Cebit 2012

07.03.2012

Alles App

Früher waren Handys bloß Telefone, heute sind es Taschencomputer. Möglich machen das die Zusatzprogramme auf den Smartphones. Eine Betrachtung.

Hannover David Kurmann greift in die Sakkotasche, holt sein schwarzes, glänzendes Smartphone hervor und wischt mit dem Finger einmal darüber. „Sie brauchen nur eine App“, sagt der Marketingfachmann. Er öffnet das Programm auf seinem Handy, gibt den Namen der Pflanze ein, wie groß der Übertopf ist und wo das Exemplar stehen soll. Und schon teilt ihm das Handy mit, wie oft die Pflanze Wasser braucht und wann sie gedüngt werden muss. „Diese App gibt Ihnen den grünen Daumen“, sagt Kurmann.

Nicht nur für Pflanzen gibt es eine App. Auf der Cebit, der weltgrößten Computermesse, die an diesem Wochenende in Hannover zu Ende geht, gibt es für so gut wie alles eine Anwendung. Eine, mit der man Kassenzettel zusammen mit dem Strichcode eines Produkts fotografieren kann – und so die Quittung für Reklamationen immer zur Hand hat. Eine, mit der sich Verträge auch digital unterschreiben lassen. Und eine andere, die Freunde orten kann – sofern sie das gleiche Programm benutzen. Über den Nutzen mancher dieser Zusatzprogramme lässt sich natürlich trefflich streiten. Dennoch rechnen Experten damit, dass die Applikationen unseren Alltag künftig verändern – viel stärker, als viele das heute vermuten.

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Cebit-Neuheiten
Bild: EPA/JOCHEN LUEBKE

Es hat sich eine kleine Revolution ereignet

Beim IT-Branchenverband Bitkom ist bereits von der „Revolution auf dem Handymarkt“ die Rede. Erstmals sollen in diesem Jahr mehr Smartphones als normale Handys verkauft werden. Schon bald, sagt Präsidiumsmitglied Friedrich Joussen, werden die internetfähigen Geräte die herkömmlichen verdrängen.

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„Beim Smartphone ist das Telefonieren nur eine Applikation von vielen“, sagt Bitkom-Experte Tobias Arndt. Die Zeiten haben sich geändert: Während früher der Hersteller dem Nutzer vorgab, was er mit dem Handy anfangen konnte, entscheidet der Smartphone-Besitzer heute selbst, wozu sein Gerät in der Lage ist. Möglich machen das die digitalen Helferchen, deren Zahl rapide steigt. Jedes Quartal kommen derzeit etwa 100000 neue Anwendungen für Smartphones hinzu, rechnet das Beratungsunternehmen Research2Guidance vor. Rund eine Million der Zusatzprogramme bieten die Giganten Apple und Google inzwischen an.

Nun, da fast jeder dritte Deutsche ein multimediafähiges Handy mit sich herumträgt, boomt das Geschäft mit Apps. Im vergangenen Jahr haben die Deutschen fast eine Milliarde davon auf ihre Mobiltelefone geladen – zweieinhalbmal so viele wie im Jahr davor, elfmal mehr als noch 2009. „Das ist ein riesiger Markt, mehr als jeder Branchenkenner erwartet hätte“, sagt Bitkom-Experte Arndt.

Die Apps. Sie machen aus einem Handy, das ab Werk Musik abspielen, Kontakte verwalten und Mails empfangen kann – und natürlich telefonieren –, einen Taschencomputer mit unzähligen Anwendungsmöglichkeiten. „Sie machen aus einem Smartphone ein Schweizer Taschenmesser“, sagt Arndt. Das Mobiltelefon wird zum Alleskönner, der den Nutzer immer und überall begleitet. Morgens, wenn er ihn mit der Lieblingsmusik weckt. Auf dem Weg zur Arbeit, wo das Navigationsgerät auf dem Handy Staus umfährt oder sagt, in wie vielen Minuten der nächste Zug kommt. Im Urlaub, wo das Smartphone Reiseführer, Stadtplan, Wettervorhersage und Restaurantfinder zugleich ist.

Auch beim Einkaufen wird das Handy zunehmend zur Stütze. Eine App und der Strichcode von Lebensmittelverpackungen genügen – Sekunden später zeigt das Programm an, wo es das Produkt zu kaufen gibt, wie viel Kalorien darin stecken und was es im günstigsten Fall kostet. Vor allem Elektrohändler haben die leidige Erfahrung gemacht, dass immer mehr Kunden zum Mobiltelefon greifen, um mit wenigen Klicks zu vergleichen, ob es das Wunschprodukt im Internet günstiger gibt.

Andere Märkte haben die Apps schon gehörig durcheinandergewirbelt. Beispiel SMS. Jahrelang mussten sich Nutzer kurzfassen. Doch nun könnte der 160-Zeichen-Dienst ein Auslaufmodell werden. Viele Smartphone-Nutzer scheinen inzwischen Mitteilungs-Apps wie WhatsApp für die bessere SMS zu halten. Mehr als zwei Milliarden Nachrichten werden täglich über den Dienst verschickt. Den deutschen Mobilfunkanbietern setzt das schwer zu. In den vergangenen fünf Jahren sind ihre SMS-Umsätze um 25 Prozent abgesackt, wie das Münchner Beratungsunternehmen Mücke Sturm errechnet hat.

Bei WhatsApp lassen sich Texte, Bilder und Videos kostenlos verschicken, die App kostet iPhone-Nutzer einmalig 79 Cent. Dafür erhält das Programm Zugriff auf das komplette Telefonbuch. Das ist für den Nutzer zwar bequem, aber umstritten. Datenschützer warnen, dass über Apps beständig persönliche Informationen abgegriffen werden könnten, aus denen sich theoretisch etwa Persönlichkeitsprofile oder zielgerichtete Werbung erstellen ließe. Die App-Nutzer teilen diese Sorge bislang kaum. Persönliche Daten preisgeben – das sind sie aus dem Internet längst gewohnt. Die meisten tun es bereitwillig.

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