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Weltverbrauchertag 2015

14.03.2015

Beim Einkaufen mal kurz die Welt retten?

Am Sonntag ist Weltverbrauchertag. Beim Einkaufen stehen Verbraucher aber immer öfter vor einem Dilemma.
Bild: Oliver Berg (dpa)

Im globalisierten Konsum kommt immer mehr eine wichtige Frage auf: Wie kann der Verbraucher den Einkaufswagen mit gutem Gewissen füllen – und ist das überhaupt möglich?

Neulich gab’s mal wieder Garnelen. Vor wenigen Jahren hatte das noch etwas zu tun mit „Heut lassen wir’s uns mal gut gehen“ oder „Wir haben was zu feiern“. Mittlerweile haftet der Garnele nur noch ein Resthauch ihrer glamourösen Zeiten an – wenn die Medien nicht gerade „Blut-Garnelen“ zum Thema machen. Das war vergangenes Jahr, als Aldi Nord vorgeworfen wurde, das Fertiggericht „Spaghetti-Nester“ (in den Varianten Garnelen in Weißweinsauce sowie in Kräuter-Knoblauch-Öl) habe etwas mit Sklavenarbeit in Thailand zu tun. Erinnern Sie sich? Die britische Zeitung Guardian zitierte Betroffene aus Burma und Kambodscha: Zwanzig-Stunden-Schichten, Schläge, Folter, Morde…

Sie erinnern sich nicht? Kein Wunder. Bei Rinderwahn, Dioxin-Eiern, Gammelfleisch, Turnschuhen aus Kinderarbeit, Bluthandys und weiß der Geier. Erst mal aber, nicht dass das untergeht: Herzlichen Glückwunsch zum Weltverbrauchertag! Der ist nämlich diesen Sonntag – und wie der Name sagt dazu da, auf die Belange der Verbraucher aufmerksam zu machen; wir haben ihn, wie so einiges, den Amerikanern zu verdanken.

Am 15. März 1962 rief John F. Kennedy vor dem US-Kongress grundlegende Verbraucherrechte aus, etwa: vor unwirksamen oder gefährlichen Medikamenten geschützt zu werden. Es war der eigentliche Beginn der „Verbraucherpolitik“, ausgerechnet in der aufschwungsverliebten Nachkriegszeit, sozusagen dem Wilden Westen des kapitalistischen Wirtschaftssystems, noch fast ohne Präzedenzfälle und Grenzen für unternehmerisches Handeln.

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Weltverbrauchertag 2015: Wie einflussreich ist der Verbraucher?

Heute hingegen ist der Verbraucher (relativ) gut geschützt. Anscheinend sogar so gut, dass er allergisch auf zu viel Regulierung reagiert, auf so manche EU-Richtlinie etwa, die ihm ja eigentlich zugutekommen soll. Vielleicht hat das aber auch mit einer Art Selbstermächtigung zu tun, denn: Der Verbraucher ist heute auch äußerst einflussreich. Das suggeriert zumindest die seit Jahren in Universitäten, Büchern, Zeitschriften und Talkshows viel diskutierte, schon etwas abgenutzte, aber nicht weniger deutungsstarke Idee des politischen, moralischen, grünen oder strategischen Konsums.

In Deutschland wurde sie vor knapp zehn Jahren mit Büchern wie „Die Einkaufsrevolution. Konsumenten entdecken ihre Macht“ bekannt. Der dabei anvisierte „politische Konsument“ ist einer, der so zu leben trachtet, dass der Rest der Welt nicht oder möglichst wenig darunter zu leiden hat. Denn: Irgendwann hatte sich herumgesprochen, dass der handgewebte Teppich für 9,95 oder die Packung Hackfleisch für 99 Cent nicht deshalb so billig sind, weil gerade die Sternenkonstellation im Universum besonders günstig ist.

"Moralisierung der Märkte" durch fairen und nachhaltigen Konsum

Nein, vielmehr stellte sich überraschenderweise heraus, dass Garnelen so billig sind, weil irgendwelche armen Schweine irgendwo auf dem Meer tonnenweise Fisch zu tonnenweise Fischmehl verwursten, welches dann den Garnelen in den Aquakulturen verfüttert wird. Oder dass unsere Massen an Fleisch nur deshalb verfüg- und bezahlbar sind, weil dafür tonnenweise Tierfutter aus Südamerika über den Ozean gekarrt wird. Und dass in Südamerika für all das Soja, das unsere Tiere fressen, Regenwaldgebiete gerodet und millionenliterweise Pestizide aus Flugzeugen gesprüht werden. Man hört auch von brasilianischen Sojafeld-Anwohnern mit mysteriösen schwarzen Flecken am ganzen Körper, mit Missbildungen, Hirnschäden oder Krebs.

Das hat zur Folge, dass der moderne Mensch und Konsument sich nicht mehr ganz so wohl in seiner Haut fühlt. Der „faire“ und „nachhaltige“ Konsum war geboren, trat endgültig aus der von Sandalenträgern bevölkerten Müsli-Nische; und seither ist überall und längst auch in den Discountern zu finden: faire Schokolade, fairer Kaffee, faire Blumen, das volle Programm.

Der Soziologe Nico Stehr spricht von einer „Moralisierung der Märkte“. Diese sei dadurch gekennzeichnet, dass Kaufentscheidungen nicht mehr alleinig und zuerst durch das Motiv der Nützlichkeit getätigt werden, sondern zunehmend auch moralische Kalküle eine Rolle spielen. Als wesentliche Gründe dafür sieht Stehr den gewachsenen Wohl- und Wissensstand der Verbraucher.

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Bild: dpa

Der Staatsbürger wandelt sich zum Verbraucher

So weit, so gut. Das Interessante aber kommt erst: Ein bedeutsames Merkmal jener Moralisierung ist für den Soziologen, dass bestimmte Eigenschaften des Staatsbürgers auf den Verbraucher übertragen werden. Mit anderen Worten: Die per Verfassung festgeschriebene Mitbestimmung des Volkes über die Regeln und die Lebenswirklichkeit im Land passiert nicht mehr notwendigerweise an der Wahlurne oder bei Volksbegehren, sondern immer mehr im Einkaufswagen.

Der Akt des Kaufens wird so zu einem der Veränderung. Was übrigens gerade auch für das Gegenteil, den Akt des Nicht-Kaufens, gilt: Am eindrucksvollsten zeigte sich diese Macht 1995 im Boykott gegen den Ölkonzern Shell wegen der geplanten Versenkung der Ölplattform Brent Spar. Der Aufruf von Umweltschutzorganisationen, Shell-Tankstellen zu meiden, soll dem Unternehmen in Deutschland Umsatzeinbußen von bis zu 50 Prozent verursacht haben. Die Plattform wurde nicht versenkt (was bis heute umstritten ist).

Weltverbrauchertag: Werden Verbraucher überfordert?

Verbraucher haben also Macht auf dem Markt und somit in der Welt und könnten diese dadurch zu einem besseren Ort machen. Es gibt nur noch ein klitzekleines Problem in der Umsetzung. Und zwar erweist sich gerade der Faktor als problematisch, den der Soziologe Stehr ins Zentrum seiner Theorie stellt: das Wissen, die Informiertheit. Diese herzustellen ist in der Realität nämlich nicht ganz einfach.

Wenn ich etwa zurückverfolgen will, wie und wo mein Smartphone hergestellt wurde, stoße nicht nur ich an meine Grenzen, sondern auch der Hersteller des Smartphones an seine. Der nämlich lässt es bei einem Kontraktfertiger bauen, also einem Zulieferer, der wiederum hat Zulieferer, die haben Zulieferer …

Manch verzweifelter Konsument klagt deshalb nicht ganz zu Unrecht darüber, dass er so gesehen ja gar nichts mehr konsumieren könne. Oder dass er zumindest einen großen Teil seiner Zeit damit verbringen müsste, Herkunftsangaben auf dem Produkt oder im Internet zu studieren. Und das bei der Vielfalt im Supermarktregal! Joghurt Erdbeer-Maracuja, Kiwi-Melone, Passionsfrucht-Mango, Low-Fat, laktosefrei, linksdrehend, vegan, mit Cerealien, glutenfrei oder Frozen-Piña-Colada? Dann noch die Wahl des (möglichst ökologisch korrekten), natürlich preisgünstigen Strom- oder Mobilfunkanbieters … Den „König Verbraucher“ überkommt da schon mal ein leichtes Überforderungsgefühl.

Siegel und Zertifikate sollen den Verbrauchern helfen

Die Abhilfe folgt aber Gott sei Dank auf dem Fuße: das Produktsiegel, Label oder Zertifikat, das dem Käufer kontrollierte Produktionsbedingungen garantiert. Beziehungsweise garantieren soll. Es fing an mit dem Fair-Trade- und dem Bio-Siegel im Nahrungsmittelbereich. Inzwischen gibt es kaum eine Produktsparte, in der Labels nicht wie Pilze aus dem Boden sprießen. Spätestens nachdem in Bangladesch Näherinnen (unter anderem für C&A) von einem einstürzenden Gebäude getötet wurden, erlebt die Textilbranche einen Zertifizierungsboom. Auch im Bereich Elektrogeräte arbeiten Hersteller und Händler an Kontrollen und Zertifizierungen.

Natürlich: Diese können ihr Gutes haben. Wer beispielsweise die Kriterien von Demeter oder Bioland studiert, der sieht, dass hier viel verlangt wird (zum Beispiel darf das Futter für das Demeter-Huhn kein Gen-Soja aus Brasilien sein). Wo also ist der Haken am Siegel? Es besteht beispielsweise das Risiko einer Art Ablasshandels. Mit einem Label auf dem Smartphone kann sich der Konsument so jedes Jahr „guten Gewissens“ ein neues kaufen. Nebensächlich ist dann, dass in dem Gerät knappe Rohstoffe und viel Produktionsenergie stecken und dass eine kurze Nutzungsdauer zu einer hundsmiserablen Ökobilanz führt.

Zu viele Siegel? Unübersichtlichkeit macht es Verbrauchern schwer

Zudem brauchen Zertifizierungen starke Kontrolle, idealerweise nicht vom Produzenten, sondern von verbrauchernahen Institutionen. Und letztlich schafft jedes neue Zertifikat, Label oder Siegel wieder tendenziell die Unübersichtlichkeit, die es ja eigentlich beseitigen soll. Auch hier muss der Verbraucher also – will er es sich nicht allzu leicht machen – wieder genau hinschauen, sich informieren …

Was ist also zu halten vom politischen Konsum? Dass Verbraucher nicht nur egoistisch, sondern über den Tellerrand denken, ist ja erst mal löblich. Dass sie sich mit Internet und Co noch schneller informieren und vernetzen können, ist zudem förderlich. Auch Zertifizierungen, transparente Standards können helfen.

Andererseits täte es im Prinzip auch der gesunde Menschenverstand, gesundes Maßhalten – wenn man so will, ein bewusstes „Weniger“, was ja auch ein „Mehr“ sein kann: Früher hat man sich wie eingangs erwähnt riesig gefreut, wenn es mal Garnelen gab. Früher war auch das Sonntagsessen, der Braten, die Suppe vorweg etwas Besonderes einfach aus dem Grund, weil nicht die ganze Woche über Fleisch und eigentlich alles, worauf ich gerade Lust habe, verfügbar war.

Auch das Konzept des politischen Konsumenten hat einen Haken

Eine Sache ist übrigens besonders bedenkenswert am Konzept des politischen Konsumenten: Die Betonung liegt nämlich auf Konsum. Damit wird erstens der Bürger, kauft er nur „richtig“ ein, aus der Verantwortung entlassen, sich politisch für eine wie auch immer geartete, „gerechte Welt“ einzusetzen. Zweitens aber auch die Politik selbst: Während Verbraucher und Produzenten mit dem Finger gegenseitig aufeinander zeigen und Verantwortungs-Ping-Pong spielen, kann diese sich getrost zurücklehnen. Der Markt wird’s schon richten.

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