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Unternehmen der Region

11.11.2019

Busse aus Neu-Ulm: Zu Besuch im einzigen bayerischen Daimler-Werk

Station für Station werden im Daimler-Werk in Neu-Ulm Busse gefertigt. In so einem Fahrzeug steckt jede Menge Handarbeit.
Foto: Horst Hörger

Plus In Neu-Ulm baut der Stuttgarter Konzern Busse. Die Marke Setra geht auf ein berühmtes Unternehmen zurück, das eng mit der Wirtschaftsregion Ulm verbunden ist.

Draußen steht die elektrische, wunderbar leise fahrende Zukunft, drinnen die Vergangenheit. Vor dem Kundencenter des Neu-Ulmer Bus-Werks des Daimler-Konzerns parkt ein eCitaro, also das Elektro-Busmodell des Unternehmens, welches schon in Städten wie Berlin, Hamburg und Oslo klimaschonend unterwegs ist. Die Batterien befinden sich im Dachbereich.

Das Fahrzeug wird im Mannheimer Werk gebaut und in Neu-Ulm lackiert. Im einzigen bayerischen Produktionswerk des baden-württembergischen Automobil-Konzerns befindet sich auch das Kompetenzzentrum für Sicherheits- und Assistenzsysteme. Diese werden in Elektro- wie anderen Stadt-, Reise- und Überlandbussen eingesetzt.

Am Daimler-Standort in Neu-Ulm arbeiten 3900 Mitarbeiter

Dank eines Radar- und Sensorsystems bremsen solche Gefährte auch bei einer Geschwindigkeit von 50 Kilometern derart kontrolliert ab, dass sie vor einem Hindernis zum Halten kommen, ohne stehende Passagiere damit zu sehr in Verlegenheit zu bringen. Biegt der Fahrer rechts ab, hilft ihm ein spezielles Assistenzsystem, dass er im toten Winkel keinen Radfahrer oder Fußgänger übersieht. So können Unfälle vermieden werden.

Drinnen im Setra-Kundencenter des Standortes mit rund 3900 Mitarbeitern steht neben den abholbereiten aktuellen Omnibussen auch die glänzende Vergangenheit des Unternehmens in Form eines Nachbaus des beige-braun lackierten „Wiblinger Autos“. Es war schon ein richtiger motorgetriebener Omnibus. In ihm konnten 18 Passagiere sitzend und zehn stehend vom Ulmer Münsterplatz in rund 25 Minuten die knapp zehn Kilometer lange Strecke nach Wiblingen zurücklegen. Der Omnibus ist ein echter Hingucker. Ein Bild von 1911 zeigt, wie Karl Heinrich Kässbohrer vor der automobilen Legende, sozusagen dem Urvater der Linien-Omnibusse, steht.

1995 wurde Setra von Daimler gekauft

In Ulm wurde und wird heute bei Daimler Automobilgeschichte geschrieben – und die ist eng verknüpft mit der Familie Kässbohrer und dem ebenso bekannten Markennamen „Setra“, dessen Buchstaben allesamt im Wort „selbsttragend“ stecken. Denn genau nach dem Prinzip haben die Brüder Karl und Otto Kässbohrer nach dem Zweiten Weltkrieg die Aufbauten ihre Omnibusse konstruiert. Beide leisteten in Ulm ihren Beitrag zur Automobilgeschichte, Otto im Omnibusbau und Karl, was Nutzfahrzeuge und das von ihm kreierte Pistenpflegegerät „PistenBully“ betrifft. Doch 1995 kaufte Daimler Setra und legte seine Bus-Sparte mit dem Unternehmen zusammen.

Unter dem Dach der größten Konzern-Tochter EvoBus GmbH wurden beide Marken – Setra wie Mercedes-Benz – gebündelt. Heute ist die EvoBus GmbH als 100-prozentige Tochter für das europäische Busgeschäft innerhalb des Geschäftsfelds Daimler Buses verantwortlich. Damit haben die Kässbohrers neben Gottlieb Daimler und Carl Benz in der Ruhmeshalle des Weltunternehmens Platz gefunden. Ein kleines Eckchen der geballten baden-württembergischen Tüftler-Macht ist dank des großen Neu-Ulmer Standortes weiß-blau, ohne dass die bajuwarisch-farbliche Ausfransung bisher dezidiert im Daimler-Kosmos Erwähnung fand.

Wenn aber etwa Bayerns Ministerpräsident Markus Söder das Bus-Werk am Rande des Freistaats besuchen würde, könnte er sozusagen „seinen“ Daimler-Standort besichtigen. Dabei handelt es sich um ein besonderes Werk, zählen doch die Omnibusse der Marke Setra zur Premium- und Luxusklasse. In der Fabrik werden auch alle Sitze selbst hergestellt und die Bezüge für sie zugeschnitten und genäht. In Neu-Ulm fertigen etwa 100 Mitarbeiter 200.000 bis 250.000 Sitze pro Jahr. „Des macha ma selber“, sagt ein Mitarbeiter in der Fertigung und lacht. Hier heißt es: „Wir verkaufen Kunden Individualität. Und die Busbetreiber verkaufen ihren Kunden Reiseerlebnisse.“

Daimler-Werk in Neu-Ulm: Jeder Bus ist ein Unikat

Das führt zu hohen Ansprüchen an den Hersteller und schon mal zu längeren Besprechungen, in denen Stoffe für die Sitze, den Boden und die Decke sowie die Außenlackierung samt speziellen Designs ausgesucht werden. Da findet sich oft die ganze Familie eines Bus-Unternehmens, manchmal mit Hund, im Setra-Kundencenter wieder. Die meisten Kunden führen mittelständische Betriebe. Jeder Bus ist eine Einzelanfertigung. Die immense Vielfalt erfordert kundige Berater, Handwerker, Facharbeiter und Ingenieure, die den Extra-Wünschen entsprechen können. Das garantiert, wenn die Geschäfte so gut wie jetzt laufen, ein hohes Maß an Beschäftigung. Es steckt eben viel Handarbeit im Detail. Jeder Bus ist quasi ein Unikat, in dem reichlich Sonderwünsche der Kunden, was Ausstattung und Design betrifft, stecken.

Busse lassen sich anders als Autos nicht am Fließband mit hunderten Robotern fertigen. Sie entstehen Station für Station. Um sie herum arbeiten viel mehr Menschen als in einer Autofabrik. Es dauert etwa acht Wochen, bis ein Omnibus fertig ist. Die Karossen der Fahrzeuge werden an den Daimler-Standorten Mannheim und Holysov in Tschechien produziert und nach Neu-Ulm geliefert. Das bayerische Werk ist dann für die Lackierung aller Daimler-Busse zuständig. Dafür steht dort eine der weltweit größten Anlagen dieser Art für Omnibusse zur Verfügung.

In dem Bereich arbeiten in Neu-Ulm rund 400 Frauen und Männer. Daimler-Bus-Chef Till Oberwörder ist stolz, dass „wir der einzige Bushersteller sind, der noch in Deutschland produziert“. Ohne die Cleverness und den Ideenreichtum der Mitarbeiter wäre das nicht möglich, fügt er hinzu. Die Auslastung des Neu-Ulmer Werks bewege sich auf einem stabilen Niveau. Oberwörder geht von einem weiter soliden Reisebusgeschäft aus.

Das Bus-Werk bleibt in der Region Neu-Ulm/Ulm einer der beliebtesten Ausbildungsbetriebe. Im September wurden 59 Lehrlinge eingestellt. Sie tragen stolz den Daimler-Blaumann. In der Lehrwerkstatt lernen einige von ihnen mit der virtuellen Spritzpistole zu lackieren. Dank Computertechnik lässt sich simulieren, wie sich eine bestimmte Fläche möglichst gleichmäßig und mit wenig Lack ausfüllen lässt. Am Ende geht es schon hier um Zukunftstechnologien, Qualität und Effizienz – Disziplinen, die deutsche Firmen gut beherrschen und dadurch Jobs auch am heimischen Hochlohn-Standort sichern.

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