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Interview

30.04.2019

Bayerns IG-Metall-Chef: Soziale Spaltung ist im Freistaat enorm

Der Einkommens-Abstand zwischen Arm und Reich liegt auf Rekordniveau. Auch in Bayern droht soziale Ungleichheit - vor allem zwischen Nordbayern und Südbayern.
Bild: Oliver Berg/Archiv, dpa

Exklusiv IG-Metall-Chef Johann Horn warnt vor einer immer größer werdenden Schere zwischen Arm und Reich – gerade auch in Bayern.

Herr Horn, Sie haben als Spitzen-Gewerkschafter ein interessantes Hobby, wird erzählt.

Johann Horn: Ja, ich baue mir meine Möbel. Alles, außer Stühle fertige ich an. Und das möglichst aus heimischen Hölzern und aus dem Baum heraus.

Wie kommt man als Gewerkschafter der IG Metall auf ein solch hölzernes Hobby?

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Horn: Ich habe Werkzeugmacher gelernt. In meiner Lehrzeit hatte ich einen tollen Ausbilder, der uns nicht nur gezeigt hat, wie man mit Metall, sondern auch mit Holz umgeht. Am Anfang habe ich noch wie Viele Ikea-Möbel zusammengebaut. Dann fing ich an, alte Möbel zu renovieren und schließlich ging es los mit den Möbeln Marke Eigenbau.

Was sagt Ihre Frau, wenn Sie wieder in der Werkstatt verschwinden?

Horn: Sie freut sich über das Ergebnis und gibt auch Möbel bei mir in Auftrag. Manchmal macht sie auch die Entwürfe. Oft sage ich zu ihr: Das funktioniert nicht. Dann geht es aber doch. Für mich als Kopfarbeiter ist das Zimmern ein guter Ausgleich. Ich mag es Möbel zu bauen, weil ich sehe, wie aus Teilen ein Ganzes entsteht. Vielen Beschäftigten in Fabriken ist das leider nicht vergönnt. Sie arbeiten etwa in 10-Sekunden-Taktzeiten, wissen aber nicht, wo ihre Teile eingebaut werden.

Im Marxschen Sinne ist das entfremdete Arbeit.

Horn: Das stimmt. Ich bin aber der festen Überzeugung, dass Beschäftigte wissen sollten, wo ihre Teile eingebaut werden. Das würde sie noch mehr motivieren, genau zu arbeiten, weil sie wissen, welche Konsequenzen Fehler nach sich ziehen. Leider hat sich die Idee nicht in vielen Betrieben durchgesetzt, in Gruppen zu arbeiten, die Taktzeiten zu verlängern und Arbeit damit ganzheitlicher zu sehen. Leider kehrte man wieder zu kürzeren Taktzeiten zurück. Arbeit wurde verdichtet. Wir stehen wieder da, wo wir schon vor 30 Jahren standen.

Welche Folgen hat das?

Horn: Ich habe mit Kolleginnen und Kollegen gesprochen, die bei einem Automobilzulieferer am Band arbeiten. Sie erzählten mir, dass der Vorgesetzte den Mitarbeitern nahe gebracht habe, dass das von ihnen hergestellte Teil für einen Diesel-Motor niemals beschädigt werden dürfe. Man müsse es vorsichtig einpacken und darauf aufpassen, dass es nirgends anstoße. Das haben die Kolleginnen und Kollegen auch gemacht. Der Arbeitsprozess wurde darauf abgestellt. Dann baten mich die Mitarbeiter, ob ich es für sie organisieren kann, mal zu sehen, wo und wie dieses Teil eingebaut wird.

Hat das geklappt?

Horn: Ja. Und das Ergebnis war für sie ernüchternd.

Warum?

Horn: Ich habe mir mit den Frauen, die das Teil gebaut haben, die Produktionsanlage angeschaut, in der es verbaut wird. Die Frauen waren völlig verdutzt. Denn ihre Teile, die sie so sorgsam auf Geheiß ihres Vorgesetzten behandelt haben, wurden einfach unachtsam auf einen großen Haufen in eine Kiste geschüttet. Die Teile mussten also nicht wie ein rohes Ei behandelt werden. Insofern wäre es gut, wenn Beschäftigte wüssten, was am Ende mit ihrer Arbeit passiert. Wir müssen die Menschen wieder in den Mittelpunkt rücken. Dazu bietet die Digitalisierung eine enorme Chance.

Johann Horn ist IG-Metall-Chef in Bayern.
Bild: IG Metall, dpa

Inwiefern?

Horn: In der digitalen Arbeitswelt können wir die Kreativität der Menschen wieder nach vorne rücken. Wenn die einfachen, wiederkehrenden und belastenden Tätigkeiten tatsächlich zunehmend von Maschinen, also etwa Robotern übernommen werden. Wenn also solche Prozesse digital gesteuert werden, bekommen die Beschäftigten Raum, sich wieder kreativ zu betätigen.

Hoffentlich gibt es dann noch genügend Arbeit für alle, sonst wird es nichts mit der Kreativität. Bereitet es Ihnen nicht Sorgen, dass in der so wichtigen Auto-Industrie weniger Mitarbeiter notwendig sind, wenn Elektro-Autos verstärkt gekauft werden?

Horn: Hier herrscht noch eine große Unsicherheit. Manche Studien prophezeien in der Summe einen deutlichen Arbeitsplatzverlust, andere mehr Jobs. Wenn ich die bisherigen industriellen Revolutionen betrachte, fielen Arbeitsplätze wie beim Einzug der Computer vor 30 Jahren weg. Doch je besser der Sozialstaat ausgestattet war und je stärker Gewerkschaften waren, desto besser hat dieser Wandel geklappt. Heute verzeichnen wir eine Rekordzahl an sozialversicherungspflichtig Beschäftigten.

Doch neben Gewinnern gibt es auch Verlierer der Revolutionen.

Horn: Die soziale Spaltung ist enorm. Manche verdienen viel Geld, andere erschreckend wenig. Das ist nicht nur in Ostdeutschland so, sondern auch in Bayern. In Nordbayern sieht es zum Teil viel schlechter aus als in München und Ingolstadt.

Aber die IG Metall hat doch in den vergangenen Jahren für kräftige Lohnsteigerungen gesorgt.

Horn: Es gibt aber immer mehr Betriebe, die nicht tarifgebunden sind. Die Flucht aus dem Tarifvertrag hält an. So sind in der Metall- und Elektroindustrie nur rund 60 Prozent der Beschäftigten und etwa ein Viertel der Betriebe tarifgebunden, halten sich also an die Ergebnisse von Verhandlungen von Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite. Über alle Branchen hinweg sind nur 51 Prozent der Beschäftigten  tarifgebunden. Gerade viele kleine und mittelständische Unternehmen entziehen sich durch Tarifflucht ihrer gesellschaftlichen Verantwortung. Das ist ein sozialer Sprengstoff, gerade was den digitalen Wandel betrifft.

Warum wirkt sich die Tarifflucht beim digitalen Wandel so negativ aus?

Horn: Durch den digitalen Wandel müssen sich enorm viele Beschäftigte qualifizieren. Unternehmen, die diese Mitarbeiter nicht weiterbilden, werden künftig zu den Verlierern gehören. Natürlich ist in tarifgebundenen Firmen Weiterbildung erheblich besser gewährleistet als in nicht tarifgebundenen. Die Unternehmen müssen auf alle Fälle viel Geld auf den Tisch legen für die Weiterbildung ihrer Mitarbeiter. Das Geld ist da. Wir haben zehn Jahre Aufschwung hinter uns. Das Geld muss jetzt nicht nur in Maschinen, sondern in Menschen investiert werden.

Was kann der Staat machen?

Horn: Der Staat muss den Prozess begleiten. Es ist nicht hinnehmbar, dass wir in Bayern immer noch kein Weiterbildungsgesetz haben. Wir haben das gefordert. Vor der Wahl gab es positive Signale, auch von den Freien Wählern. Doch jetzt stehen die Chancen schlecht. Bayern und Sachsen sind die einzigen Bundesländer ohne ein Weiterbildungsgesetz. So haben die Beschäftigten während ihrer Arbeitszeit keinen Anspruch darauf, sich zu qualifizieren. Ich fordere Ministerpräsident Markus Söder und Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger auf, ihren Verweigerungskurs aufzugeben. Bisher folgt die Staatsregierung hier dem Arbeitgeberverband, der ein Weiterbildungsgesetz ablehnt.

Strukturwandel kann für Beschäftigte eine Falle sein, wenn sie nicht qualifiziert werden. Sie haben die Folgen des Strukturwandels einst als Gewerkschafter in Nürnberg erlebt.

Horn: Ich habe bei AEG meine Ausbildung gemacht. Da haben  noch rund 5000 Menschen Waschmaschinen, Trockner und Geschirrspüler gebaut. Es war undenkbar für die Menschen in Nürnberg, dass das Werk zugemacht  wird. Das Werk war wie eine Familie. Trotzdem ist es am Ende geschlossen worden.

Drohen solche Entwicklungen auch in der vor einem einschneidenden Wandel stehenden Autoindustrie?

Horn: Für Beschäftigte der Branche wirkt es sich positiv aus, dass Autokonzerne wie BMW und Volkswagen in Deutschland ihren Firmensitz haben. Die Marke AEG gehörte ja am Ende zum schwedischen Electrolux-Konzern. Damals haben Konzern-Lenker das Aus für AEG in Nürnberg verkündet, die das Werk noch nie gesehen hatten, also keine emotionale Bindung zu ihm hatten. Am Ende haben sie rein aus Kostenüberlegungen entschieden. In der deutschen Autoindustrie sitzen die Entscheider aber vor Ort, ob in München, Ingolstadt, Stuttgart oder Wolfsburg.

Noch einmal: Gelingt der Strukturwandel in der Autoindustrie?

Horn: Ich glaube, dass er gelingen kann. Trotz des Diesel-Skandals ist viel Geld da. VW, BMW oder Bosch haben Milliarden verdient. Der Strukturwandel muss so ausfallen, dass die Menschen davon profitieren und nicht nur die Erträge der Unternehmen steigen. Die Arbeitgeber sind in der Pflicht, den Beschäftigten Sicherheit im Wandel zu geben.

Doch in der Autoindustrie rumpelt es schon gewaltig. Audi-Chef Schot will Stellen streichen. Sie sind seit 2000 Aufsichtsrat des Unternehmens. Was droht den Mitarbeitern?

Horn: Audi ist in einer schwierigen Situation, aber das Unternehmen nagt ja nicht am Hungertuch. Ich habe in den letzten 19 Jahren als Aufsichtsrat eine ganze Reihe von Vorstandsmitgliedern erlebt. Einige waren gut für das Unternehmen, einige nicht. Fest steht für mich, dass der Diesel-Skandal nicht von einer Person verursacht wurde. Wir fordern nun vom neuen Vorstand ein, dass so etwas nie wieder passieren darf. Es waren Leute unterwegs, die betrogen haben. Wir müssen Vorkehrungen treffen, dass bei dem Unternehmen - moralisch betrachtet – keiner mehr bei Rot über die Ampel geht.

Haben Sie im Aufsichtsrat nichts von den Manipulationen der Abgas-Software mitbekommen?

Horn: Das war kein Thema im Aufsichtsrat. Ich wusste lange gar nicht, was ein defeat device, also eine elektronische Abschalteinrichtung ist. Ich musste das erst einmal lernen. Solche technischen Fragen waren  früher niemals Gegenstand im Aufsichtsrat. Das Wort „defeat device“ tauchte erst im Aufsichtsrat auf, als es zu spät war.

Nun mehren sich Forderungen nach einem Aus für Verbrennungsmotoren. Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter will die Neuzulassung dieser Motoren ab 2030 verbieten. Was sagt ein Gewerkschafter dazu?

Horn: Wir müssen Ruhe in diese Diskussion bringen. Es muss alles getan werden, um Fortbewegung mit dem Auto möglichst umweltfreundlich zu gestalten. Wenn es uns gelingt, dass es sich die Menschen auch künftig leisten können Auto zu fahren und wir die Beschäftigung sichern, habe ich kein Problem mit dem Umstieg aufs E-Auto. Aber Autofahren muss auch im Elektro-Zeitalter erschwinglich bleiben. Was ich nicht akzeptieren werde, ist, dass durch die Wende hin zur E-Mobilität Menschen massenhaft ihren Job verlieren und sich nur noch die Reichen ein Auto leisten und damit in den Urlaub fahren können. Wir dürfen das Umwelt- nicht gegen das Beschäftigungsthema ausspielen. Sonst spalten wir das Land.

Auch Diesel-Fahrer und Beschäftigte in der Autoindustrie sind für Klimaschutz. Setzen wir in Deutschland jetzt nach einem langen Schlaf zu radikal auf Elektromobilität?

Horn: Das ist meine große Sorge. Ich lehne deshalb ein Zwangs-Ausstiegsdatum, etwa im Jahr 2030, ab. Was machen wir, wenn die Verkehrswende bis dahin nicht klappt? In Bayern haben wir als IG Metall die Diskussion gegenüber Staatsregierung und Arbeitgebern angestoßen. Doch die Regierung hört leider zu sehr auf die Arbeitgeber, und damit zu wenig über die  Sorgen der Beschäftigten. Ich würde mir wünschen, dass auch die Positionen der Arbeitnehmer mehr Gehör in München fänden.

Was fahren Sie für ein Auto?

Horn: Einen Diesel.

Einen Audi?

Horn: Ja. Und wir brauchen den Diesel noch länger als Übergangstechnologie.

Tauschen Sie Ihren Diesel gegen ein E-Auto von Audi?

Horn: Momentan glaube ich, dass ein modernes Diesel-Fahrzeug, wie ich es fahre, noch eine bessere Umweltbilanz hat als ein E-Auto. Ich fahre meinen Diesel weiter.

Zur Person: Johann Horn, 61, ist in Planegg bei München geboren und aufgewachsen. Der Gewerkschafter machte dann eine Ausbildung zum Werkzeugmacher bei AEG in Nürnberg und engagierte sich früh in der IG Metall. 1999 kam er zur Gewerkschaft nach Ingolstadt und war dort von 2000 bis 2018 erster Bevollmächtigter. Seit November 2018 ist der verheiratete Vater von zwei Kindern Bezirksleiter der IG Metall Bayern.

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