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Konjunktur

11.06.2019

Bundesagentur für Arbeit bereitet sich auf Anstieg der Kurzarbeit vor

Detlef Scheele ist Vorsitzender des Vorstands der Bundesagentur für Arbeit.
Bild: Daniel Karmann (dpa)

Exklusiv Detlef Scheele, Chef der Bundesagentur für Arbeit, erwartet Folgen der Konjunktur-Abkühlung. Die Integration von Flüchtlingen laufe dagegen besser als erwartet.

Die Bundesagentur für Arbeit bereitet sich angesichts der abkühlenden Konjunktur auf einen starken Anstieg der Kurzarbeit in verschiedenen Industriebranchen vor. „Wir untersuchen in hausinternen Szenarien, ob wir in der Lage wären, bei Bedarf kurzfristig sehr viel Kurzarbeitergeld auszuzahlen“, sagte Arbeitsagenturchef Detlef Scheele im Gespräch mit unserer Redaktion. Dies betreffe in erster Linie das verarbeitende Gewerbe. „Bei diesen Firmen steigt der Beratungsbedarf, was eine mögliche Kurzarbeit betrifft“, sagte Scheele.“ Auch die Zahl der Zeitarbeiter geht gerade im Autozulieferbereich zurück“, fügte er hinzu

Scheele betonte jedoch, dass der Arbeitsmarkt weiterhin sehr robust sei: „Wir sind weit entfernt von einer Rückkehr zu einer spürbaren Arbeitslosigkeit“, sagte der Präsident der Bundesagentur für Arbeit. „Das Entlassungsrisiko war in Deutschland noch nie so gering wie heute“, betonte er. „Viele Unternehmer halten an Mitarbeitern fest, weil sie wissen, dass sie solche Fachkräfte so schnell nicht wieder bekommen“, erklärte Scheele. Dazu komme ein anhaltender Beschäftigungsaufbau im Pflegebereich. „So bleibe ich trotz einer sich eintrübenden Konjunktur vorsichtig optimistisch für den Arbeitsmarkt“, sagte der Chef der Nürnberger Arbeitsbehörde. Die Bundesagentur gehe „nach wie vor davon aus, dass in diesem Jahr die Zahl der Arbeitslosen gegenüber dem Vorjahr um 140.000 sinken wird.

Ziele bei Integration von Flüchtlingen übertroffen

Laut Bundesagentur-Präsident Scheele geht auch die Integration der Flüchtlinge in den deutschen Arbeitsmarkt besser als geplant voran.  „Unser Ziel war, von den Migranten, die von 2015 bis 2017 eingereist sind, pro Jahr rund zehn Prozent in den Arbeitsmarkt zu integrieren, das Ziel haben wir übertroffen“, sagte Scheele der „Augsburger Allgemeinen“. „Inzwischen sind 304.000 Flüchtlinge sozialversicherungspflichtig beschäftigt und 71.000 Migranten sind geringfügig beschäftigt“, sagte er „Das heißt: Gut 30 Prozent der Menschen, die zu uns gekommen sind, sind in den Arbeitsmarkt integriert – und das ohne Förderung“, betonte er.

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„Gut.28 000 Flüchtlinge machen derzeit eine Ausbildung, sie tragen dazu bei, den Mangel an Lehrstellenbewerbern zu lindern“, sagte Scheele. „Wir haben schon viel erreicht. Wir kommen voran mit der Integration und können es auch bezahlen.“ 456.000 Flüchtlinge suchen laut Scheele noch eine Arbeit und 196.000 sind arbeitslos gemeldet.

„Was nicht gut läuft, ist die Integration von Frauen“, sagte der Präsident der Bundesagentur. Nicht weil es zu wenig Jobs, sondern kulturelle Probleme gebe.  „In Ländern wie Syrien ist die Erwerbstätigkeit von Frauen unterdurchschnittlich ausgeprägt“, sagte der Bundesarbeitsagenturchef. „So gehen viele Migrantinnen nicht zur Arbeit, auch weil das ihre Männer nicht wollen“, erklärte er. Die Arbeitsagenturen versuchten nun Vorbehalte der Betroffenen abzubauen, etwa indem sie Migrantinnen überzeugen  ihre Kinder in Kitas oder Kindergärten zu geben, sagte Scheele.

Erste positive Bilanz bei Förderprogramm für Langzeitarbeitslose

Der Chef der Bundesagentur für Arbeit zog zudem eine erste positive Bilanz für das neue Programm, zusammen mit den Kommunen schwer vermittelbare Langzeitarbeitslose in geförderte Jobs zu bringen. : „In kurzer Zeit haben bereits rund 17 000 Frauen und Männer eine Beschäftigung aufgenommen, das ist eine erfreuliche Zahl“, sagte Scheel der Zeitung. „Wir sind mit den ersten Erfahrungen sehr zufrieden“, erklärte er. „Endlich haben wir ein Instrument in der Hand für Menschen, bei denen bisher alle Bemühungen nicht wirklich in Arbeit geholfen haben.“

Ein Teil der Arbeitsplätze könne  bis zu fünf Jahre und bis zu 100 Prozent gefördert werden. „Es kommen schnell neue Stellen hinzu“, sagte Scheele. Die ehemaligen Langzeitarbeitslosen bekämen dabei einen Coach an die Seite gestellt. „So kommt Stabilität in das Leben dieser Menschen“, sagte Scheele. „Die Kinder sehen also, dass auch ihre Eltern aus dem Haus gehen, wenn sie in die Schule gehen“, fügte er hinzu. Das Projekt soll die Gefahr, dass Langzeitarbeitslosigkeit vererbt wird, verringern“, erklärte der Agenturchef. „Wenn wir das bei 40 000 Teilnehmern schaffen, wäre es ein großer Erfolg.“

Scheele schlägt höheren Regelsatz für Hartz-Empfänger vor, „die viele Jahre gearbeitet haben“

Zugleich sprach sich Scheele für eine Reform der Hartz-IV-Gesetze aus. „Ich plädiere für eine Reform mit Maß und Mitte“, betonte Scheele. „Ich könnte mir einen höheren Regelsatz für Menschen vorstellen, die viele Jahre gearbeitet haben“, sagte der Präsident der Bundesagentur für Arbeit der Zeitung. „ Andererseits muss auch eine Verkäuferin im Supermarkt den Regelsatz als gerecht empfinden, sie bezahlt ihn über ihre Steuern mit“, betonte Scheele. Auch sollte mehr Geld in die Weiterbildung von Langzeitarbeitslosen investiert werden. „Wir sollten die Grundsicherung behutsam renovieren, statt sie abzureißen“, betonte Scheele.

Das vollständige Interview mit Detlef Scheele lesen Sie hier.

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