. Dann gibt es einen zweiten, der gerade Lieferprobleme hat. Und einen dritten, bei dem noch alles klappt. Der kann den Bedarf aber nur begrenzt decken. Mit dem dritten haben wir einen Vertrag“, sagt Kämmerer. Man könnte nun sagen: Zufall. Kämmerer würde es nicht so darstellen, aber erleichtert, dass er die Versorgungssicherheit für seine Patienten gewährleisten kann, ist er dennoch.

Es gibt nur wenige Wirkstoffhersteller - die meisten sind in Asien

Wenn Kämmerer das erzählt, drängt sich eine andere Frage auf: Wie kann es sein, dass es für eines der wichtigsten Narkosemittel nur noch zwei Hersteller gibt, die den deutschen Markt beliefern? Diese Marktkonzentration bei Propofol ist keine Ausnahme, sondern die Regel und damit einer der Hauptgründe für die Lieferschwierigkeiten. Sie steckt fast immer dahinter. Bei Schmerzmitteln etwa gibt es nur noch ganz wenige Firmen, die Wirkstoffe herstellen – bei als versorgungsrelevant eingestuften Medikamenten ist es ähnlich.

Die FDP-Fraktion im Bundestag hat dazu unlängst eine Anfrage an die Bundesregierung gestellt. Sie wollte wissen, wo die meisten Hersteller für versorgungsrelevante Wirkstoffe sitzen. Die Antwort: in Indien, China und Italien. Und wenn eine dieser Firmen Probleme bekommt, etwa weil die Qualität nicht stimmt, fehlen am Ende in Deutschland Medikamente.

Ein besonders krasses Beispiel ist das Blutdruckmittel Valsartan. Eine Firma in China hat den Wirkstoff des Medikaments so schlecht hergestellt, dass es ein wahrscheinlich krebserregendes Nebenprodukt enthielt. Die Medikamente wurden zurückgerufen. Der Blutdrucksenker war nicht mehr zu bekommen. „Daran sieht man sehr deutlich, wie sich zu großer Kostendruck auswirken kann“, sagt Utzinger.

Der Kostendruck ist ein weiterer Punkt, der zu Lieferschwierigkeiten führt: Der deutsche Arzneimittelmarkt ist für viele Hersteller unattraktiv. Der Preisdruck ist zu hoch, auch weil es ein sehr kompliziertes System gibt, was Arzneimittel in Deutschland kosten dürfen. Kämmerer erzählt etwa von Immunglobulinen. Präparate, die Menschen mit schweren Immunkrankheiten bekommen - zum Beispiel Multiple Sklerose.

Für Patienten sind manche Medikamente teurer geworden

Für diese Wirkstoffe gibt es seit mindestens zwei Jahren ein begrenztes Kontingent für Deutschland. Mehr liefert der Hersteller nicht. „Die Krankheiten, für die man diese Medikamente benötigt, sind zwar selten. Aber wer sie hat, braucht die Mittel auf jeden Fall“, sagt der Fachmann. Dazu kommt: In den vergangenen beiden Jahren ist deutschlandweit die Zahl der Patienten, die die Arznei bräuchten, gestiegen. Auch viele Krebsmedikamente sind auf dem deutschen Markt nur schwer zu bekommen. Die Folge: Krankenhausapotheken kaufen die Medikamente aus dem Ausland zu. Und zahlen mehr. Die Mehrkosten bezahlt aber nicht Krankenkasse, sie belasten das Budget des Krankenhauses und müssen also an anderer Stelle wieder eingenommen werden.

Auch Patienten, die ihre Arzneimittel in einer öffentlichen Apotheke kaufen, bemerken den Preisdruck im Gesundheitssystem. Die Nersinger Apothekerin Franziska Utzinger nennt ein Beispiel: Es geht um ein Blutdruckmedikament. Ein Patient, der dieses Mittel braucht, bekommt meist ein Generikum. Das heißt, nicht das Original-Produkt, sondern einen Nachahmer mit dem gleichen Wirkstoff. Diese Nachahmer müssen möglichst billig sein, damit sie überhaupt verkauft werden dürfen.

Im Fall des Blutdruckmittels kostet das günstigste Generikum auf dem Markt 31,60 Euro. Die Krankenkasse erstattet dem Patienten die Arzneimittelkosten bis zu einem fixen Betrag. Der liegt bei 41,89 Euro. Das Dumme für den Patienten ist nur: Alle generischen Arzneimittel des Blutdruckmittels sind gerade nicht verfügbar. Es gibt nur das Original. Und das kostet 111 Euro. Der Patient muss die Differenz zwischen Kassenleistung und Originalpreis selbst bezahlen. Also kostet sein Blutdruckmittel, das er vorher umsonst bekommen hat, plötzlich 69,11 Euro. „Das ist schwer zu vermitteln“, sagt Utzinger.

Auf den Kosten bleiben viele Patienten sitzen, denn die Kassen erstatten die Mehrkosten nur in Ausnahmefällen. Und auch nicht pauschal. Es muss jedes Mal ein Antrag gestellt werden. Für Patienten ist das äußerst mühsam. Für die Apotheker auch. Doch Utzinger und Kämmerer sagen beide: Sie machen das gerne. Noch.

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