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Abgas-Affäre

19.06.2018

Audi-Chef in U-Haft: Der tiefe Fall des Rupert Stadler

Über Jahre extrem erfolgreich, seit Bekanntwerden des Diesel-Skandals extrem unter Druck, seit vergangener Woche offiziell beschuldigt und seit Montag in Untersuchungshaft: Audi-Chef Rupert Stadler.
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Über Jahre extrem erfolgreich, seit Bekanntwerden des Diesel-Skandals extrem unter Druck, seit vergangener Woche offiziell beschuldigt und seit Montag in Untersuchungshaft: Audi-Chef Rupert Stadler.
Bild: Christof Stache, afp

Vergangene Woche durchsuchten Ermittler das Haus des Audi-Chefs. Nun kamen sie wieder – und nahmen Stadler mit. Der Top-Manager sitzt jetzt in Untersuchungshaft.

Im Audi Museum Mobile zeigt eine Ausstellung gerade, welche Bedeutung der Audi 100 für den Konzern hat. Vor 50 Jahren kam er auf den Markt, wurde vielfach ausgezeichnet und 3,2 Millionen Mal verkauft. Die gerade von VW übernommene Auto Union GmbH schaffte mit dem Modell den Aufstieg in die gehobene Mittelklasse. Eine Erfolgsgeschichte.

Im Museum Mobile kommen kurz vor 13 Uhr am Montag die Audi-Führungskräfte zusammen. Es geht dabei um ihren Chef Rupert Stadler. Seit elf Jahren steht der 55-Jährige an der Spitze der VW-Tochter. In diesen Jahren konnte Audi immer wieder immer bessere Zahlen vermelden. Das Unternehmen steht längst nicht mehr nur für gehobene Mittelklasse, sondern ist – dem Selbstverständnis nach – ein Premium-Hersteller. Die Konkurrenten heißen BMW und Daimler. Eine Erfolgsgeschichte. Eigentlich.

Rupert Stadler sitzt in der JVA Augsburg-Gablingen in U-Haft

Der 18. Juni 2018 wird auch in die Unternehmensgeschichte eingehen. Denn Audi-Personalvorstand Wendelin Göbel teilt den ins Museum bestellten Managern offiziell mit, was ohnehin schon alle wissen: Seit dem Vormittag sitzt ihr Chef Rupert Stadler in Untersuchungshaft in der JVA Augsburg-Gablingen. Dort wartet er auf seine erste Vernehmung. Zum ersten Mal überhaupt muss ein Vorstandschef der Audi AG in U-Haft. Eingeholt von dem, was sie bei Audi lange nur die „Diesel-Thematik“ nannten.

Erst vergangene Woche war bekannt geworden, dass die Staatsanwaltschaft München Stadler in ihren Ermittlungen zu einem der größten deutschen Industrie-Skandale auch als Beschuldigten führt. Vor sieben Tagen durchsuchten sie Stadlers Privathaus im Ingolstädter Westviertel. Am Montag kamen Ermittler zwischen 6 und 7 Uhr wieder vorbei. Diesmal nahmen sie nicht Beweismittel, sondern Stadler selbst mit. Verhaftet. Der Grund: Verdunkelungsgefahr. Anhaltspunkte dafür hätten sich „im weitesten Sinne aus seinem Verhalten“ ergeben, wie ein Sprecher der Ermittlungsbehörde auf Anfrage sagte. Es habe Anhaltspunkte dafür gegeben, dass der Audi-Chef möglicherweise Zeugen habe beeinflussen wollen.

Kurz vor elf vermeldet die Staatsanwaltschaft in einer kurzen Mitteilung, dass die Ermittlungsrichterin U-Haft angeordnet habe. Bislang habe sich Stadler nicht zu den Vorwürfen geäußert. Allerdings hat er laut Staatsanwaltschaft signalisiert, nach einer Besprechung mit seinem Verteidiger Stellung nehmen zu wollen. Sollte das der Fall sein, könnte möglicherweise bereits am Mittwoch mit den Vernehmungen begonnen werden, heißt es. Wenn sich im Zuge der Befragung herausstellen sollte, so der Behördensprecher weiter, dass die U-Haft nicht mehr angebracht sei, könne Stadler möglicherweise nächste Woche auch wieder freikommen.

Audi-Sprecher: "Für Herrn Stadler gilt weiterhin die Unschuldsvermutung"

Ein Audi-Unternehmenssprecher bestätigte am Montag Stadlers Festnahme und teilte auf Anfrage mit: „Darüber hinaus können wir uns vor dem Hintergrund der laufenden Ermittlungen inhaltlich nicht äußern. Für Herrn Stadler gilt weiterhin die Unschuldsvermutung.“

Am Mittag werden die Führungskräfte von Audi zusammengerufen und auf den Sachstand gebracht. Seit dem Morgen sitzt Audi-Chef Rupert Stadler in U-Haft.
Bild: Stefan Küpper

Ob das auch die Manager denken, die am Mittag vor dem Museum Mobile auf Einlass warten? Es gibt mehrere Möglichkeiten, gar nichts zu sagen. Die nachdrücklichste davon ist ein offensives „Kein Kommentar“, bevor überhaupt die erste Frage gestellt ist.

Diese Variante der Nicht-Kommunikation war am Montag auf mannigfaltige Weise auf der Audi-Piazza vor dem Museum und dem nahen Vorstandsgebäude zu besichtigen. Auch nach der rund fünf Minuten dauernden Info-Veranstaltung des Personalvorstandes drang nichts nach außen. Keine Antwort auf die Frage, ob man aus der Untersuchungshaft heraus einen Konzern lenken kann.

Bram Schot soll vorläufig bei Audi übernehmen

Die gab es etwas später: Denn nachdem in Ingolstadt die Führungskräfte auf den Sachstand gebracht worden waren, tagte in Wolfsburg regulär der VW-Aufsichtsrat, an dem auch Stadler hätte teilnehmen sollen. Mutmaßlich mit kurzfristig aktualisierter Tagesordnung. Denn wenig später wurde dann bekannt, dass der derzeitige Audi-Vertriebsvorstand Abraham („Bram“) Schot bei dem Autobauer vorläufig den Chefposten übernehmen soll. Am Dienstagmittag stimmte der Audi-Aufsichtsrat der Personalie dann formal zu.

Ferdinand Dudenhöffer hatte Stadlers Festnahme zuvor mit den Worten kommentiert: „So geht es nicht weiter. Es braucht einen personellen Neuanfang bei Audi.“ Wenn sich Volkswagen-Großaktionär Wolfgang Porsche die Hand nicht verbrennen wolle, könne er die Hand nicht länger über Stadler halten. Dudenhöffer von der Universität Duisburg-Essen forderte die Mitglieder des Audi-Aufsichtsrates auf, nun eine Entscheidung für die Zukunft des Unternehmens zu treffen.

Experten fordern Neuanfang bei Audi

Auto-Experte Stefan Bratzel von der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch Gladbach betonte auf Anfrage, dass für den Noch-Audi-Chef die Unschuldsvermutung gelte. „Wenn aber etwas an den Vorwürfen dran ist, ist Stadler nicht mehr haltbar.“ Auf alle Fälle sei die Tätigkeit als Audi-Chef „kein einfacher Job“. Schließlich werde die Diesel-Krise noch länger andauern.

Bratzel hat Stadler als einen Menschen kennengelernt, „der sehr angenehm im Umgang ist, der keine Allüren hat und mit dem man ganz normal sprechen kann“. Doch betrügerisches Verhalten gehe nun mal gar nicht, sagte der Auto-Experte entschieden. Und er fügte hinzu: „Wahrscheinlich wird ein neuer Audi-Chef gebraucht.“

Der renommierte deutsche Auto-Experte Jürgen Pieper warnt vor einer Unsicherheit und einem Vakuum bei Audi, wenn sich der Autohersteller nicht von Unternehmens-Chef Stadler trennt. Der Branchenkenner vom Frankfurter Bankhaus Metzler erklärt: „Es gab wohl lange keine klare personelle Alternative zu Stadler, sonst würde er sich nicht so lange während der Diesel-Krise im Amt halten.“ Zudem sei der Abgas-Skandal für Audi noch lange nicht ausgestanden. Pieper sagt: „Immer neue Meldungen über Software-Manipulationen und Rückrufe sorgen für eine Eskalation der Lage in Ingolstadt.“

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