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Interview

01.08.2020

Arbeitgeber-Chef Brossardt: 30.000 Stellen in Bayerns Industrie auf der Kippe

Es läuft nicht mehr rund in der bayerischen Elektro- und Metallindustrie: Viele tausend Arbeitsplätze stehen auf der Kippe. Doch es gibt auch einige Lichtblicke.
Bild: Inja Kjer, dpa (Symbolbild)

Plus Bayerns Arbeitgeber-Chef Brossardt warnt vor massiven Verwerfungen in der Metall- und Elektroindustrie. Doch er sieht auch Chancen.

Herr Brossardt, Deutschland erlebt in der Corona-Krise einen massiven Konjunktureinbruch, der Arbeitsmarkt hält sich dagegen recht stabil. Was kommt da im Herbst auf uns zu?

Bertram Brossardt: Es ist toll, dass wir im Juli in Bayern weiter weniger als vier Prozent Arbeitslose haben. Zudem gibt es mehr Stellenangebote als vor drei Monaten. Es kehrt also Leben auf den Arbeitsmarkt zurück und wir sehen eine Bodenbildung. Das ist die gute Nachricht. Allerdings erwarten wir im Herbst für die Metall- und Elektroindustrie eine deutliche Verschärfung der Situation. Wir gehen bis Jahresende von 30.000 weniger Beschäftigten in der Metall- und Elektroindustrie in Bayern aus – und das ist sehr vorsichtig geschätzt. Der Rückgang der Arbeitsplätze liegt aber nicht nur an Corona...

Was spielt noch eine Rolle?

Brossardt: Die Corona-Krise fällt zusammen mit einem Strukturwandel in der Autoindustrie. Das ist heftig für Bayern. Zum Jahreswechsel lagen wir bei 870.000 Beschäftigten in der Metall- und Elektroindustrie in Bayern, derzeit sind es noch 866.000 Beschäftigte, bis zum Jahresende fallen wohl nochmals die genannten 30.000 Stellen weg.

Sehen Sie die Gefahr einer Pleitewelle?

Brossardt: Die Gefahr zunehmender Insolvenzen besteht, wenn die Politik nicht vorher aktiv wird. In den letzten Jahren hatten wir im Boom fast keine Insolvenzen gesehen, von diesem niedrigen Niveau aus wird die Zahl ein Stück nach oben springen. Ich will keine Unruhe schaffen, aber das zweite Halbjahr wird schwierig.

 

Was erwarten Sie von der Politik, um eine Insolvenzwelle zu verhindern?

Brossardt: Wir haben drei Forderungen. Nötig ist erstens eine Verlängerung der Kurzarbeiter-Sonderregeln bis Ende 2021. Das würde viele Unternehmen stabilisieren. Zweitens hilft es den Unternehmen, dass sie nicht innerhalb von drei Wochen Insolvenz anmelden müssen, wenn sie coronabedingte Zahlungsprobleme haben. Diese Aussetzung der dreiwöchigen Insolvenzanmeldepflicht muss bis Ende Januar 2021 verlängert werden. Sonst läuft die Sonderregel am 30. September aus. Und drittens brauchen wir Mittel, um das Eigenkapital von Unternehmen zu stärken. Der Bund hilft mit dem Wirtschaftsstabilisierungsfonds nur Betrieben ab 250 Beschäftigten mit Eigenkapital. Es ist deshalb wichtig, dass der Bayernfonds schnell auf den Weg kommt, der auch für Mittelständler unter 250 Mitarbeiten gedacht ist. Über den Fonds kann sich der Freistaat an Unternehmen beteiligen, die durch Corona in Schieflage gekommen sind.

Was würde denn mit der Wirtschaft passieren, wenn das längere Kurzarbeitergeld nicht käme?

Brossardt: Ohne Maßnahmen wie die Verlängerung des Kurzarbeitergeldes würde es wohl mehr Insolvenzen geben, weil die Unternehmen nicht mehr durchhalten. Wir haben aber eine starke bayerische Staatsregierung und einen starken Ministerpräsidenten. Markus Söder wird das im Bund durchsetzen!

Sie scheinen ein Söder-Fan zu sein. Wäre er denn ein guter Kanzler-Kandidat?

Brossardt: Dazu kann ich mich leider nicht äußern, das verstehen Sie sicherlich.

In Augsburg sind derzeit bei Firmen wie MAN Energy Solutions und Premium Aerotec tausende Jobs bedroht. Muss einem da nicht angst und bange werden?

Brossardt: Die Wirtschaft erlebt harte Anpassungen, gerade die Metall- und Elektroindustrie. Wir werden nicht jeden Beschäftigten halten können. Wichtig ist es aber, Strukturen zu erhalten, wenn sie überlebensfähig sind.

Welchen Betrieben sollte der Freistaat denn beispringen?

Brossardt: Es gibt Unternehmen mit Kompetenzen, die für die wirtschaftliche Zukunft des Freistaats wichtig sind. Diese dürfen nicht verloren gehen. Eine Kernkompetenz ist die Luft- und Raumfahrt. Ich gehe davon aus, dass die Luft- und Raumfahrtindustrie bis 2023 oder 2024 mit Problemen kämpfen wird, aber langfristig stabil bleibt. Insgesamt sollte der Freistaat gefährdeten Schlüsselunternehmen beispringen. Kernkompetenzen gibt es auch in der Elektrotechnik, die stark unter dem niedrigen Export leidet. Hier gehe ich aber davon aus, dass der Einbruch von kürzerer Dauer ist.

Wie fatal wäre eine zweite Virus-Welle für die Wirtschaft?

Brossardt: Einen zweiten Shutdown können wir uns nicht leisten. Die Automobilbetriebe beispielsweise erholen sich gerade wieder, man muss alles tun, dass es dort keine neuen coronabedingten Ausfälle gibt. Jeder, der aus einem vom Robert-Koch-Institut als Risikoland eingestuften Gebiet einreist, sollte deshalb auf Corona getestet werden. Derzeit muss man nicht in Quarantäne, wenn man aus einem der Risikoländer mit einem höchstens 48 Stunden alten negativen Corona-Test einreist. Mit unserem Konzept würde man in Deutschland nochmals getestet werden. Das erhöht die Sicherheit. Außer der Bayerischen Staatsregierung wollte leider im Bundesgebiet anfangs niemand unsere Forderung nach verpflichtenden Tests hören.

In der Bevölkerung scheint die Vorsicht derzeit nachzulassen...

Brossardt: Wir müssen wieder außerhalb aller Regeln ein stärkeres Bewusstsein entwickeln, dass wir uns gegenseitig vor dem Virus schützen. Ich bin ein Familienmensch und reise gerne zu meinen Verwandten. Die Hälfte meiner Familie wohnt in Straßburg. Durch Corona habe ich sie seit einem halben Jahr nicht gesehen. Virustests sind die Lösung: Sie bringen Sicherheit und könnten unsere Bewegungsfreiheit erhalten.

Hat der Bund für die Autoindustrie genug getan? Die Kaufprämie gibt es ja nur für Elektroautos...

Brossardt: Besser als eine Kaufprämie für eine Antriebsart wäre eine Auto-Prämie, die an einen geringeren CO2-Ausstoß gekoppelt ist. Wir sind für Technologieoffenheit statt für die Förderung einer Antriebsart. Dann würden optimierte Verbrenner gefördert, die weniger CO2 ausstoßen, genauso wie Hybridautos oder E-Autos. Damit wäre dem Klimaschutz und der Industrie gleichermaßen geholfen. Bayerns Autobauer sollen ja weltweit erfolgreich sein! Und global sind verschiedene Antriebsarten gefragt. In den USA mit den dortigen großen Distanzen haben Hybridautos Vorteile, die Verbrenner und E-Motor kombinieren, China setzt auf das E-Auto, in Korea könnte sich der Wasserstoff-Antrieb durchsetzen. Bayerns Unternehmen müssen alle diese Märkte bedienen können.

Gilt Wasserstoff nicht als Antrieb der Zukunft?

Brossardt: Das Thema „Wasserstoff“ ist in aller Munde und kommt massiv. Die Frage ist nur: wann? Hier bin ich vorsichtig. Zum Beispiel war bereits in den 90er Jahren ein Wasserstoff-Bus in München im Einsatz. Damals wurde prognostiziert, dass im Jahr 2010 wasserstoffbetriebene Fahrzeuge über unsere Straßen rollen. Das ist nicht eingetreten. Ich denke, die Wasserstoff-Technologie braucht noch einen Sprung. Schade finde ich, dass das Thema künstlicher, klimafreundlich erzeugter Treibstoffe – sogenannter E-Fuels – in Deutschland und in der EU kaum anerkannt wird.

 

In der Metallindustrie stehen Tarifgespräche an. Was erwarten Sie in der Corona-Krise jetzt von der IG Metall?

Brossardt: Wir erwarten Verantwortung für Bayern und die Beschäftigten. Das hat die IG Metall mit ihrer Zustimmung zu dem kurzfristigen Krisenpaket im Frühjahr bewiesen. So haben wir Beschäftigung gesichert. Jetzt steht die Frage an, wie es weitergeht. Wir setzen darauf, dass die IG Metall einem Krisenabschluss zustimmt, wenn die konjunkturelle Lage so kritisch bleibt. Derzeit sind unsere Unternehmen zu 67 Prozent ausgelastet. Das treibt die Lohnstückkosten in die Höhe. Nötig ist eine Kapazitätsauslastung von 85 Prozent, damit ein Unternehmer über die Runden kommt. Orientiert man sich am Produktivitätsfortschritt, käme man in der derzeitigen Krise auf kein Lohn-Plus, sondern auf ein Minus.

Bertram Brossardt ist Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw).
Bild: Michael Hochgemuth (Archiv)

Deutschland steigt aus der Kohle aus, bis 2022 werden die Atomkraftwerke abgeschaltet. Machen Sie sich Sorgen um die Stromversorgung?

Brossardt: Bayerns Unternehmer haben neben den hohen Lohnkosten auch hohe Energiekosten zu bewältigen. Beides senkt die Wettbewerbsfähigkeit. Der Kostenblock Energie darf nicht weiter steigen! Sonst verabschieden sich Teile unserer Industrie aus Bayern. Die Absenkung der Ökostrom-Umlage war ein erster, guter Schritt. Um den Strompreis in den Griff zu bekommen, brauchen wir aber bald die Stromtrassen von Nord nach Süd, die Windstrom von der Küste in den Süden transportieren. Die Trassen müssen jetzt gebaut werden. Sonst bekommen wir zwei Strompreiszonen in Deutschland. Den Effekt sieht man in Österreich, wo der Strompreis zuletzt massiv gestiegen ist.

Zur Person: Bertram Brossardt, 60, verheiratet, zwei Kinder, ist Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw).

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