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Kempten

27.01.2019

Auto-Veredler Abt Sportsline sorgt international für Furore

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Die zwei Gesichter der Abt Sportsline GmbH: Firmenchef Hans-Jürgen Abt vor einem veredelten Straßenfahrzeug...
Bild: Ralf Lienert

Plus Abt Sportsline aus Kempten ist der weltweit führende Veredler von Fahrzeugen aus dem VW-Konzern. Der firmeneigene Rennstall sorgt international für Furore.

Am Rennsport kommt am Firmensitz von Abt Sportsline niemand vorbei. Das markante Gebäude am Kemptener Stadtrand, dessen Fassade an zwei Seiten an Kolben und Zylinder eines Automotors erinnern soll, steckt voller Relikte von den Rennstrecken dieser Welt: Helme, Handschuhe, Overalls. Motorräder von gestern, Flitzer von heute – und dazwischen weit über 100 Pokale. Spätestens jetzt wird auch dem ahnungslosen Besucher klar: Pferdestärken sind das Lebenselixier dieser Unternehmerfamilie.

Was 1950 als Hobby des Auto- und Motorradhändlers Johann Abt auf einer Grasbahn in Kempten begann, hat sich längst zum millionenschweren Business entwickelt. 40 Mann stark ist das Abt-Renn-Team, das im Schulterschluss mit Audi regelmäßig vordere Plätze bei der Deutschen Tourenwagen Masters (DTM) sowie der internationalen Formel E einfährt. Von null auf 100 in weniger als drei Sekunden, 230 Stundenkilometer schnell – mit diesen Werten warten die Strom-Rennwagen des Jahres 2019 auf. Mit Daniel Abt, 26, sorgt die jüngste Generation der Familie immer wieder für Podestplätze. Das Team „ Audi Sport Abt Schaeffler“ stellte 2017 den Weltmeister und gewann 2018 die Teamwertung.

Abt Sportsline veredelt VW-Fahrzeuge

Das eigentliche Spielfeld des Unternehmens ist aber die stinknormale Straße. Abt Sportsline ist weltweit der führende Veredler von Fahrzeugen aus dem VW-Konzern, egal ob Audi, Cupra oder Lamborghini. Stärkere Motoren, verbreiterte Karosserien, optimierte Einspritzanlagen, Prunkfelgen, Rennsitze oder pfiffige Sonderlackierungen: Wer für gehobene Fahrzeuge noch das Sahnehäubchen sucht, ist bei den Allgäuern richtig.

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Wobei eines seit jeher klar ist: Erfolge auf der Rennstrecke und die damit verbundene Medienpräsenz beflügeln das Geschäft. „Win on sunday, sell on monday“ (Gewinne am Sonntag, verkaufe am Montag), lautet eine Binsenweisheit der Branche. Für Firmenchef Hans-Jürgen Abt, 56, liegt das auf der Hand. „Denn wo lässt sich die Kompetenz einer sportlichen Firma besser darstellen als im Rennsport?“

Etwa 1500 Fahrzeuge werden in Kempten pro Jahr nach individuellen Wünschen aufgebrezelt. Gut 10.000 weitere Abt-Karossen landen über ein enges Netz von 150 Händlern in Deutschland sowie Partnern in 50 Ländern beim Kunden. Über 700 PS packen die 110 Mitarbeiter ihren Spitzenmodellen unter die Haube – durch eine Motor-Operation und elektronisches Chiptuning. Kostenpunkt für derlei Luxuskarossen: 200.000 Euro oder mehr. Mit manchen Aufträgen ist ein Mitarbeiter drei Monate lang beschäftigt – etwa dann, wenn speziell gefertigte Carbon-Teile ein Auto leichter und damit schneller machen sollen.

Über 3500 Tuningelemente sind im Programm von Abt Sportsline

Die Philosophie ist bei allen Aufträgen dieselbe: „Wir geben Auto ein individuelles Gesicht, die Marke bleibt aber erkennbar“, sagt Hans-Jürgen Abt. 16 Ingenieure beschäftigt das Unternehmen für die Produktentwicklung. Was in Serie gehen soll, wird erst in der firmeneigenen Testhalle geprüft. Vier Klimaanlagen erlauben es, Motoren und Fahrzeuge bei Hitze, heftigen Minusgraden, orkanartigen Böen oder extremer Luftfeuchtigkeit an ihre Grenzen zu bringen. „Bis zu 400 km/h und 1000 PS Leistung lassen sich dort simulieren“, erläutert Sportmarketingchef Harry Unflath. Die Zusammenarbeit mit den Autoherstellern ist so gut, dass Abt Sportsline Vorserienautos erhält, um sich auf die Veredlung neuer Modelle vorzubereiten. „Wir geben viel Geld für Prüfverfahren und Produktsicherheit aus“, sagt Unflath. Das schlage zwar am Ende auf den Preis. Dafür könne der Kunde aber darauf vertrauen, dass alle Produkte TÜV-Zulassung und volle Garantie besitzen.

Über 3500 Tuningelemente hat die PS-Schmiede im Programm – vom Lenkrad bis zur 23-Zoll-Felge. Sie werden im Auftrag von Abt von anderen Firmen gefertigt und dann von Kempten aus an Händler und Importeure geliefert. Hinzu kommen 250 Merchandising-Produkte. Denn Abt verkauft nicht nur schnelle Auto, sondern auch Lifestyle. Da verwundert es nicht, dass Premiumkunden, darunter Spitzenmanager, Schauspieler und die Fußball-Stars des FC Bayern, auch mal zur exklusiven Golfpartie chauffiert werden.

Angesichts solcher Finessen würde kaum jemand vermuten, dass das Unternehmen 1896 als Pferdeschmiede begann. Getüftelt und „gemächelt“ wurde dort allerdings schon immer. So entwickelte Gründer Johann Abt eine Vorrichtung, mit der sich eine Kutsche spielend in einen Schlitten verwandeln ließ – und umgekehrt. Diese Winter-Kutsche war der Startschuss für ein Familienunternehmen, das über Jahrzehnte Fahrräder, Motorräder und Auto verkaufte und sich erst Anfang der 2000er Jahre ganz auf seine Stärken als Veredler konzentrierte.

Abt Sportsline: Seit 2013 gibt es eine Elektro-Sparte

„Kreativ sein, hartnäckig, offen für neue Technologien“ – in diesen Eigenschaften sieht Hans-Jürgen Abt auch heute noch den Treibstoff für das Unternehmen. „Themen abarbeiten, das funktioniert bei uns nicht. Wir wollen als Team ganz vorne landen, so wie im Rennsport.“ Diesen Spirit fordert er von jedem Mitarbeiter ein. 1985 forcierte der gelernte Kaufmann das Fahrzeugtuning bei Abt – erst frisierte er den Golf GTI, später den Audi 80. Auch die erste Filiale der Firma in Ludwigshafen ging auf sein Konto. Seit 1991 lenkt Hans-Jürgen Abt die Geschicke des Unternehmens, das Niederlassungen in den USA, Singapur und der Schweiz betreibt.

Dem Umbruch in der Autobranche sieht er gelassen entgegen. „Ich freue mich darauf, denn wir sind gut vorbereitet.“ Im Juli 2018 stellte Abt als erster Tuningstall die Elektroversion eines Straßenfahrzeugs vor. Der aufgepeppte Audi RS6E habe „super eingeschlagen“ und könnte durchaus in Serie gehen – vorausgesetzt, die Nachfrage passe. Parallel entwickelt die 2013 gegründete Abt-Elektro-Sparte mit der Hochschule Kempten einen E-VW-Bus und einen E-Caddy. 2020 sollen beide in Produktion gehen.

Dennoch ist Hans-Jürgen Abt überzeugt: „Verbrennungsmotoren werden noch lange die Oberhand behalten.“ Die Umstellung auf Stromer dauere in Deutschland zehn bis 20 Jahre. Und der Klimawandel? „Natürlich beschäftigt uns dieses Thema“, sagt Harry Unflath. Was vielfach nicht bekannt sei: „Durch die Motor-Optimierung bei unseren Verbrennern entstehen meist weniger Schadstoffe als bei konventionellen Fahrzeugen.“ Entscheidend sei aber immer der Kunde. Und der fahre auch künftig auf PS-starke Gefährte ab.

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