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Arbeitswelt

18.08.2020

Bedingungsloses Grundeinkommen: 1200 Euro pro Monat für lau

Vertreter des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), des Max-Planck-Instituts und des Vereins "Mein Grundeinkommen".
Bild: Wolfgang Kumm, dpa

Ein Verein will 120 Leute in Deutschland bedingungsloses Grundeinkommen zahlen, um die Wirkung zu erforschen. Bewerben können sich alle, die über 18 Jahre sind.

Es ist eine Traumkombination. Über drei Jahre kommen jeden Monat pünktlich 1200 Euro auf dem Konto an, für die kein Finger gerührt werden muss. Gründe für ein schlechtes Gewissen gibt es keine, da die ganze Übung zum noblen Zweck der Wissenschaft geschieht. Der Verein "Mein Grundeinkommen" hat am Dienstag dieses Experiment mit den Forschern des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), dem Max-Planck-Institut und der Kölner Universität gestartet. Bewerben auf den Hauptgewinn können sich alle, die über 18 Jahre alt sind und in Deutschland leben. Bei der Zahl von einer Million Bewerbern ist Schluss, danach sieben die Wissenschaftler aus. Am Ende kommen 120 davon in den Genuss des Grundeinkommens, das ab Frühling nächsten Jahres ausgezahlt werden soll.

Was machen die Menschen mit dem Grundeinkommen?

Die Gruppe soll der Gesellschaft nachgebaut werden, um verallgemeinerbare Aussagen darüber herauszufinden, wie sich das Leben durch da Grundeinkommen ändert. Wechseln die Leute die Stelle? Arbeiten sie mehr oder weniger? Machen sie sich selbstständig? Engagieren sie sich im Ehrenamt im Sportverein oder der Feuerwehr?  "Wir haben noch keine richtigen Antworten darauf, die Debatte ist durch starkes Hoffen geprägt. Glauben hilft uns nicht mehr, wir wollen es wissen", sagte Michael Bohmeyer vom Grundeinkommens-Verein zum Auftakt des Projekts. Er und seine Mitstreiter beginnen nicht bei null. Über mehrere Jahre haben sie bislang an mehr als 650 zufällig ausgewählte Menschen jeden Monat 1000 Euro verschenkt, die Effekte aber nicht umfassend wissenschaftlich untersucht.  

Das Interesse am Thema ist groß. Bereits wenige Stunden nach dem Start hatten sich über das Internet mehrere zehntausend Teilnehmer bei dem "Pilotprojekt Grundeinkommen" beworben. Erhalten sollen das Geld Schüler, Studenten, Angestellte, Selbstständige, Arbeitslose, Arme, Reiche, Rentner. Bezieher von Hartz-IV oder Arbeitslosengeld I oder Hartz-IV müssen bei den Arbeitsämtern angeben, dass sie jeden Monat diese Summe erhalten. Ihre staatlichen Bezüge dürften deshalb kleiner werden.  Für die anderen sind die 1200 Euro nach Einschätzung der Initiatoren steuerfrei, weil sie juristisch als Schenkung deklariert sind. Denn finanziert wird das Experiment von 140.000 Spendern. Weil das Geld von so vielen Leuten kommt, ist sich Bohmeyer sicher, dass die Schenkungssteuer nicht greift, weil pro Spender nur ein vergleichsweise kleiner Betrag anfällt.

Grundeinkommen: Andere Länder haben die Wirkung schon erforscht

Während der drei Jahre werden die Teilnehmer mehrmals von den Wissenschaftlern befragt, wie sich ihr Leben verändert hat. Experimente mit Grundeinkommen hat es in mehreren Ländern gegeben, zuletzt prominent in Finnland. Per Zufall waren 2000 Arbeitslose ausgewählt worden, die jeden Monat 560 Euro vom Staat erhielten – ohne Auflagen, Bedingungen und Abzüge bei Zuverdienst. Die Ergebnisse fielen gemischt aus. Die Teilnehmer fühlten sich besser, empfanden weniger Stress und waren gesünder. Das Dickicht der Bürokratie wurde gelichtet.  Zu mehr Beschäftigung hat das Grundeinkommen jedoch nicht geführt.

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Die Diskussion ist geschlossen.

20.08.2020

Die Überschrift "1200 € für lau" zeigt, dass der Redakteur nicht verstanden hat, worum es geht. Es gäbe jetzt so viel zu schreiben, aber an dieser Stelle nur mein Bedauern an diese Zeitung dafür, dieses für die Zukunft existentielle Thema in die Proll-Ecke zu stellen.
Es gibt Vermutungen, dass
- in der Zukunft nicht mehr genug Arbeit für lauter Vollzeitstellen da ist, weil die Wirtschaft immer produktiver wird
- in Zukunft viel mehr, Millionen, Jobs kleine Selbständigkeiten und Services im Zuge der Digitalisierung sind
- im Zuge der Klimakatastrophe die Wirtschaften werden schrumpfen müssen, was aber wegen der Produktivität wenig ausmacht
Es ist bewiesen, dass
- Hartz IV die Menschen demotiviert und entmündigt und die völlig veraltete Haltung "ich muss mich schuldig fühlen wenn ich etwas bekomme ohne dafür zu leiden" ausdrückt
- die Sichtweise von Arbeit lediglich als Erwerbseinkommen im Gegensatz zu gemeinnütziger oder familiärer Arbeit unsere Gesellschaft kaputtstresst
Und hoffentlich wird durch die Studie bewiesen, dass ein BGE die Menschen mündig und kreativ und solidarischer und gemeinwohlorientierter macht, und in die Lage versetzt, die Stundenlöhne für unangenehmere Jobs auf ein gerechtes Niveau zu verhandeln.
Etc. Etc.
Das ist nicht proll, Herr Grimm, das ist die Zukunft der marktwirtschaftlichen Gesellschaft.

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19.08.2020

Ein guter Schritt, das bedingungslose Grundeinkommen endlich ins Visier zu nehmen. Wenn die Digitalisierung so fortschreitet wie gewollt und gedacht, wird man daran nicht mehr vorbeikommen. Man könnte ausufernde Verwaltung, Vereinsamung und Verwahrlosung in den Griff bekommen. Auf so manche zukunftsverängstigte Seele wäre dies Balsam. Ich würde mir wünschen, dass zumindest die Neiddebatte "Geld für Nichtstun kriegen … wo kommen wir da hin" endlich ein Ende hätte.

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19.08.2020

>> Ich würde mir wünschen, dass zumindest die Neiddebatte "Geld für Nichtstun kriegen … wo kommen wir da hin" endlich ein Ende hätte. <<

Es wird auch immer Menschen geben, die für Gerechtigkeit eintreten werden!

Und schminken Sie es sich ab; in einem Land mit freier Einwanderung in die Sozialsysteme wird es niemals ein bedingungsloses Grundeinkommen geben.

Wir brauchen endlich ein faires Deutschland das Arbeitnehmer nicht mehr mit den weltweit höchsten Sozialabgaben und Steuern ausnimmt!

https://www.welt.de/wirtschaft/article207627587/OECD-Bei-Steuern-und-Abgaben-ist-Deutschland-Spitzenreiter.html

>> Laut OECD hat Deutschland bei Steuern und Sozialabgaben unter den Industrieländern sogar Belgien vom Spitzenplatz verdrängt. <<

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20.08.2020

@ Peter P.

Die eigenen Verlinkungen bitte auch komplett lesen:

"Auch indirekte Steuern, wie die Mehrwertsteuer, würden von der OECD nicht berücksichtigt. Hier liege Deutschland nicht an der Spitze. Gehe es um die Besteuerung von Kapitaleinkommen und Vermögen, sei Deutschland günstiger als andere Länder. Hier sei Deuschland ein Niedrigsteuerland."

Ein wichtiger Ansatzpunkt beim Eintreten für Gerechtigkeit!

Nur Einkommensteuer und Sozialabgaben zu vergleichen - wie der WELT-Artikel über weite Strecken - sagt über die Gesamtbelastung der Arbeitnehmer eigentlich nichts aus.

Die Frage, wer den "Bazooka-Einsatz" letztendlich bezahlt, wird bei kommenden Wahlen eine große Rolle spielen. Die großzügigen Kurzarbeit-Regelungen, finanziert aus Mitteln der Arbeitslosenversicherung, beispielsweise, sollen nicht nur die Jobs der unteren Lohn- und Gehaltsklassen sichern, sondern die Existenz der Betriebe und damit die Arbeitsplätze aller Arbeitnehmer. Somit profitieren davon auch Bevölkerungsteile, die an der Finanzierung nicht oder nur bis zur Beitragsbemessungsgrenze herangezogen werden.

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