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Interview

07.03.2013

„Am Schuh kann man eine Menge ablesen“

„Wir setzen auf die Verknüpfung von Online- und stationärem Handel.“Heinrich Deichmann

Heinrich Deichmann führt in dritter Generation das gleichnamige Familienunternehmen und sieht es auch im 100. Geschäftsjahr weiter auf Wachstumskurs. Der 50-Jährige ist überzeugt, dass die Kunden nicht nur online, sondern auch weiter in den Geschäften einkaufen

Auch im 100. Geschäftsjahr ist Deichmann „fit wie ein Turnschuh“ betont der Vorsitzende von Europas führendem Schuhhändler. 165 Millionen Paar verkaufte das Essener Familienunternehmen weltweit im vergangenen Jahr – etwa 5,7 Prozent mehr als 2011. Der Erfolg wird auch am Arbeitsmarkt sichtbar: 2013 will Deichmann in Deutschland zu den 14349 Mitarbeitern rund 400 neue einstellen. Wir sprachen mit Heinrich Deichmann über den Trend zum Onlineshopping, Produktionsstandards und ob der Schuh schon den Charakter des Menschen verrät.

Herr Deichmann, Sie feiern in diesem Jahr 100. Firmenjubiläum. Können Sie das Erfolgsgeheimnis lüften?

Deichmann: Das können Sie an unserer Geschichte sehen: Mit meinem Großvater hat 1913 alles begonnen. Schon er hatte damals das Bedürfnis, seinen Kunden preisgünstige und qualitativ hochwertige Schuhe anzubieten. Seine Kunden waren vor allem einfach Bergleute, aber auch Bekannte und Freunde, die alle verband, dass sie nicht viel Geld hatten, aber funktionstüchtige Schuhe brauchten. Er arbeitete ja als Schuhmacher im Arbeiterbezirk Essen-Borbeck. Damals wurde die Idee geboren, die im Kern noch heute gilt: Sehr gute Schuhe zu sehr günstigen Preisen anzubieten. Natürlich hat sich unser Konzept verändert und erweitert. Heute haben wir ein sehr breites und modisches Sortiment mit auch sehr angesehenen Marken wie Elefanten, 5th Avenue, Medicus oder Gallus. Das ist unsere Stärke. Und wir verkaufen in sehr modernen Läden, die wir regelmäßig modernisieren.

„Am Schuh kann man eine Menge ablesen“

Sie waren im Jahr 2000 der erste Schuhhändler, der mit einem Shop auch online ging. Heute wächst gerade der Internethandel. Wie sehen Sie die Entwicklung in Ihrer Branche? Nimmt der Trend noch stärker zu?

Deichmann: Ich denke schon, dass dieser Trend zunehmen wird. Wir wachsen auch im Internet stark – zwischen 40 und 60 Prozent. Und wir sind jetzt bereits in elf Ländern online. Wir setzen aber auf die Verknüpfung von Online- und stationärem Handel. Wir bieten unseren Kunden beides. Insgesamt jedoch dürfen Sie bei den starken Zuwachsraten im Internet nicht vergessen, dass ein Teil davon auch dadurch zustande kommt, dass der klassische Versandhandel zurückgegangen ist.

Wird es also langfristig noch Schuhgeschäfte in den Innenstädten geben?

Deichmann: Ja, da bin ich mir sicher. Man muss hier sicher zwischen einzelnen Branchen und Produkten differenzieren. Aber Schuhe sind keine Bücher und keine Reisen. Ich bin davon überzeugt, dass die Menschen nach wie vor gerne in Schuhgeschäfte gehen, die neuen Kollektionen anschauen, anfassen und vor allem anprobieren wollen. Das sind die Vorteile des stationären Handels.

Deutschland ist nach wie vor Ihr wichtigster Einzelmarkt. 42 Prozent des Gesamtumsatzes erwirtschaften Sie hier. Wo sehen Sie die stärksten Wachstumsmärkte für Ihre Branche?

Deichmann: Im Ausland sind es für den Einzelhandel insgesamt vor allem zwei Länder: die USA und die Türkei. Die Bevölkerung in beiden Ländern wächst und auch die wirtschaftliche Entwicklung ist positiv. In der Türkei haben wir bereits 80 Läden, in den USA 450.

Der Handel ist auch immer wieder starker Kritik aufgrund seiner Produktionsbedingungen ausgesetzt. Wo stellen Sie Ihre Schuhe her?

Deichmann: Da wir günstige Preise anbieten, sind wir darauf angewiesen, dass wir günstig einkaufen. Denn diesen Preisvorteil geben wir ja an unsere Kunden weiter. Als Marktführer in Europa können wir natürlich in riesigen Mengen einkaufen. Außerdem haben wir keinen Zwischenhandel mehr, was die Produktion noch einmal günstiger macht. Aber man muss, um diese Preise bieten zu können, dort herstellen lassen, wo die Arbeitskosten noch überschaubar sind. Gerade Schuhe sind ein sehr arbeitsintensives Produkt. Daher produzieren wir vor allem in China, wo rund 60 Prozent der weltweiten Schuhproduktion hergestellt werden, und in Vietnam.

Welche Standards halten Sie ein?

Deichmann: Die Einhaltung von sozialen und ökologischen Standards ist uns seit vielen Jahren wichtig. Daher haben wir den Code of Conduct erlassen, der sich wiederum an der internationalen Arbeitsorganisation ILO orientiert, einer Sonderorganisation der Vereinten Nationen. Damit werden soziale und ökologische Mindeststandards festgelegt, die in unseren Fabriken eingehalten und von unabhängigen Prüfinstitutionen überwacht werden. Das schafft eine gewisse Sicherheit.

Wir erleben aktuell eine Debatte um den Mindestlohn. Wie bezahlen Sie?

Deichmann: Als Unternehmen tangiert uns das Thema Mindestlohn überhaupt nicht. Denn wir zahlen über dem Tarif. Unsere Mitarbeiter erhalten ein Grundgehalt und zusätzlich eine Umsatzprovision sowie übertarifliche Leistungen. Minijobs haben wir abgeschafft und Leiharbeiter gibt es bei uns nicht.

Sie betonen gerne, dass Deichmann ein Familienunternehmen ist und bleiben will. Warum ist Ihnen das so wichtig?

Deichmann: Wir sehen eine ganze Reihe von Vorteilen: Wir sind frei, das zu tun, was wir in unserem Unternehmen langfristig für richtig halten. Wir müssen uns nicht dem Diktat der Börse, aber auch nicht dem von externen Geldgebern unterwerfen. Wir brauchen keine Banken zur Finanzierung, denn wir finanzieren uns selbst. So entscheiden wir über unsere Strategie und wie schnell und wo wir wachsen wollen, das ist ein unschätzbarer Vorteil. Als Familienunternehmen denken und handeln wir viel langfristiger als dies bei vielen börsennotierten Unternehmen der Fall ist. Denn wir denken nicht in Quartalen, sondern in Generationen. Das Schicksal des Unternehmens ist untrennbar mit unserem eigenen verbunden. Das kommt auch unseren Mitarbeitern zugute.

Sie sind Mitglied einer Freikirche und bekennender Christ. Inwieweit prägt das Ihre Unternehmensführung?

Deichmann: Ja, wir versuchen schon, unseren christlichen Glauben auch als Unternehmer zu leben. Dies drückt sich bereits in unserem Unternehmensleitbild aus, wonach das Unternehmen dem Menschen dienen muss. Natürlich brauchen wir Umsatz, Umsatzwachstum und Gewinne, um das Unternehmen gesund zu erhalten und investieren zu können. Aber diese Finanzziele sind nicht per se Ziele des Unternehmens, es müssen Menschen profitieren. In erster Linie wollen wir natürlich unseren Kunden aktuelle Schuhmode zu günstigen Preisen verkaufen. Aber das gilt vor allem auch für unsere Mitarbeiter. Neben ihrer Leistung sollen sie sich als Mensch ernst genommen fühlen. Diese Wertschätzung hat auch eine finanzielle Komponente: Wir haben eine Reihe von zusätzlichen Sozialleistungen wie eine Unterstützungskasse, eine Betriebsrente, Gesundheitsurlaube, aber auch viele Feste. Wir wollen trotz der Größe so etwas wie eine sehr große Familie bleiben. Außerdem helfen wir seit jeher den Ärmsten der Armen, indem wir in Deutschland, aber auch in Ländern wie Indien, Afrika oder Osteuropa karitative Hilfswerke betreiben und unterstützen.

Es gibt einen Spruch, demnach ist der Charakter eines Menschen schon an seinen Schuhen zu erkennen. Ist Ihrer Meinung nach an diesem Spruch etwas dran? Sie schauen sicher bei einem Menschen zuerst auf die Schuhe, oder?

Deichmann: Ich habe immer zwei Blickrichtungen: Ich schaue zuerst ins Gesicht, dann auf die Schuhe. So weit, dass man den Charakter in all seinen Tiefen an den Schuhen erfassen kann, so weit würde ich nicht gehen. Was man aber schon sehen kann, ist, mit welchem Typ ich es zu tun habe: Ist es ein modischer, extrovertierter Mensch oder eher jemand, der auf äußere Attribute weniger Wert legt und andere Interessen hat. Ja, man kann an den Schuhen schon eine ganze Menge ablesen.

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