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Arbeitsmarkt

06.08.2020

Arbeitslosigkeit in Bayern "historisch" gestiegen - Erholung in Sicht

Noch haben in Bayern vergleichsweise wenige Menschen ihre Arbeit verloren. Die Instrumente der Politik zeigen ihre Wirkung.
Bild: Julian Stratenschulte, dpa

Plus Mehr als 140.000 Menschen haben seit März ihren Job verloren. Ohne Kurzarbeit, sagt der Chef der Bundesagentur-Regionaldirektion, wäre die Situation noch schlimmer.

Mit einem Ausflug ins Gebirge hat die Lage am Arbeitsmarkt gerade noch weniger gemein als sonst. Dennoch ist das Bild, das Ralf Holtzwart gewählt hat, ziemlich treffend. Der Chef der Bundesagentur-Regionaldirektion Bayern antwortete auf die Frage, wie es perspektivisch mit dem Coronavirus und den Jobs in Bayern weitergeht: "Das ist wie in die Alpen fahren. Im Moment sind wir über den ersten Berg. Wenn es das noch nicht war, sind die höchsten Gipfel noch lange nicht überschritten."

Arbeitslosigkeit seit März "in historischem Ausmaß" gestiegen

In Zahlen heißt das: Ab Mitte März ist die Arbeitslosigkeit "in historischem Ausmaß" gestiegen. 141 289 Menschen haben seither ihre Beschäftigung verloren. Die meisten von ihnen kommen aus dem Handel. Es folgen Angestellte aus dem sogenannten verarbeitenden Gewerbe, der Gastronomie, dann die Zeitarbeiter. Dass dieses Steilstück überwunden ist, zeigt sich laut Holtzwart darin: Die Arbeitslosigkeit steigt nicht mehr dem Maße wie zu Beginn der Pandemie. Insgesamt sind derzeit 295.665 Menschen in Bayern arbeitslos gemeldet. Damit stieg die Arbeitslosenquote in Bayern von Juni auf Juli "nur noch leicht" um 0,6 Prozent auf insgesamt 3,9 Prozent. Während sie in Niederbayern und Oberfranken zuletzt sogar sank, war ihr Anstieg in Oberbayern insgesamt am höchsten.

Wie heftig die Werte im Vergleich zu den vergangenen fetten Jahren sind, erschließt sich nicht ohne die Dimension der Kurzarbeit. Sie sei, so betonte es Holtzwart erneut, ein Instrument, das dem sozialen Frieden "unglaublich" diene. Warum, zeigen erneut die Zahlen. Um es mal umzudrehen: Vor der Krise kümmerten sich bei der Regionaldirektion Bayern etwa 100 Kollegen darum. In der Spitze mussten sich 1500 Mitarbeiter der Bundesagentur um die Kurzarbeits-Angelegenheiten annehmen. Bisher wurden in Bayern während der Corona-Krise rund 2,3 Milliarden Euro für Kurzarbeit ausgezahlt. Seit Anfang Mai werden wöchentlich im Schnitt 160,1 Millionen Euro auf die Konten überwiesen. Wie viele Menschen tatsächlich in Kurzarbeit waren, kann immer erst zeitverzögert festgestellt werden. Aber im Lockdown, im März und April, haben in Bayern 1.636.102 kurzgearbeitet. Heißt: Für 89 Prozent der Beschäftigten, für die Kurzarbeit angezeigt worden war, wurde auch tatsächlich Kurzarbeitergeld abgerechnet. Im Juli gebe es nun 2271 Anzeigen für 37.724 Personen. Auch wenn sich die Lage hier also zunächst entspannt hat, warnt Holtzwart davor, zu denken, das sei doch alles "nicht so tragisch". Die Botschaft lautet erneut: Ohne Kurzarbeit sähe die Arbeitslosenquote ganz anders aus.

Automobilindustrie befindet sich mitten in der Transformation

Zugleich, schon ohne Covid-19, befinde sich die bayerische Wirtschaft und nicht zuletzt die in Bayern stark vertretene Automobilindustrie – alternative Antriebe, Digitalisierung – mitten in der Transformation. Der Wandel werde durch Corona noch beschleunigt. Holtzwart sorgt: "Vielen Firmen fehlt wegen der Krise die Substanz, um den Transformationsprozess weiter finanzieren zu können." Man wisse bei der Regionaldirektion nicht, wie viele Unternehmen tatsächlich in Schieflage seien. In der internen Planung gehe man von etwa 6000 Insolvenzen aus, also etwa dreimal so viele wie im vergleichbaren Vorjahreszeitraum. "Ob das reicht", schiebt der Agentur-Chef nach, "können wir im September sagen." Zur Diskussion über ein Ende der Kurzarbeit sagt Holtzwart, dass es "sehr schwierig" sei, hier eine Entwicklung vorherzusagen. Irgendwann werde man bei fraglichen Betrieben schauen müssen und fragen, ob sie vor der Krise schwarze oder rote Zahlen geschrieben hätten. "Kurzarbeit ist die Brücke über einen Graben. Es hilft aber nichts, wenn diese Brücke ins Nichts führt." Es sollten jene Unternehmen unterstützt werden, die zukunftsweisende Geschäftsmodelle verfolgten.

Die Rücklagen der Bundesagentur betrugen vor der Kurzarbeit 23 Milliarden Euro. Sollte das nicht reichen, will der Bund weitere Mittel zur Verfügung stellen.

Ob das Geld reicht, hängt auch daran, ob Missbrauch mit dem Kriseninstrument getrieben wird. Bundesweit gibt es laut Holtzwart derzeit 1000 ernsthafte Hinweise auf Missbrauch. 114 davon seien bereits an das Hauptzollamt, acht an die Staatsanwaltschaft gegeben worden. Die Agentur für Arbeit bekomme viele anonyme Hinweise. Auch aus den Unternehmen heraus. "Wenn etwas auffällt, gehen wir dem nach." Zur Kontrolle gebe es eigene Teams. Holtzwart: "Wir werden das sehr sorgfältig prüfen."

30 Prozent der bayerischen Betriebe sind derzeit in Kurzarbeit

Zur Analyse des Auf und Ab am Arbeitsmarkt gehört auch stets der Fachkräftemangel. Ein Problem, das Corona überdauert. 30 Prozent der bayerischen Betriebe sind derzeit in Kurzarbeit. Heißt umgekehrt: 70 Prozent laufen laut Holtzwart "mit Vollgas" und die brauchen sehr oft Fachkräfte. Nach wie vor eine "große Herausforderung". Holtzwart: "Wir müssen uns auch um die unversorgten Arbeitgeber kümmern." Nach dem Lockdown hätten zwar auch rund 95.000 Personen aus der Arbeitslosigkeit herausgefunden, entweder über einen Job oder den Start als Selbstständiger. Aber die Lücke auf dem Ausbildungsmarkt verschärft sich nach wie vor. 18.835 Bewerber, die noch keinen Ausbildungsplatz haben, können aus über 38.000 unbesetzten Lehrstellen wählen. Jeder Bewerber könne aus zwei Stellen wählen. Holtzwart appelliert deshalb, auf jeden Fall aktiv zu werden. "Die Ausbildungsbereitschaft ist ungebrochen. Und die Unternehmen wollen die jungen Leute halten, damit sie nach der Krise als Fachkräfte zur Verfügung stehen."

Weitere Berge müssen bestiegen werden.

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