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Interview

06.03.2019

Ausbildungsexpertin: "Wir sind sehr auf Flüchtlinge angewiesen"

Josefine Steiger setzt sich seit Jahren für junge Flüchtlinge ein, die eine Ausbildung machen wollen. Sie leitet das IHK-Projekt "Junge Flüchtlinge in Ausbildung". V
Bild: Ulrich Wagner

Josefine Steiger von der IHK kämpft jeden Tag, damit mehr Asylbewerber eine Ausbildung machen können. Die meisten der Flüchtlinge seien extrem verzweifelt.

Frau Steiger, Bayerns Innenminister Joachim Herrmann will gut integrierten Flüchtlingen den Zugang in Ausbildung und Arbeit erleichtern. Als Ausbildungsexpertin der IHK Schwaben müsste Sie das freuen, oder?

Josefine Steiger: Grundsätzlich freue ich mich sehr über die Ankündigung. Das kann ich auch im Namen der IHK Schwaben sagen. Entscheidend ist aber jetzt, wie diese Ankündigung umgesetzt wird. Führt sie wirklich zu einer Öffnung in den Ausbildungs- und Arbeitsmarkt wäre das ein Geschenk für unsere Betriebe und für unsere engagierten jungen Flüchtlinge.

Was befürchten Sie?

Steiger: Jeden Tag kommen zu mir junge Flüchtlinge und fragen mich: Frau Steiger, warum muss ich gehen? Ich habe doch alles getan, was von mir verlangt wurde. Warum darf ich keine Ausbildung machen? Sie können sich die große Verzweiflung dieser jungen Menschen gar nicht vorstellen. So viele Flüchtlinge müssen gehen, obwohl sie gut integriert sind. Und daher habe ich große Sorge, wie diese Ankündigung jetzt wirklich umgesetzt wird.

Wo sehen Sie konkret Probleme?

Steiger: Die größte Sorge mache ich mir um unsere Flüchtlinge, die hier nur geduldet sind. Deren Asylverfahren also abgelehnt wurde, weil ihre Fluchtgründe nicht anerkannt wurden. Viele von ihnen sind schon seit 2014, 2015 bei uns, sind sehr gut integriert, doch sie müssen täglich fürchten, dass sie am nächsten Tag in einem Flieger sitzen und abgeschoben werden. Die meisten von ihnen sind aus Afghanistan und sie machen auch den Großteil unserer Flüchtlinge hier in Schwaben aus. Von ihnen schreibt Minister Herrmann leider gar nichts.

Dafür schreibt Minister Herrmann, dass überdurchschnittliche Schulleistungen bei Flüchtlingen verstärkt gewürdigt werden sollen. Ist da nicht die Frage, was das heißt? Nur Einser?

Steiger: Doch, da haben Sie recht. Was keinesfalls passieren darf, dass hier nur ein qualifizierter Mittelschulabschluss oder gar ein Realschulabschluss gilt. Denn gut integriert ist für mich ein junger Mensch, der in kurzer Zeit so gut Deutsch gelernt hat, dass er eine Ausbildung machen kann. Und davon gibt es viele.

Es gilt doch seit langem die sogenannte 3+2-Regel, die besagt, dass Menschen, die eine Ausbildung machen, in diesem Zeitraum (drei Jahre) und zwei Jahre danach vor Abschiebung geschützt sind. Funktioniert das nicht?

Steiger: Es werden zu wenige echte Ausbildungsduldungen ausgesprochen. Oft gilt die Duldung nur für einen kurzen Zeitraum von ein paar Monaten oder einem Jahr, das macht es für die Ausbildungsbetriebe und die Jugendlichen so schwer. Die 3+2-Regel wird nur vereinzelt gelebt.

Minister Herrmann will nun auch nicht mehr Pässe als alleinigen Nachweis für die Identität gelten lassen, sondern auch andere behördliche Dokumente, „sofern sie zum Nachweis der Identität taugen“.

Steiger: Das ist ein überfälliger Schritt, über den ich mich sehr freue. Denn oft ist es den Flüchtlingen wirklich nicht möglich, einen Pass vorzulegen. Ich finde, wenn jemand alles versucht und mitwirkt bei der Klärung seiner Identität, ist das auch ein Zeichen des Integrationswillens.

Der Präsident des Städte- und Gemeindebundes, Uwe Brandl, fordert ein Umdenken bei Maßnahmen zur Integration und behauptet, ein Großteil der Zugewanderten hat an unseren Angeboten kein Interesse. Sie haben offensichtlich ganz andere Erfahrungen gemacht und werden dazu auch vom heute-journal in dieser Woche noch befragt.

Steiger: Ja, ich mache täglich die Erfahrung, dass die überwiegende Mehrheit der Flüchtlinge, die bei uns lebt, hoch motiviert ist und lernen will. Viele von ihnen haben aber große Angst, abgeschoben zu werden. Und mit Angst lernt es sich schlechter. Was Herr Brandl beschreibt, sind meiner Meinung nach wirklich nur Einzelfälle. Die gibt es. Aber es ist eine verschwindende Minderheit. Das können viele unserer Betriebe bestätigen.

Viele Betriebe in Schwaben haben mit Flüchtlingen gerade als Lehrlingen sehr gute Erfahrungen gemacht. Jetzt sollen mehr eine Chance erhalten.
Bild: Sven Hoppe, dpa

Viele Ihrer Betriebe suchen händeringend Nachwuchs. Wie angewiesen sind sie auf Flüchtlinge?

Steiger: Wir sind sehr auf Flüchtlinge angewiesen. Etwa 2000 Ausbildungsplätze sind unbesetzt. Bei circa 500 davon gaben Betriebe ausdrücklich an, bevorzugt Flüchtlinge zu nehmen. Wir wissen nicht mehr, welche Zielgruppen wir noch ansprechen sollen. Aber unsere Erfahrungen widerlegen auch die Aussagen von Herrn Brandl: Wir haben in Schwaben in unseren IHK-Betrieben über 2000 Flüchtlinge in Ausbildung. Zehn Prozent unserer Auszubildenden haben einen Fluchthintergrund. Knapp 200 Flüchtlinge haben ihre Prüfung gemacht, 80 Prozent davon haben bestanden und 90 Prozent sind übernommen worden.

Minister Herrmann erklärt, dass es sich künftig auch positiv auswirken soll, wenn ein Flüchtling eine Beschäftigung oder eine Ausbildung in einem Beruf mit besonderem Fachkräftemangel aufnehmen will. Ein guter Schritt?

Steiger: Der Minister hat da sicher vor allem den Pflegebereich im Blick. Aber auch bei uns gibt es Branchen, die sich besonders harttun, Auszubildende zu finden. Die Logistik etwa. Auch Gaststätten, Hotels, der Handel. Viele Betriebe in diesen Bereichen bilden längst Flüchtlinge aus und haben sehr gute Erfahrungen gemacht.

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